Winterthur

«Brot, Butter, Konfitüre - das mochte ich sofort»

«Boat-People» nannte man die Flüchtlinge, die vor 40 Jahren aus Vietnam in die Schweiz kamen. Liem Tran war einer von ihnen und ein Migrant wider Willen. Das Protokoll einer Flucht und einer erfolgreichen Integrationsgeschichte.

Der Vietnamese Liem Tran ist vor 40 Jahren als Flüchtling in die Schweiz gekommen. Die erste Wohnung bezogen er und sein Onkel an der Neuwiesenstrasse in Winterthur, im Haus im Hintergrund links.

Der Vietnamese Liem Tran ist vor 40 Jahren als Flüchtling in die Schweiz gekommen. Die erste Wohnung bezogen er und sein Onkel an der Neuwiesenstrasse in Winterthur, im Haus im Hintergrund links. Bild: Madeleine Schoder

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Er wirkt zufrieden, wie er so da steht, neben sich die 24-jährige Tochter, die vor Kurzem den Bachelor in Internationalem Management an der ZHAW abgeschlossen hat: Liem Tran, 54 Jahre alt, gebürtiger Vietnamese – ein Mann, der seiner bewegten Fluchtgeschichte ein volles Leben und eine gelungene Integration entgegengesetzt hat.«Boat-People» nannte man ihn und seinesgleichen, als er Ende der Siebzigerjahre in der Schweiz eintraf. Schon damals wurde die Flucht in der Identität der Migranten festgeschrieben. Seine Fluchtgeschichte erzählt Tran in der Wohnung einer Winterthurerin, die sich damals für die Vietnamesen engagierte, heute eine enge Freundin. Tran erzählt sie ausschweifend, mit kleinsten Details. Die Bilder lebhaft vor Augen.

Am Anfang steht ein Bruch: Tran hatte, damals 14 Jahre alt, genug von der Schule. Seine Eltern aber wollten, dass er weitermacht. Wenn man es sich leisten kann, dauert die obligatorische Schulzeit in Vietnam 12 Jahre. Irgendwann gaben die Eltern dann doch nach. Sie boten ihm an, seinen Vater zu unterstützen, der mit einem Schiff Lebensmittel transportierte. «Für meinen ersten Tag sollte ich frische Kleider mitnehmen», erinnert er sich. Er habe sich gewundert, aber nicht nachgefragt. Das war 1978, drei Jahre nach dem Ende des Vietnamkriegs, die Zeit des bis heute währenden kommunistischen Regimes war angebrochen.

Liem Tran (Mitte links) und sein Onkel (Mitte rechts) bei ihrer Ankunft am Flughafen Zürich im November 1978. Bild: PD

Einen ganzen Tag lang sei er mit dem Vater unterwegs gewesen. Am Abend habe ihn diesem im Halbschlaf von seiner Nussschale auf ein grosses Schiff getragen. «Ich habe das nicht richtig mitgekriegt. Nur, dass er mir sagte, ich solle mich an eine andere Familie halten.» Die Schiffskabine, in der er alleine zurückblieb, habe sich mit immer mehr Menschen gefüllt, vor allem mit Frauen und Kindern. Es sei eng geworden, irgendwann habe er schreien müssen. Die Frauen hiessen ihn, ruhig zu sein. Tran verliess die Kabine. «Überall nur Blau. Ich sah zum ersten Mal das Meer.»

Nach Thailand, nicht zurück

Er fragte den Kapitän, wo sein Vater sei. Er sei nicht da, antwortete dieser. Aber sie würden nur kurz nach Thailand und dann wieder zurück nach Vietnam fahren. Der Junge fühlte sich verloren. Irgendwo auf dem Schiff entdeckte er seinen Onkel. Von da an hielt er sich an ihn. Als das Schiff in Thailand einlief, verhinderten Polizisten, dass sie das Boot verlassen konnten. Irgendwann fuhren sie weiter, bis sie eine Insel erreichten. Alle stiegen aus und wateten durch das Wasser. «Weil ich meine Beine so lange nicht benutzt hatte, bin ich hingefallen», erinnert sich Tran. «So, als wäre ich besoffen.»

«Überall nur Blau. Ich sah zum ersten Mal das Meer.»Liem Tran

Insgesamt strandeten auf der malaysischen Insel 21 Vietnamesen und 21 Chinesen. Sie wurden getrennt in Flüchtlingslager gebracht. «Ein Vietnamese hatte Gold dabei und kaufte damit ein grosses Zelt. Er hat uns alle eingeladen, dort zu übernachten.» Essen erhielten sie von einer Hilfsorganisation. Fünf Monate vergingen so, in der Ungewissheit, ob Tran je zu seiner Familie würde zurückkehren können. Als sein Onkel sagte, sie würden in einem anderen Land leben, habe er zuerst geweint, erzählt er. Dann aber habe er Haltung angenommen und sich darauf konzentriert, nicht an die Eltern und fünf Geschwister zu denken.

Frühstück in der Schweiz

Das UNO-Hochkomissariat besuchte das Lager, um die Flüchtlinge zu registrieren. Wer Verwandte in anderen Ländern hatte, hatte gute Chancen, dorthin weiterreisen zu dürfen. Tran und sein Onkel hatten keine solchen Verwandten. «Mein Onkel wollte in ein kleines Land zum Leben», erzählt Tran. Der Hochkomissär habe die Schweiz vorgeschlagen.

Im Sommer 1978 konnten die zwei Vietnamesen das Lager verlassen. In Kuala Lumpur verging noch einmal ein Monat, bis sie schliesslich den Flieger in die Schweiz bestiegen. Im September trafen sie in Zürich ein und wurden in einem Flüchtlingsheim in Altstätten (St. Gallen) untergebracht. Dort begann der Tag mit einem Schweizer Frühstück. Tran erinnert sich noch gut daran: «Ich mochte es von Anfang an: Brot, Butter, Konfitüre.» Nur mit dem Käse habe er seine Mühe gehabt. Das sei bis heute so.

Zwei Vietnamesen, die schon länger in der Schweiz wohnten, brachten ihm und dem Onkel Deutsch bei. «Mein Onkel war sehr streng mit mir. Ich durfte am Abend erst schlafen, wenn ich mit den Aufgaben fertig war», erzählt er. Zum Glück hätten die drei Männer, mit denen sie das Zimmer teilten, manchmal protestiert, weil sie schlafen wollten. Von der Schweiz aus begann Tran, seinen Eltern Briefe zu schreiben. Es habe gedauert bis er verstand, warum ihn sein Vater auf dem Boot zurückgelassen hatte, sagt er. «Er wollte, dass ich ein besseres Leben habe, als es in Vietnam möglich war.»

In der neuen Heimat fassten die beiden Vietnamesen immer besser Fuss. Im November 1978 konnten sie an die Neuwiesenstrasse in Winterthur ziehen. Freiwillige hatten für sie eine eigene Wohnung gefunden und eingerichtet. Und sie unterstützten sie auch beim Deutsch-Lernen. Via eine Sonderklasse im Schulhaus Schönengrund führte Trans Weg mit 16 Jahren in die Real. «Dort hatte ich viel Glück mit dem Lehrer», sagt er. Dieser habe nur wegen ihm mit der ganzen Klasse Hochdeutsch gesprochen, auch wenn das einigen italienischen Jungs nicht passte. Sie hänselten Tran und er überlegte einen Wechsel in die Oberschule. Der Lehrer aber habe gesagt: Er solle sich wegen keinen Kopf machen, er schaffe das.

Nach der Schule suchte Tran eine Lehrstelle und wurde bei den SBB fündig. Er liess sich zum Gleismonteur ausbilden und war mit seinem Trupp in der ganzen Region Winterthur unterwegs. Am Mittag sei jeweils der Küchenwagon vorgefahren, erzählt er. Mit der Köchin habe er sich auf Anhieb gut verstanden. «Auch wenn sie zuerst nicht wusste, dass ich keinen Käse esse.» Bald hatten sie eine Vereinbarung. Stand Käse auf dem Menüplan, hob die Köchin die Reste des Vortages für den Vietnamesen auf.

Heute in Winterthur zuhause

Es sind die kleinen, konkreten Dinge, die das Erzählen von Liem Tran bestimmen. Errungenschaften des Alltags. Schon während der Lehre machte Tran die Autoprüfung, wie er erzählt. Dreimal habe er zur theoretischen Prüfung antreten müssen, dreimal auch zur Praktischen. «Dabei habe schon vor der ersten Prüfung vierzig Lektionen genommen.» Der Experte habe ihn wohl schikaniert, sagt Tran. «Aber als ich den Ausweis dann endlich hatte, war ich überglücklich.»

Nach der Lehre zog er mit zwei befreundeten Vietnamesen in eine WG an der Jägerstrasse. Zu dritt hätten sie 240 Franken Miete bezahlt. In der Freizeit seien sie oft in die Stadt gegangen, in Bars oder das Spielcasino Tivolino. Nach eineinhalb Jahren als Gleisbauer kündigte er. Er war mit den Nachtschichten nicht klar gekommen. Drei Monate reiste er durch die USA. Das war 1985. Als er zurückkam, heuerte er bei der Swissair an, war eineinhalb Jahre lang Betriebsangestellter. Es folgten vier Jahre als Kistenbauer bei der Wegmüller AG in Attikon und anschliessend zehn Jahre Hilfsmaschinenmonteur bei der Loki, wo er auch Panzergetriebe fertigte.

1989 heiratete er eine Vietnamesin. Er hatte sie zufällig in Zürich kennengelernt, als sie mit einer Deutschen Gruppe die Rigi besuchte. «Ihr Vater verlangte eine schriftliche Einwilligung meiner Eltern zu unserer Heirat.» Also habe er in einem Brief darum gebeten. Nach Vietnam war er bis dahin nie mehr zurückgekehrt. «Es war unter jener Regierung nicht möglich.» Zwar wollte er mit seiner Frau zurückkehren und sie seinen Eltern vorstellen. Bevor er diesen Plan umsetzen konnte, starb sein Vater.

Die Mutter lebt heute noch, sie sei viel unterwegs, sagt Tran, zwischen Vietnam, den USA und der Schweiz. Sein Geschwister sind unterdessen fast alle in den USA sesshaft geworden, nur eine Schwester ist in Vietnam geblieben. Tran in Winterthur zuhause, er ist ein Einheimischer geworden. Seit 17 Jahren arbeitet er bei der Kistler AG in der Produktion, mit Frau und Tochter lebt er in Wülflingen. «Ein Leben in Vietnam kann ich mir nicht mehr vorstellen», sagt er. (landbote.ch)

Erstellt: 14.02.2018, 15:16 Uhr

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