Winterthur

«Der Autobesitz ist eine Modeerscheinung»

Das Bicar soll die Autonutzung verringern, sagt Merja Hoppe. Sie leitet das Team für Nachhaltige Transportsysteme der ZHAW.

«Wenn Busse halb leer herumfahren, ist das auch nicht nachhaltig»: Merja Hoppe, Teamleiterin bei der ZHAW.

«Wenn Busse halb leer herumfahren, ist das auch nicht nachhaltig»: Merja Hoppe, Teamleiterin bei der ZHAW. Bild: pd/hd

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Nehmen wir an, ich besitze ein Fahrrad und ein Auto. Was nützt mir das Bicar?
Das Bicar kann mithelfen, dass man kein eigenes Auto mehr braucht. Ein Auto wird durchschnittlich nur eine Stunde pro Tag genutzt. Es fallen aber Gebühren und Unterhaltskosten an und es braucht Platz: in der eigenen Garage und vor Geschäften und Büros. Man muss sich überlegen, ob man diesen Platz besonders in Städten nicht besser nutzen kann. Allein der Parkplatzsuchverkehr heute beträgt bis zu 30 Prozent des städtischen Verkehrs.

Das Bicar würde das Parkplatzproblem in den Städten lösen?
Es würde die Situation entlasten. Auf einem Autoparkplatz haben je nach endgültigem Design sechs bis acht Bicars Platz.

Was sind andere Transport­probleme in Städten?
Offensichtliche Probleme sind die Überfüllung und die Staus auf den Strassen besonders zu Stosszeiten und die Luftverschmutzung durch Abgase sowie klimabelastendes Kohlendioxid. Es gibt aber auch weniger sichtbare negative Folgen der heutigen Verkehrssituation bezüglich Lebensqualität. Zum Beispiel fragt sich niemand mehr, ob wir wirklich so viel Zeit im Auto verbringen wollen. Oder man nimmt es einfach als gegeben hin, dass Kinder nicht mehr auf der Strasse spielen können und man an gewissen Stellen minutenlang warten muss, bis man die Strasse überqueren kann.

Könnte ein besser ausgebautes ÖV-Netz nicht effizienter Ab­hilfe schaffen, als wenn Leute einfach im Bicar statt im Auto umherfahren?
Das ÖV-Netz ist in der Schweiz bereits sehr gut ausgebaut. Wenn die Busse in immer höherem Takt halb leer herumfahren, ist das auch nicht nachhaltig. Das Bicar kann die Lücke zwischen ÖV und Auto schliessen, weil es individuell nutzbar ist – es ermöglicht individualisierten ÖV.

Bicar setzt auf Sharing Economy, wo man Dinge nicht mehr besitzt, sondern sie nutzt, wenn man sie braucht. Ist es nicht trotzdem bequemer, ein Bicar zu besitzen?
Das glaube ich nicht. Was man besitzt, muss man auch pflegen. Schon heute sind für viele Leute Smartphones und Tablets wichtigere Besitztümer als ein Auto. Der Autobesitz ist eine Modeerscheinung und es sind auch andere Moden denkbar.

Trotzdem ist zum Beispiel Car-Sharing immer noch eine Nische. Weshalb werden die Leute beim Bicar umsteigen?
Ich glaube, dass da ein Umdenken im Kommen ist. Es sind ja in den letzten Jahren verschiedene Sharing-Angebote entstanden. Damit Sharing zur Bewegung wird, braucht es natürlich auch ein gutes Angebot und gute Rahmenbedingungen.

Zum Beispiel?
Es braucht eine konsequente Verkehrspolitik und -planung, die den Menschen ins Zentrum stellt und nicht das möglichst schnelle Bewegen einer Masse von A nach B. Die Politik muss Anreize bieten, dass sich das Umsteigen auf emissionsärmere und platzsparendere Verkehrsmittel lohnt.

Also ist die Politik am Zug?
Es würde helfen, wenn die Politiker aktiv mitziehen würden. Aber wenn von den Bürgern der Bedarf nach neuen Verkehrsformen laut wird, ist das ein ebenso wichtiges und gewichtiges Signal. In der Schweiz gibt es gute Instrumente, um politisch Druck zu machen.

Das Bicar vereint viele Vorteile des Fahrrads. Wäre aber dieses nicht noch besser? Es ist günstiger, umweltfreundlicher und gesünder.
Auf keinen Fall wollen wir Menschen vom Velofahren abhalten. Das Bicar soll die Autonutzung verringern und den ÖV noch attraktiver machen, nicht das Velo ersetzen.

Wie muss man sich das Bicar im Strassenalltag vorstellen?
Diese Fragen sind noch nicht alle gelöst, es ist ja im Moment erst eine Forschungsplattform. Das Bicar ist aktuell so konzipiert, dass man keinen Führerschein benötigt, sodass der Zugang niederschwellig ist. Es kann auf der Strasse fahren und könnte auch auf Velowegen fahren; hier muss man sich Lösungen überlegen, die für alle Verkehrsteilnehmer sicher sind.

Das Bicar sieht sehr ungewohnt aus. Wie nimmt man den Menschen die Scheu, sich in dieses ulkige Gefährt zu setzen?
Wer sein eigenes Fahrverhalten überdenkt und sich mal in ein Bicar setzt, merkt sofort, was das für ein tolles Fahrgefühl ist. Bicarfahren ist nicht nur nachhaltig, es macht auch Spass. (Landbote)

Erstellt: 21.05.2015, 15:57 Uhr

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