Winterthur

Der Auftakt der Jahrmarktsaison

Den Standbetreibern am Maimarkt macht das Internet weniger zu schaffen als eine nähere Kokurrenz.

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Online-Handel, Lädelisterben, Einkaufstourismus: Was auch immer in den letzten Jahren an Umbrüchen im Detailhandel beklagt wurde, am Angebot auf den Jahrmärkten kann man es kaum ablesen. Auf dem heutigen Maimarkt sieht das Angebot so aus wie eh und je: Buden voller Hüte und Gürtel, Murmelisalbe, Wunderstein, Magenbrot.

Die Zeichen der Zeit findet man im Kleinen: Der Wagen mit CDs und Kassetten, der erstaunlich lange durchgehalten hatte, ist weg. Dafür finden sich zwei Bücher-Antiquariate. Und offensichtlich gibt es immer noch einen Markt für farbige Handyhüllen und Hackysacks. Gleich drei Anbieter werben für Socken ohne Gummizug.

«Das Wetter ist gut, aber die Leute sind nicht recht in Laune, machen einen sauren Stein»

«Dass es heute alles auch im Internet gibt, ist das kleinere Problem», findet Walter Leutwiler. Der 60-jährige Aargauer verkaufte früher Putzprodukte, seit elf Jahren setzt er auf «Relax-Kissen», gefüllt mit kleinen Kügelchen. Und betreibt längst auch einen Web-Shop. «Schlimmer ist, dass die Grossverteiler alle Nischenprodukte, die gut laufen, sofort kopieren und billig anbieten.»

Zu den Sorgen der Marktfahrer gehören auch die tendenziell steigenden Standgebühren – in Winterthur seien sie eher hoch, findet Leutwiler. «Aber Winterthur hat eine Markttradition, das garantiert Publikum. Nichts ist schlimmer, als wenn die Öffnungszeiten oder Tage eines Marktes ändern. Die Menschen sind Gewohnheitstiere.»

Der Maimarkt lockt auch im Zeitalter der Digitalisierung noch Leute in die Gassen. Video: mas

Ein Spruch schadet nicht

30 bis 50 Kissen, die es ab 25 Franken gibt, hofft er zu verkaufen, dann ist er zufrieden. Am Vormittag herrscht wenig Betrieb. Brigitte Joho vom Magenbrot-Stand gegenüber kommt auf einen Schwatz vorbei. «Das Wetter ist gut, aber die Leute sind nicht recht in Laune, machen einen sauren Stein», findet sie. Auch auf der Trampolinanlage hüpft kurz vor der Mittagspause noch kein Kind.

Doch das Unberechenbare macht das Marktfahrerleben erst spannend, findet Leutwiler. Und wenn die Leute nicht stehen bleiben wollen, hat ein kecker Spruch noch nie geschadet. «Eine herzige Enkelin haben sie da. Oder ist es die Tochter?» ruft es aus einem Stand. Es funktioniert, die zwei bleiben stehen. Das ist aber die Ausnahme – Marktschreier findet man am Maimarkt kaum. Sogar der Gemüserreiben-Verkäufer arbeitet unverstärkt.

Manche Lokalmatadoren sind fast nur in Winterthur am Markt vertreten, etwa die Seilerei Kislig. Martin Benz bietet im Frühling vor allem Spielsachen wie Schaukeln oder Springseile an. «Gut laufen auch die Paketschnur und die Einkaufsnetze.»

Sein selten gewordenes Handwerk hat Benz auch schon auf Mittelaltermärkten präsentiert – doch auch für die Zukunft ist er gut gerüstet. Zu dritt seien sie in der Seilerei, und Benz ist mit 49 noch fit genug, viele Jahre weiterzumachen.

Gegen den Knobli-Atem

«Der Termin in den Ferien ist gut, es sind viele Eltern und Grosseltern mit Kindern unterwegs», sagt Elsbeth Blickenstorfer am Chnoblibrot-Stand, der schon vor Mittag viel Kundschaft hat.

«Er lief schon gut, als wir ihn 2003 übernommen hatten», sagen die Blickenstorfers. Am Markt ist Tradition ein Verkaufsvorteil. Und manchmal kommen neue Ideen dazu – so gibt es zum Chnoblibrot inzwischen einen gratis Schleckstengel, gegen den Knoblauchatem.

(Der Landbote)

Erstellt: 02.05.2019, 16:02 Uhr

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