Winterthur

Der Mann hinter No-Billag

Der 30-jährige Wirtschaftsprüfer Yves Collet aus Winterthur hatte die Idee zur No-Billag-Initiative. Er findet Pendlerzeitungen reichen aus für die mediale Grundversorgung.

Yves Collet beteuert trotz No-Billag-Initiative: «Ich habe nichts gegen die SRG.»

Yves Collet beteuert trotz No-Billag-Initiative: «Ich habe nichts gegen die SRG.» Bild: Johanna Bossart

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«‹20 Minuten› ist so informativ wie jedes andere Medium. Wenn ich von Winterthur nach Zürich pendle, dann muss ich das nicht im Ferrari machen, ein VK-Käfer reicht auch», sagt Yves Collet.

Geht es nach ihm, reichen Pendlerzeitungen als mediale Grundversorgung. Der Winterthurer ist der Ideengeber derjenigen Initiative, die heute die ganze Schweiz spaltet und die Existenz des Schweizer Radios und Fernsehens bedroht. An einem Novemberabend vor vier Jahren traf sich Collet nach einem politischen Anlass mit zwei Parteikollegen im Restaurant «Outback» am Bahnhof Stadelhofen zu einem Bier. Sie sprachen über Gott und die Welt und was sie sonst beschäftigte.

Collet ärgerte sich über den «enorm hohen Beitrag» der Radio- und Fernsehgebühr, den er selbst als Student bezahlen musste. Er sagt, sei seien verzweifelt gewesen und hätten sich gefragt, was sie gegen die Gebühren tun könnten: «Es gibt diejenigen, die nach Bern gehen und Autos anzünden, wir haben den politisch korrekten Weg gewählt.» Wenige Wochen später präsentierten die drei den Parteikollegen ihren Initiativvorschlag.

Collet war damals Präsident der Winterthurer Sektion und studierte in St. Gallen Wirtschaft. Zeit zum Fernsehen hatte er keine. Dass der Billag-Kontrolleur mehrmals in seiner Studentenwohnung auftauchte, um die Anschlüsse zu kontrollieren, empfand Collet als «echt penetrant»: «Dass sich jemand anmasst, mich in meiner Wohnung anzuhalten, um mich zu kontrollieren.» Er musste mehrere Briefe schreiben, bis er von der «Zwangsgebühr» befreit wurde. Die Kontrollen seien jedoch nicht ausschlaggebend gewesen für die Initative: «Das tropft an mir ab.»

Der heute 30-Jährige ist in Winterthur geboren und aufgewachsen, er lebt mit seiner Freundin in einer Wohnung in Oberwinterthur. Nach seinem Wirtschaftsstudium absolvierte er die Ausbildung zum Wirtschaftsprüfer. «Eine sehr strenge Ausbildung, nur ein Drittel schafft die Ausbildung mit Abschlussprüfung auf Anhieb — ich habe es geschafft», sagt er mit Stolz. Heute arbeitet er als Buchhalter bei einer Schweizer Grossbank. In seiner Jugend war Collet angefressener Leichtathlet: «Ich nahm zweimal als jüngster Teilnehmer am Ironman in Zürich teil. Da musste meine Mutter noch für mich unterschreiben, damit ich antreten konnte.» Heute bleibe neben der Arbeit nicht mehr viel Zeit für Sport.

«Habe nichts gegen die SRG»

Während Collet vor dem Gespräch freundlich interessiert, ja fast schüchtern auftritt, schlüpft er im Gespräch sofort in die Rolle es Politikers. Er gibt sich felsenfest überzeugt von seiner Initiative und betont mehrmals, dass er mit der Initiative nicht die SRG angreifen will: «Wir Initianten haben nichts gegen die SRG. Wir möchten einfach keinen staatlichen Vogt, der bei uns als Gebühren getarnte Steuern eintreibt.»

Die SRG könne sich problemlos über Abonnemente finanzieren. «Amazon Prime, Bluewin- und Swisscom-TV gibt es seit Jahren und das funktioniert blendend.» Für ein SRF-Abo mit der «Tagesschau» und «10vor10» würde Collet auch 50 bis 100 Franken im Jahr zahlen. «Ich denke, das ist es wert.»

«Die Leute können sich ohne das SRF in einer Demokratie zurechtfinden. Für neutrale Information gibt es 
das Abstimmungsbüchlein.»
Yves Collet, 
Mitinitiant No-Billag

Bereits heute schaut er sich diese Sendungen ab und zu an. Lieber aber ist er auf Netflix oder liest den «Economist». Manchmal ist er in der Stadtbibliothek anzutreffen, wo er in aufgelegtenen Magazinen und Zeitungen liest. Ansonsten informiert sich Collet übers Internet. Beim «Tages-Anzeiger» reicht ihm die gratis Online-Version. «Auch bei kostenpflichtigen Artikeln kann ich ja noch den Titel und den Kurzbeschrieb lesen.»

Fernsehen bedeutet für ihn mehr Unterhaltung als seriöse Information: «Es hat seine Gründe, wieso man wichtige Dokumente wie das Testament oder den Arbeitsvertrag nicht mit einer Videokamera aufnimmt, sondern schriftlich regelt.» Zur Frage, wie sich von der Billag-Gebühr befreite Sozialhilfeempfänger, die kein Geld für Zeitungsabos haben, in Zukunft informieren sollen, fragt Collet zurück: «Kostet denn ‹20 Minuten› etwas?»

Abstimmungsbüchlein reicht

Die Leute könnten sich sehr wohl auch ohne öffentliches Radio und Fernsehen in einer Demokratie zurechtfinden: «Es gibt vor jeder Abstimmung ein Abstimmungsbüchlein, in dem alle Fakten neutral dargestellt werden.» Und zudem: Ein privater Sender habe keinen Anreiz, falsche oder ungenügend recherchierte Informationen zu verbreiten. «Grundziel jedes Mediums ist es ja, ein qualitativ hochwertiges Programm zu bieten, sonst hätte es keine Zuschauer oder Leser.»

Warum nur im Hintergrund?

Nur einer der drei Gründer ist im Kernteam vertreten. Collet sagt, dass er sich wegen eines Krankheitsfalls in der Familie zurückgezogen habe: «Nachdem der Grossteil der Unterschriften zustande kam, dachte ich, dass meine Person in den Hintergrund treten kann.» Neben seiner Arbeit bei der Bank hätte er sowieso nicht viel Zeit zur Verfügung. Collet sagt, er sei nach wie vor bei den Jungfreisinnigen politisch aktiv. Er zeigt sich überrascht ob der grossen Debatte, die die Initiative ausgelöst hat: «Ich würde sagen, es hat eine nicht zu unterschätzende Bewegung aus dem Volk selbst gegeben, völlig normale Leute, die sonst nichts mit Politik zu tun haben.»

Für den 4. März hat er noch keine konkreten Pläne. «Ich werde sicher versuchen, mit den anderen Gründern die Abstimmung zu verfolgen.» Wie er die Chancen der Initiative einschätzt? «Es könnte knapp werden.» (Landbote)

Erstellt: 31.01.2018, 17:39 Uhr

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