Winterthurer Jugendhaus

«Dann kamen sechs Polizisten und ein Wauwau der Polizei ins Juhu»

Was passiert tagtäglich im Jugendhaus ander Steinberggasse. Was läuft gut und was läuft schief? Der kürzlich erschienene Jahresbericht lässt tief blicken.

Das Jugendhaus an der Steinberggasse war zuletzt so gut besucht, wie noch nie.

Das Jugendhaus an der Steinberggasse war zuletzt so gut besucht, wie noch nie. Bild: Marc Dahinden

Der Anteil der Flüchtlinge wächst im Jugendhaus an der Steinberggasse, kurz Juhu. 50 bis 60 Prozent der Besucher im letzten Jahr hatten eine Fluchtgeschichte. Syrien, Irak, Iran, aus Afghanistan, Jemen oder Eritrea lauten die häufigsten Herkunftsländer.

Nachzulesen ist das im Jahresbericht, der einen ungefilterten Einblick in den Alltag im Jugendhaus bietet. Ein Fazit lautet: Die Nutzerzahlen steigen. 2017 war mit 11 200 gezählten Besuchern das intensivste Jahr bisher. Diese Beliebtheit freue das Leitungsteam, heisst es im Bericht.

2017 war mit 11 200 gezählten Besuchern das intensivste Jahr bisher.

Aber es hätten sich Abende gehäuft, an denen man viele der Jugendlichen nicht kannte. Was sich an den 168 Betriebstagen alles abspielte, beschreibt der Jahresbericht unvermittelt plastisch. Die folgenden Episoden mit O-Tönen aus dem Bericht, sollen einen Eindruck geben.

Razzia mit Hund

Das Jahr war erst eine Woche alt, da Stand schon die Polizei vor der Tür des Jugendhauses. Am 7. Januar kam es zu einer Kontrolle, die der Jahresbericht mit diesen Worten beschreibt:

Gegen 22 Uhr kamen sechs sehr entschlossene Polizisten und Polizistinnen und ein Wauwau der Polizei ins Juhu. Sie suchten einen Jugendlichen, den wir schon lange kannten. Sie fanden ihn auf dem Balkon, legten ihm Handschellen an und führten ihn nach unten in den Ping-Pong-Raum, gleich neben der Eingangstür. Dort wurde er kontrolliert und sein Hab und Gut beschlagnahmt.

Die Polizei kontrollierte an dem Abend rund 40 weitere Jugendliche, führte aber nur den jungen Mann ab. Nach ein paar Tagen sei er wieder frei gewesen, schreibt das Leitungsteam, man habe ihm die vorgeworfenen Straftaten nicht nachweisen können.

Konspirative Stimmung

In einigen Fällen wurde die Polizei auch von den Leitern ins Jugendhaus gerufen. Das ist aber der Ausnahmefall. Die Sozialpädagogen versuchen die Probleme mit den Jugendlichen im Gespräch zu lösen.

Es geht um Verständnis und Prävention. Harter Alkohol und Drogen sind häufige Themen. Ihr Konsum ist im Jugendhaus verboten, woran sich nicht immer alle halten, wie die folgende Anekdote über eine etwas «wilde Gruppe» zeigt.

«Sie versuchten, das Offensichtliche zu leugnen, dass sie sich Amphetamin in die Nase reingezogen hatten.»Jahresbericht des Winterthurer Jugendhauses

An einem Samstag kam es dann zu einem Vorfall. Praktisch vollzählig fand sich die ganze Gruppe im Parterreraum. M. vom Team merkte, dass eine Art «konspirative Stimmung» herrschte (…) Und prompt: Die ganze Gruppe stand rund um den Tisch, einer der Jugendlichen hatte ein Bancomatkärtchen und ein anderer eine zu einem Röhrchen gerollte Zehnernote in der Hand. Sie versuchten. das Offensichtliche zu leugnen (...) dass sie sich Amphetamin in die Nase reingezogen hatten, damit «die Musik besser flasht, weisch Mann!»

Die Leiter wiesen die Gruppe weg und stellten die Jugendlichen in der Woche darauf zur Rede, mit dem Resultat, dass «praktisch alle eine gewisse Einsicht zeigten». Nur E., der Anführer, stritt alles ab, in einem Gespräch, das die Leiter als «mühsam» taxieren. Sie erteilten ihm ein Hausverbot für einen Monat, was aber nicht reibungslos funktionierte.

In den ersten zehn Tagen des Hausverbotes wurde er zwei Mal im Juhu erwischt, obwohl er versuchte, sich zu verstecken. Beide Male drückten wir beide Augen zu. Wir warnten dann unmissverständlich, dass wir dies ein drittes Mal nicht tun würden. Die Drohung schien die Wirkung nicht zu verfehlen und er liess sich nicht mehr blicken (oder wir erwischten ihn nicht mehr), bis am 27. Dezember. (...) Auf alle Fälle blieben wir hart und das Hausverbot verlängerte sich bis zum 27. Januar.

Hausverbot für A.

Probleme machte dem Jugendhaus auch eine Gruppe um einen gewissen A., die oft harten Alkohol mitbrachte und gelegentlich, so die Vermutung, auch Kokain konsumierte. Es gab Abende, an denen A. und seine Entourage die Flaschen «brav dem Team überreichten» und sie beim Aufbruch wieder abholten. An anderen Abenden dagegen sei harter Alkohol im Haus konsumiert worden.

Bekannt war den Leitern auch, dass A. mit Marihuana dealte, dieser habe aber beteuert, dies nur ausserhalb des Jugendhauses zu tun, heisst es im Jahresbericht. Und er sei auch nie beim Dealen erwischt worden. Aber dann:

Sei es, wie es ist, doch an einem Abend Mitte November erwischte ein Teammitglied A. beim Verkauf von Gras im Juhu, beziehungsweise beim Entgegennehmen von Geld (...). A. beteuerte, dass der andere ihm nur eine frühere Lieferung bezahlt hab, keine grosse Menge übrigens (...) wir verhängten ihm ein Hausverbot für einen Monat.

Sehr plastisch beschreibt der Bericht die Reaktion des jungen Mannes, die nicht gerade von Einsicht zeugt.

Er fand es natürlich völlig ungerecht, komplett übertrieben und gemein von uns, da er ja (...) überhaupt nichts getan habe und er sowieso der liebste und bravste Junge im Juhu sei. (...) A. hielt sich an das Hausverbot, aber erst, nachdem er zwei Mal im Haus erwischt worden war.

Das Gesicht der Flucht

Die hohe Besucherfrequenz führte im Jugendhaus auch zu Spannungen unter den Gruppen. «Ist das Juhu nun ein Flüchtlingsheim» oder «Es hat ja nur noch Araber im Juhu», liessen sich Alteingesessene vernehmen, die es nicht gewohnt waren, «den Billardtisch mit so vielen teilen» zu müssen. Das Leiterteam gab Gegensteuer, mit Erfolg.

«Die Bemerkungen wurden immer weniger, als wir den Jugendlichen die Fluchtgeschichten zu erzählen begannen.»Jahresbericht des Winterthurer Jugendhauses

Die Bemerkungen wurden mit der Zeit immer weniger, als wir den Jugendlichen der alten Generation (...) die konkreten Schicksale und Fluchtgeschichten zu erzählen begannen. Es waren dann nicht die Geschichten von irgendjemandem, die sie in den Zeitungen lasen oder am TV sahen, sondern die Geschichten hatten jetzt ein Gesicht und einen Namen (...)

Beim Tanzen entblösst

Auch skurrilen Ereignisse gibt der Bericht Raum, etwa der Geschichte über einen Jo-Jo-Spieler, der für sich einen Trainingsraum gesucht habe. Bei der Besichtigung soll er begeistert gewesen sein von den Räumen im Jugendhaus. Dann ward er nie mehr gesehen.

Nicht mehr gesehen wurde auch eine verschleierte junge Frau, die mit einer Freundin einen Raum für eine Geburtstagsparty mieten wollte, es aber ablehnte, einem Leiter die Hand zu schütteln. Als ihr die Jugendhaus-Regeln erklärt wurden, sie die junge Frau ausgerastet: «Das ist respektlos gegen meine Religion. Halt die Fresse, Alter, ich zünde euer Haus an.» Und dann ist da die Geschichte über einen psychotischen Besucher.

Laut Aussagen von anderen Jugendlichen hat er an diesem Abend mit seinem Penis in der Disco rumgespielt und sich sehr eigenartig aufgeführt. Er bestritt dies vehement. (...) er war nicht aggressiv, aber (...) unzurechnungsfähig.

Die Polizei führte den Mann schliesslich ab.

Hip-Hop-Alltag

Vieles, was im Jugendhaus passierte, war aber auch Jugendarbeit ohne Turbulenzen, von den Hip-Hop-Tanzkursen für Frauen über Kochnachmittage mit Mädchen aus der Mittelstufe. Über ein Dutzend Jungen und Mädchen feierten im Jugendhaus ihren Geburtstag.

Fast immer blieb es dabei ruhig. Einmal aber kam die Polizei, die nach einem jungen Mann mit asiatischem Aussehen suchte. Sie sei nicht fündig geworden, heisst es dazu im Jahresbericht. «Am Ende konnten alle Jugendlichen gehen».

(Der Landbote)

Erstellt: 22.08.2018, 15:32 Uhr

Siro Torresan ist Co-Leiter des Jugendhauses Winterthur.

Nachgefragt

«Man hat mehr die Aufpasserrolle»

Die Mehrheit der Besucher im «Juhu» sind heute Flüchtlinge. Was hat sich dadurch geändert?
Siro Torresan: Die Stimmung. Sie ist familiärer geworden. Für die Jugendlichen, die wir früher hatten, war das Jugendhaus ein Ort zum Ausgehen. Für die Flüchtlinge ist es eher so etwas wie ein zweites Zuhause. Das hat ganz konkrete Auswirkungen. Früher konnte man zum Beispiel sein Handy oder Portemonnaie nicht liegen lassen, denn es bestand die grosse Gefahr, dass es wegkam. Heute ist die Wahrscheinlichkeit gross, dass die Wertsachen bei uns Leitern abgegeben werden.

Das Haus verzeichnete einen Besucherrekord. Haben Sie bisweilen den Überblick verloren?
Nein, den Überblick haben wir immer behalten. Was sich zum Teil verändert hat, ist unsere Rolle. Bevor die Flüchtlinge kamen, hatten wir mehr Zeit, um uns mit den Jugendlichen auseinanderzusetzen. Wir hatten viele Junge, die wir über Jahre gekannt und begleitet haben. Wenn wir hingegen wie jetzt manchmal viele Leute im Jugendhaus haben, die wir nicht gut kennen, entfällt dieser Teil der Arbeit. Man hat dann etwas mehr die Aufpasserrolle. Viel Betrieb war vor allem in den Wintermonaten und dieses Jahr nun auch im Mai und Juni. Bemerkenswert ist: Trotz der vielen Leute gab es praktisch keine Zwischenfälle. Wir mussten nur einmal dazwischengehen.

Die Polizei war 2017 mehrmals im Jugendhaus. Wie würden sie das Verhältnis beschreiben?
Die Polizei war letztes Jahr genau drei Mal bei uns. Einmal haben wir sie selbst gerufen, weil wir einen psychotischen Besucher hatten. Einmal hat die Polizei jemanden gesucht, und war gezielt da. Das dritte Mal war ein Zufallsprodukt. Im Jugendhaus fand eine Party statt, einige Jugendliche standen draussen herum. Als eine Streife vorbeifuhr, rannte einer der Jugendlichen aus unerfindlichen Gründen ins Haus. Ich muss wirklich unterstreichen, wie wenig Vorfälle im Jugendhaus stattfinden. Zur Polizei haben wir ein gutes Verhältnis. Wir tauschen uns regelmässig an einem runden Tisch aus.

Ein Teil der Besucher konsumiert Alkohol und Drogen. Wie entwickelt sich diese Problematik?
Wir wissen, dass einige kiffen. Der Alkoholkonsum hat nicht zugenommen, bei den Flüchtlingen sowieso nicht, von denen trinken die meisten nichts. Der Drogenkonsum ist stark szenenabhängig; es gibt Gruppen, die sich trinken, und Partygänger, die Pillen nehmen. Bei uns im Haus sind harter Alkohol und Drogen verboten, und Verstösse haben Konsequenzen. Eine Veränderung bemerken wir nicht. Das haben wir auch der Polizei mitgeteilt, dass nichts Neues im Umlauf ist.

Trotzdem, die Herausforderungen sind nicht geschrumpft. Fordern Sie von der Stadt, mit der das Jugendhaus eine Leistungsvereinbarung hat, mehr Mittel?
Natürlich wäre es schön, wenn wir etwas mehr Mittel hätten, vor allem, um mit den Jugendlichen Projekte zu machen. Aber wir kommen so klar.

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