Winterthur

«Das was ihr wollt, das wollen wir nicht»

Im Debattierclub Winterthur wird alle zwei Wochen nach Herzenslust und einem detaillierten Regelwerk gestritten. Kürzlich ging es um die Frage, ob es in jeder Firma einen Klimarat braucht.

«Ja, aber» oder Frontalangriff? Vor der Debatte im ZHAW-Schulraum müssen die zwei Lager sich eine Strategie zurechtlegen. Foto: Marc Dahinden

«Ja, aber» oder Frontalangriff? Vor der Debatte im ZHAW-Schulraum müssen die zwei Lager sich eine Strategie zurechtlegen. Foto: Marc Dahinden

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Helga Marolf, Christian Bär und Silvio Soldat sind in der Opposition. So hat es vor wenigen Minuten das Los entschieden. Nun sitzt das Trio an einem Tisch im Gang eines ZHAW-Gebäudes an der Theaterstrasse und legt sich Argumente gegen die Einführung eines Klimarats in jedem Unternehmen zurecht.

Sie haben eine Viertelstunde, um sich auf eine gemeinsame Strategie zu einigen: «Wir müssen nicht die Welt retten, sondern die Debatte gewinnen», sagt Unternehmensberater Bär (68) an Marolf (51) gewandt.

Die pensionierte Flight Attendant hegt offensichtlich Sympathien für die Klimaratsidee und argumentiert mit einem «Ja, aber» statt mit einem dezidierten «Nein»: «Man kann die Welt nicht von der Schweiz aus retten, sondern muss global denken.»

Bär und Soldat wollen die Gegner hingegen demontieren, indem sie sie zwingen, konkret zu werden. «Komplexe Argumente sind gut, um am Abend bei einem Glas Wein zu diskutieren. Eine Debatte gewinnt man so nicht», sagt Soldat (37), der als Lehrer arbeitet. Bär doppelt nach: «Wir müssen beim Thema bleiben.»

Wortgefecht mit Stoppuhr

Im März 2018 gründete ein paar Winterthurer, darunter langjährige Mitglieder des Rhetorikclubs, den ersten Debattierclub der Stadt. Er gehört zu den wenigen Debattierclubs der Schweiz, die nicht an einer Universität angesiedelt sind.

«Der Klimarat ist keine Quatschbude, sondern hätte bei jeder Investition ein Vetorecht»

Seither treffen sich Mitglieder und Gäste jeden zweiten Dienstag, um sich im verbalen Schlagabtausch zu üben. Mal geht es um eine anstehende Abstimmung, mal um eine ethische Frage: Gibt es eine Aufnahmepflicht für Klima­migranten? Ein Recht auf Sex? Dürfen die Songs von Michael Jackson noch am Radio gespielt werden?

Oder eben: Soll in jedem Unternehmen ein Klimarat eingeführt werden, der ökologisches Wirtschaften überwacht? Dabei halten sich die Rednerinnen und Redner an die Regeln der offenen parlamentarischen Debatte. Das Format schreibt etwa vor, wer wann und für wie lange sprechen darf und sogar, dass für Zwischenrufe ein Maximum von sieben Wörtern gilt.

Markige Sprüche und Dialekt

Mangels Glocke eröffnen Monika und Peter Brechbühler die Debatte mit einer App. Die Geschwisterbewerten als Jury die Voten und sorgen dafür, dass die Regeln eingehalten werden. Die erste Eröffnungsrede hält Harald Andrä.

Der 59-Jährige ist zum ersten Mal da und verfolgt als Mitglied der Gemeinwohl-Ökonomie-Bewegung eine klare Mission. Er ist sichtlich froh, auf der Seite der Befürworter von Klimaräten in Unternehmen argumentieren zu können. «Der Klimarat ist keine Quatschbude, sondern hätte bei jeder Investition ein Vetorecht», stellt Andrä gleich zu Beginn in perfektem Hochdeutsch klar. Obwohl er zwischen den Sätzen lange Pausen macht, braucht er nur die Hälfte seiner Redezeit von sieben Minuten.

Christian Bär zieht als erster Redner der Gegner die im Gang besprochene Strategie, den Vorschlag ad absurdum zu führen, eisern durch. Er will wissen, was denn ein «Klimarat» genau sein und tun soll: «Wo fängt es an? Wo hört es auf?». Seine Hände tanzen im Takt seiner Worte. Das Ganze garniert er mit markigen Sprüchen – «gelenkte Demokratie à la Putin» – und wechselt an den emotionalen Stellen ins Schweizerdeutsch, um dem Gesagten mehr Gewicht zu verleihen.

Die Diskussion gewinnen

Neue Aspekte, welche die Debatte in eine komplett andere Richtung lenken würden, bringen die nachfolgenden Redner nicht mehr ein. Dafür überrascht Helga Marolf mit einer Rede, die einen Fraktionsfreien zum Zwischenruf «Alle ihre Argumente sprechen für einen Klimarat» veranlasst. Zunehmend in die Ecke gedrängt, setzt Marolf zum Befreiungsschlag an: «Das was ihr wollt, das wollen wir nicht.»

Während die Befürworter ideologisch argumentieren, geht es den Gegnern in erster Linie ums Gewinnen. Besonders deutlich wird dies bei der Schlussrede von Silvio Soldat. Mit eingängigen Einzeilern («Das ist Ethik mit der Brechstange») und Anekdoten aus dem Berufsalltag («Irgendjemand hat immer einen Spick») zeigt der Lehrer, wie man die Aufmerksamkeit des Publikums bekommt und behält.

«Gegner und Befürworter schütteln sich die Hände», sagt Monika Brechbühler (54) am Schluss der Debatte. In der Feedbackrunde lobt die Arbeits- und Organisationspsychologin das gute Zuhören, was mit kollektivem Klopfen quittiert wird. In der Schlussabstimmung sind vier für und acht gegen die Einführung von Klimaräten. Gleich viele wie am Anfang.

Erstellt: 10.10.2019, 14:51 Uhr

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