Winterthur

Blei und Zink am Kopfsalat

Bevor man im eigenen Hausgarten Gemüse pflanzt, lohnt sich manchmal eine Bodenuntersuchung. Winterthurer Hauseigentümer haben Besorgniserregendes festgestellt.

Mehr als ein Dutzend solcher Säcke belasteten Bodens trägt Matthias Gfeller aus seinem Garten ab. Er will sie durch frischen Humus und Kompost ersetzen. Foto: Enzo Lopardo

Mehr als ein Dutzend solcher Säcke belasteten Bodens trägt Matthias Gfeller aus seinem Garten ab. Er will sie durch frischen Humus und Kompost ersetzen. Foto: Enzo Lopardo

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Der Garten hinter dem hübschen Reihenhäuschen an der Sonnenbergstrasse gleicht zurzeit einer Baustelle. Ein gutes Dutzend mit Erde gefüllter Säcke stehen schon zum Abholen bereit. Und Matthias Gfeller ist weiter am Schaufeln.

Der ehemalige Stadtrat trägt in all seinen Gemüsebeeten etwa vierzig Zentimeter Erde ab und lässt sie durch eine Gartenbaufirma ersetzen. Denn im Frühling hat der Hausbesitzer eine Bodenprobe erstellen lassen, die ziemlich beunruhigend ausfiel: Die Grenzwerte für Blei und Zink waren deutlich überschritten, jener für Kadmium lag an der oberen Grenze.

«Die Beschaffenheit des Bodens hat mich misstrauisch gemacht.»

«Seit letztem Jahr habe ich in meinem Garten mehr Gemüse angebaut», sagt Gfeller, der nach seinem politischen Mandat wieder als selbstständiger Raumplaner tätig ist. «Doch die Beschaffenheit des Bodens hat mich misstrauisch gemacht.»

An manchen Stellen sei die Erde dunkel und sandig gewesen. Zudem fand Gfeller ein paar glasige Brocken, bei denen es sich wohl um Schlackensteine aus der Industrie handelte. «In dieser Gegend, unterhalb des Eschenbergwaldes, hätte ich eher lehmigen Boden erwartet», erklärt der studierte ETH-Ingenieur.

Vor fünf Jahren hat er das Haus im Breitequartier gekauft. Weil er aufgrund seines Berufs für das Thema Altlasten sensibilisiert ist, hatte er zuvor noch einen Blick ins Grundbuch geworfen sowie die kantonalen Pläne konsultiert, in denen Zonen mit belasteten Böden gekennzeichnet sind. Doch er hatte keine entsprechenden Einträge gefunden.

Als Dünger gebraucht

Wahrscheinlich wohnten in den Häusern ehemalige Mitarbeiter der Firma Sulzer, vermutet Gfeller. «Diese haben wohl Rückstände aus der Giesserei mitgenommen und in ihrem Garten verwendet.» Der in der Schlacke enthaltene Phosphor lässt Pflanzen gut gedeihen. Das krümelige Material sorgt zudem für einen lockeren Boden. Doch gleichzeitig gelangen beim Ausbringen auch Stoffe auf das Grundstück, welche die Gesundheit gefährden können.

«Vermutlich haben Mitarbeiter der Giesserei die Rückstände als Dünger verwendet.»

Matthias Gfeller,
Raumplaner und Ex-Stadtrat.

Gfeller liess bei der Firma Bachema in Schlieren zwei Konfitüregläser voll Erde analysieren. Je nachdem, wie viele Stoffe getestet werden sollen, kostet ein Probe zwischen 300 und 600 Franken. Nach dem Eintreffen der Resultate erkundigte sich Gfeller bei der kantonalen Fachstelle Bodenschutz, was die erhöhten Werte zu bedeuten hätten.

Die Fachleute teilten ihm mit, dass der Boden bei einem Umbau saniert werden müsste. Bedenklich wäre der Zustand auch, wenn Kinder unbeaufsichtigt im Garten spielen würden. Da dies bei Gfeller und seiner Partnerin nicht der Fall ist, bestehe aber kein dringender Handlungsbedarf.

Doch so richtig geniessen konnte der Hobbygärtner die eigenen Gurken und Tomaten fortan nicht mehr. Bei der landwirtschaftlichen Forschungsanstalt Strickhof erhielt er den Rat, nur noch Gemüse anzubauen, das deutlich über der Erde wächst. Himbeeren und Stangenbohnen zum Beispiel seien problemlos, erfuhr er. Nicht zu empfehlen ist hingegen Wurzelgemüse wie Sellerie, Randen, Kartoffeln und Karotten. Sie müssten vor dem Essen gut geschält werden. Auch von Nüsslisalat und Erdbeeren raten die Experten ab. Die Schwermetalle können anscheinend nicht in die Pflanzen eindringen, haften jedoch an der Erde.

«Unser Garten ist verseucht»

Der kleine Privatgarten ist im Breitequartier kein Einzelfall. Nur etwas oberhalb von Matthias Gfeller wohnt Heiner Dübi mit seiner Frau Ursula, die dort aufgewachsen ist. Im Frühling konnten die beiden das Haus übernehmen. Auch Dübi fiel die für diese Gegend unübliche Bodenstruktur auf.

Nachdem der Nachbar ihm von den gefundenen Verunreinigungen erzählt hatte, liess er seinen Boden ebenfalls analysieren. Bei ihm fielen die Werte für Blei, Kadmium und Kupfer noch beunruhigender aus. Etwas später entnahm der gelernte Biologielaborant an 16 verschiedenen Stellen erneut eine Probe, stellte daraus eine Mischerde her und schickte sie abermals ein. Die zweite Probe bestätigte das erste Resultat.

«Unser Boden ist verseucht», sagt Dübi. Beim Gärtnern habe er manchmal auffällige Schwielen an den Händen bekommen und viele Pflanzen und Blumen würden schlecht gedeihen. «Ich arbeite nur noch mit Handschuhen im Garten.» Ursula Dübi leidet zudem an Gehbeschwerden, die ein Naturmediziner auf eine schwere Blei- und Kadmiumvergiftung zurückführt.

Dazu habe bestimmt auch das Gemüse aus dem Garten der Eltern beigetragen, ist ihr Ehemann überzeugt. Sie hat es bereits als Kind regelmässig gegessen und später auch immer wieder geschenkt bekommen. Im Breitequartier sei wohl einmal grossräumig Material aus der Industrie ausgeschüttet worden, vermutet Dübi. Doch auch viele andere Gärten der ehemaligen Arbeiterhäuser in Winterthur könnten belastet sein.

Achtung bei altem Haus

Beim Kanton ist man sich der Problematik bewusst. «Bodenbelastungen mit Blei, Zink und Cadmium sind in Altbau- und städtischen Gebieten nicht selten», sagt Wolfgang Bollack von der Medienstelle der Baudirektion. Der Grossteil davon stamme von Luftschadstoffen aus Gewerbe, Industrie, Verkehr und Heizungen.

«Ich arbeite im Garten nur noch mit Handschuhen.»Heiner Dübi
Hausbesitzer am Vogelsang.

Und wie von den betroffenen Winterthurern vermutet, seien in der Vergangenheit auch Industrieabfälle wie Giessereisande, Schlacken und Aschen als Dünger in den Boden eingebracht worden. «Zahlreiche Bodenuntersuchungen zeigen, dass in älteren Gärten und allgemein in Altbaugebieten mit höheren Belastungen zu rechnen ist als in jüngeren», sagt Bollack.

Verunreinigungen werden auch häufig in Familiengartenanlagen festgestellt sowie in alten Rebbergen, entlang von stark befahrenen Strassen, bei korrosionsgeschützten Objekten sowie bei alten Deponien und Schiessanlagen. Auf solche früheren Nutzungen lassen manchmal Flurnamen schliessen. So befand sich zum Beispiel beim Schützenweiher früher eine Schiessanlage, weshalb dort ein Areal gemäss Angaben des kantonale Katasters der belasteten Standorte im GIS-Browser als belastet ist. Bei den Fussballplätzen Schützenwiese und Flüeli dagegen stammt die angegebenen Rückstände von einer früheren Deponie.

«Ob saniert werden muss, hängt von der Nutzung des Areals ab», erklärt Bollack. Sind die kritischen Substanzen etwas tiefer im Boden angesiedelt, können auf dem Areal auch Kinder ohne Gefahr spielen oder Sport treiben. Sollen jedoch Lebensmittel angebaut werden oder ist das Grundwasser tangiert, bestehe Handlungsbedarf. Winterthur als ehemalige Industriestadt ist fast vollständig im Prüfperimeter für Bodenverschiebungen verzeichnet. Das heisst, dass bei einem grösseren Aushub das Material untersucht werden muss, damit keine Verschmutzungen in andere Gebiete gelangen.

Teure Sanierung

Matthias Gfeller jedenfalls will sein Gemüse im nächsten Sommer wieder unbeschwert geniessen können. Deshalb hat er sich zu einer aufwendigen Gartensanierung entschlossen. Der Abtransport der rund 15 Säcke Erde sowie das Auffüllen mit frischem Humus aus Kompost wird ihn auf mindestens 6000 Franken zu stehen kommen.

Erschwerend kommt bei seinem Grundstück hinzu, dass der Garten hinter dem Haus liegt und von der Strasse her nicht zugänglich ist. Diese Situation verursacht Mehrkosten, weil die beauftragte Firma die Erde mit einem Kran über das Hausdach heben muss.

100 Flugblätter verteilt

Um weitere Hauseigentümer im Quartier auf das Problem aufmerksam zu machen, hat Gfeller rund 100 Flugblätter in der Nachbarschaft verteilt. Er bot an, die gesammelten Bodenproben eigenhändig ins Labor zu bringen, damit es für die einzelnen Hauseigentümer etwas günstiger wird. Doch er habe nur zwei Reaktionen erhalten, bedauert der 62-Jährige. «Die meisten Bewohner bauen wohl kein Gemüse an», stellt er fest. «Und das ist ohne Sanierung bestimmt besser so.»

Erstellt: 15.11.2019, 15:13 Uhr

Schadstoffe bleiben lange im Boden

Die ETH führte 2004 in Familiengärten der Stadt Zürich eine breite Studie zur Schwermetallbelastung durch. Nur 60 Prozent der untersuchten Gebiete waren unbelastet oder leicht belastet. Die Belastung stammte teils durch die Vornutzung (Industrie), teils durch die Gärtner selbst, die giftige Pflanzenschutzmittel, Asche oder (bis in die 1970er-Jahre) Klärschlamm als Dünger ausbrachten. Schwermetalle binden sich an Bodenpartikel und werden kaum ausgewaschen. Die ETH-Forscher empfahlen, bei belasteten Gebieten das Gemüse gut zu waschen und vorzugsweise zu schälen und Kinder von unbewachsenen Böden fernzuhalten. Bei Rasen sei die Gefahr geringer, dass sie Erde einnehmen. (mig)

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