Winterthur

Busdepot-Streit: Die Hoffnung auf eine Einigung hat sich zerschlagen

Der lange Streit um das alte Busdepot geht weiter: Der Heimatschutz und Gewerbler wollen mehr retten als die Urhalle. Die zwei Parteien verfolgen unterschiedliche Ziele.

Ob auch das Verwaltungsgebäude von 1960 schützenswert ist oder nur die zentrale Urhalle des Busdepots, ist umstritten. Die Gewerbler drängen auf Ateliers, der Heimatschutz verlangt eine genaue Prüfung. Bild: Heinz Diener

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

«Das ist jetzt eine Riesenchance, dass es endlich weitergeht.» So äusserte sich der Vorsteher des Bau­departements, Josef Lisibach (SVP, Bild), vor Monatsfrist. Damals entschied der Stadtrat, dass der älteste Teil des Busdepots am Deutweg, die sogenannte Urhalle von 1914, unter Schutz gestellt wird. Mit dem Kompromiss – ursprünglich hatte die Stadtregierung den historischen Bau ganz abreissen wollen – sollte der Gordische Knoten durchschlagen werden, damit die Wohnbaugenossenschaften bald mit dem Bau einer grossen Überbauung beginnen können. Über das Stück Land an der Tösstal­strasse wird seit sieben Jahren ­gestritten (siehe Chronologie).

Nun steht fest: Lisibachs «Riesenchance» wird nicht genutzt. Zwei Parteien rekurrieren gegen die Teilunterschutzstellung, wie das Zürcher Baurekursgericht bestätigt: der Heimatschutz und ein Anwohner, der Mitglied der IG Busdepot ist. In dieser IG haben sich Nachbarn und Kunstschaffende, die im Bus­depot eingemietet sind, zusammengeschlossen.

Nebengebäude «wichtig für den Platz»

Die beiden Rekurrenten haben nicht dieselben Interessen, wie Gespräche mit den Wortführern zeigen. Der Heimatschutz möchte, dass der Platz vor dem Depot in der heutigen Begrenzung erhalten bleibt. Diese wird von der Urhalle gebildet, aber auch von den zum Abriss freigegebenen Nebenhallen und dem alten Verwaltungsgebäude (siehe Karte), das von Adolf Kellermüller geschaffen wurde, dem Architekten des geschleiften Volkshauses.

Potemkinsche Dörfer, günstiger Gewerberaum

«Man könnte den Platz schützen», schlägt Heimatschutz-Präsident Peter Niederhäuser vor, «indem die Fassaden der Nebenhallen und des Verwaltungsbaus erhalten werden.» Der lärmige, betonierte Vorplatz des Depots lädt nicht eben zum Verweilen ein, doch kommt dem En­sem­ble der Gebäude «eine wichtige Zeugenschaft für die Entwicklung des öffentlichen Nahverkehrs» zu, wie es in der mittlerweile über zehn Jahre alten Schutzwürdigkeitsklärung der Stadt heisst.

Am Erhalt von Fassaden, Potemkinschen Dörfern gewissermassen, findet man bei der IG wenig Gefallen; hier interessieren mehr die Ateliers dahinter. IG-Vertreter Hannes Moos (Bild) spricht zwar davon, dass keines der vorliegenden Gutachten die Schutzwürdigkeit des Kellermüller-Baus in Abrede stelle. Er verhehlt aber nicht, dass es ihm um die Nutzung der Räume geht. Die Baugenossenschaften möchten auf dem Areal rund 110 Wohnungen erstellen; sie würden den Verwaltungsbau, falls er abgerissen wird, kaum durch Ateliers für Architekten, Grafiker und Künstler ersetzen – und falls doch, wäre mit viel höheren Mieten als im Altbau zu rechnen.

Trotz verschiedener Ziele stimmen die Rekursparteien in einem Punkt überein: Beide sind un­zufrieden mit der Stadt. Das Baudepartement habe den Genossenschaften voreilig eine Tabula rasa versprochen, Anwohner und Heimatschutz würden nur als Störfaktoren betrachtet. Moos sagt: «Wir würden gerne mit der Stadt an einen Tisch sitzen. Leider können wir aber nur via Anwalt mit den Verantwortlichen sprechen.»

Stadtrat will sich nicht mehr äussern

Josef Lisibach dürfte keine Freude an den Rekursen haben; er will sich zum Thema nicht mehr äussern. Weder zu den Rekurrenteneingaben noch zur eigenen Argumentation mache der Stadtrat Aussagen, richtet Departementssekretär Lukas Mischler aus.

In der zerfahrenen Si­tua­tion steht nun ein langes Rechts­verfahren an. Auf die Rekurs­antworten des Stadtrats werden Antworten der Rekurrenten und dar­auf Gegenantworten des Stadtrats folgen, bevor das Gericht, wohl nach einem Augenschein vor Ort und womöglich nach Beizug zusätzlicher Gut­achten, seinen Entscheid fällt. Das Urteil des Bau­rekursgerichts, das gegen Jahresende vorliegen könnte, kann vor Verwaltungs­gericht angefochten werden, dieses Urteil wiederum vor Bundesgericht. Das mittlerweile über­holte Verfahren gegen den Totalabrissentscheid von 2012 wurde sistiert, wie das Baurekursgericht mitteilt, aber noch nicht ab­geschrieben.

Erstellt: 13.07.2015, 08:19 Uhr

Die Teilbauten des Busdepots (Zum Vergrössern der Grafik aufs Bild klicken).

Infobox

CHRONOLOGIE: VOM TRAMDEPOT ZUM ZANKAPFEL


  • 1914: Ein Tramdepot mit sieben Bahnen und einem Verwaltungshaus wird eröffnet – ein «einzigartiger Vertreter des grossflächigen, öffentlichen Stahlbetonhallenbaus», wie es 100 Jahre später heissen wird.




  • 1930: Erste Erweiterung des Depots nach hinten und links.




  • 1938: Linienweise Umstellung von Tram- auf Trolleybus­betrieb, 1953 werden die schmucken Rundtore durch eckige Einfahrten ersetzt.




  • 1960/61: Bau des neuen Verwaltungsgebäudes sowie einer weiteren Einstellhalle auf der rechten Seite, Abriss des ­alten Verwaltungshauses.




  • 2008: Der Stadtrat entscheidet, das Depot nach der Erweiterung des Busdepots Grüzefeld (2014 vollendet) abzureissen.




  • 2012: Publikation des Nichtunterschutzstellungsentscheids, sechs Rekurse gehen ein.




  • Februar 2013: Der Gemeinderat stimmt einer Umzonung des Areals in eine Wohnzone mit Gewerbeerleichterung zu.




  • März 2013: Das Baurekurs­gericht heisst die Rekurse gut – wegen formeller Mängel, ohne inhaltliche Prüfung.




  • Juli 2013: Der Stadtrat beschliesst erneut die Nichtunterschutzstellung, wogegen ­wiederum rekurriert wird.




  • Oktober 2013: Die Stadt ­sig­nalisiert Entgegenkommen, «um einen langen Rechtsstreit zu vermeiden».




  • Mai 2015: Der Stadtrat stellt Teile des Depots unter Schutz.




  • Juli 2015: Das Baurekursgericht bestätigt den Eingang von zwei Rekursen gegen die Teilunterschutzstellung.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.