Winterthur

Der Machtkampf ist vorbei, die Fronten bleiben verhärtet

Der Streit in der albanischen Moschee hinter der McDonalds-Filiale scheint entschieden. Die unterlegenen Unterstützer des ehemaligen Präsidenten haben eine neue Moschee gegründet – im selben Quartier. Beide Seiten sind nun um ein gutes Image bemüht.

Die Anhänger des zurückgetretenen Präsidenten des Islamisch-Albanischen Vereins gründeten an der Ohrbühlstrasse die neue Moschee namens Saber.

Die Anhänger des zurückgetretenen Präsidenten des Islamisch-Albanischen Vereins gründeten an der Ohrbühlstrasse die neue Moschee namens Saber. Bild: Marc Dahinden

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Die beiden Moscheen in der Grüze sind sich auf den ersten Blick sehr ähnlich. Beide wurden in eine ehemalige Industriehalle eingebaut, beide werden fast ausschliesslich von Muslimen mit albanischsprachigem Hintergrund besucht und auch die theologische Ausrichtung ist dieselbe. Der einzige offensichtliche Unterschied: Auf der Moschee an der Kronaustrasse hinter der McDonalds-Filiale thront ein Minarett, das im Sommer eröffnete Gotteshaus an der Ohrbühlstrasse hat keines.

Auf den zweiten Blick offenbaren sich zwischen den Mitgliedern der beiden Moscheen dann allerdings grosse Differenzen. Lange hatten sie gemeinsam im Islamisch-Albanischen Verein an der Kronaustrasse gebetet, dann kam es zwischen einer Gruppe von Mitgliedern und dem Vorstand zu einem Zwist, der schliesslich eskalierte.

Beide Seiten betonen, es gehe bei diesem Streit nicht um Glaubensinhalten.

Im Frühling 2016 musste die Polizei mehrmals wegen Handgreiflichkeiten einschreiten. Heute gehen die verfeindeten Gruppen getrennte Wege. Drei Unterstützer des mittlerweile zurückgetretenen Präsidenten gründeten einen neuen Verein namens Saber, bezogen diesen Juni ein Lokal an der Ohrbühlstrasse und bauten es zur Moschee um.

Die Hintergründe des Streits sind für Aussenstehende bis heute undurchsichtig, beide Seiten betonen, es gehe nicht um Glaubensinhalte. Fünf Fragen und Antworten helfen, die Abspaltung zu verstehen:

1. Warum stand die alte Garde in der Kritik?

Bei einigen Mitgliedern galten der ehemalige Präsident und einige Vorstandsmitglieder als verstaubt und autoritär. Sie hätten die einst guten Kontakte zu anderen Moscheen und zu den Winterthurer Kirchen gekappt und das Weiterbildungsangebot des Vereins zusammengestrichen, hiess es. Ende 2015 entliess der Vorstand den Imam, obwohl sich viele Mitglieder mit ihm solidarisiert hatten. Der ehemalige Präsident äusserte sich damals nicht gegenüber den Medien.

2. Wie ging die Opposition gegen den Präsidenten vor?

Im Frühling 2016 berief die oppositionelle Gruppe eine Mitgliederversammlung in der Moschee an der Kronaustrasse ein, bei der ein neuer Vorstand gewählt wurde – der umstrittene Präsident war nicht mehr darin vertreten. Doch die Wahl war nicht rechtens, stellte das Bezirksgericht fest, nachdem sich der abgesetzte Präsident auf juristischem Wege gewehrt hatte.

Schliesslich trat die alte Führung Ende 2016 doch noch zurück. Heute amtet laut dem Islamisch-Albanischen Verein ein neuer Vorstand unter Präsident Sulejman Sulejmani. Im Handelsregister ist dieser Wechsel bisher noch nicht nachvollzogen, die Wahl ist laut Sulejmani jedoch im Protokoll der Mitgliederversammlung dokumentiert.

3. Hat der Sieg der Opposition zu Veränderungen geführt?

Der Moscheeverein unter Sulejmani bemüht sich um ein Image als junger und liberaler Verein, der sich für die Integration einsetzt. Man biete Deutschkurse für Frauen an und investiere in die Jugendarbeit, hiess es im Sommer, als der «Landbote» eingeladen war, um über das Fastenbrechen am Ende des Ramadans zu berichten. Ein grosses Fest, eingeläutet von einer Predigt des Imams, der anderthalb Jahre zuvor vom alten Vorstand entlassen worden war.

Der Imam sprach unter anderem von der Pflicht, sich an einer guten Gesellschaft zu beteiligen. Der ebenfalls anwesende Integrationspolitiker und wilde Stadtradtskandidat Blerim Bunjaku bezeichnete das direkte Bennenen der Integration als Neuausrichtung der etablierten Moschee an der Kronaustrasse.

4. Was sagen die Unterstützer der alten Garde zum Wechsel?

Fisnik Dauti, Mitgründer und Präsident der neuen Moschee Saber, findet keine guten Worte für den Imam, dessen Predigt von Bunjaku gelobt wurde. An diesem Imam, der seine Predigt auf albanisch hält, scheiden sich offenbar bis heute die Geister. «Nicht der alte Vorstand war verstaubt und autoritär, sondern der Imam», sagt Dauti. Der alte Präsident hingegen, der habe den Islamisch-Albanischen Verein an der Kronaustrasse sehr gut geführt. Dass dort die integrative Rhetorik des neuen Vorstandes umgesetzt werde, bezweifelt er.

«Nicht der alte Vorstand war verstaubt und autoritär, sondern der Imam.»Fisnik Dauti, Saber-Präsident

In seiner neu gegründeten Moschee werde man jedoch Jugendlichen und Frauen bei der Integration wirklich helfen, Weiterbildungsmöglichkeiten aufzeigen, und Schüler bei der Lehrstellensuche unterstützen.

5. Wie kontert die neueFührung die Kritik von Saber?

Ein erneuter Besuch des «Landboten» bei der kritisierten Moschee hinter der McDonalds-Filiale zeigt, dass beide Seiten mit ähnlichen Argumenten arbeiten. Die Zweifeln an den Integrationsbemühungen, die von Seiten der Saber-Moschee geäussert werden, will Präsident Sulejmani nicht auf sich sitzen lassen. Inzwischen habe man wieder guten Kontakt zu verschiedenen Kirchen. Tatsächlich empfing der Islamisch-Albanische Verein vor kurzem Besuch von mehr als einem Dutzend ehrenamtlicher Mitarbeiter der GVC Chile Hegi, die sich für eine Führung angemeldet hatten.

Zudem habe man bereits ein Bildungsangebot aufgebaut, mit dem man in Kürze loslegen werde, sagt Sulejmani. Den Grund dafür, dass solche Integrationsbemühungen überhaupt erst ins Stocken gerieten, sieht er beim alten Präsidenten: «Es ist unglaubwürdig, dass unser Imam für die temporäre Abschottung verantwortlich sein soll, denn er ist schon mehr als 20 Jahre dabei.» Der abgesetzte Präsident hingegen habe den Verein nur wenige Jahre geführt.

Erstellt: 01.10.2017, 14:23 Uhr

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