Stadtbibliothek

Die Beschreibung der Welt in Karten

Atlanten sind wie andere Bücher Spiegel ihrer Zeit und laden zu Kopfreisen ein.

Aus dem «Grossen Atlas» von Johann Baptist Homann, Nürnberg 1737, mit dem Dauphiné im Südosten Frankreichs, handkoloriert und aufwendig verziert.

Aus dem «Grossen Atlas» von Johann Baptist Homann, Nürnberg 1737, mit dem Dauphiné im Südosten Frankreichs, handkoloriert und aufwendig verziert. Bild: Angelika Maass

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Ich geb’s gleich zu: Diesmal habe ich mich nur von meiner Neugier und der Schönheit der Objekte leiten lassen und bin darum auch beim zweiten Besuch oben in der Stadtbibliothek wieder bei den selben Atlanten hängen geblieben.

Bei den alten, kostbaren mit ihren handkolorierten Stichen. Bei den Atlanten, in denen die Welt oft nur zum Teil so erscheint, wie sie ist, und die Darstellung ferner Länder, anderer Kontinente nicht selten von abenteuerlicher Ungenauigkeit ist; dass Kalifornien eine Insel sei, ist nur eine unter vielen.

«Die grosse Welt in Winterthur: Atlanten aus vier Jahrhunderten» ist das aktuelle Original des Monats überschrieben, und Winterthur spielt da eine besondere Rolle. Denn die Stadt besitzt eine lange kartografische Tradition, die mit der Lithographischen Anstalt Wurster & Cie so richtig begann, welche Jakob Melchior Ziegler, selbst Autor von Karten und Atlanten, 1842 zusammen mit Johann Ulrich Wurster gründete.

Zieglers Unternehmung «entwickelte sich später zum grössten und bedeutendsten privaten Kartenverlag der Schweiz und erlangte als Kartographia Winterthur Weltruf» (so zu lesen im Aufsatz «Geschichte der schweizerischen Kartographie» von Hans-Peter Höhener und Thomas Klöti).

Neben einem frühen Beispiel mit zwei Dutzend farbig lithografierten Karten aus Zieglers Hand gehören zu den Exponaten zwei Atlanten der 1920er-Jahre aus Winterthur, das während Jahrzehnten die Atlanten für Schweizer Sekundar- und Mittelschulen produzierte.

Die beiden Farbdruck-Werke kommen uns in ihrer Erscheinung schon ganz vertraut vor, ebenso wie das jüngste, der Londoner «Philips‘ International Atlas» aus dem Jahr 1942. Doch sie alle wirken geradezu nüchtern im Vergleich mit den zwei- und dreihundert Jahre älteren Prachtbänden.

Renommierobjekte

Diese Werke wurden auch nicht für die Schule geschaffen, sondern für den kleinen Kreis derer, die es sich leisten konnten, Adelige, reiche Bürger. Sie sind nicht nur ausgesprochen wertvoll, sondern eigentliche Renommierobjekte, bis weit ins 18. Jahrhundert.

Wer in ihnen blättert – denn das ist mit der nötigen Vorsicht auch bei diesen Werken möglich –, kann das angesichts des attraktiven Druckbildes und der vielen auf Kupferplatten gestochenen, ebenso sorgfältig wie attraktiv von Hand kolorierten Karten, verziert mit Vignetten und Kartuschen, noch heute gut nachvollziehen. Ihren wahren Wert wissen wohl nur Spezialisten einzuschätzen.

Schwer und gross sind die beiden besonders attraktiven alten Atlanten: der «Newe Atlas oder Weltbeschreibung» des niederländischen Verlegers und Kartografen Johannes Janssonius, 1638 in zwei Bänden in Amsterdam erschienen, erlesen in helles, mit Gold verziertes Pergament gebunden, und der «Grosse Atlas über die Gantze Welt» von Johann Baptist Homann, 1737 von seinem Nachfolger in Nürnberg verlegt.

Natürlich sind diese Werke europazentriert und die fernen Länder mitunter recht summarisch dargestellt, vor allem weil sie erst in Teilen erforscht waren und man grundsätzlich weniger über sie wusste, zum andern aber auch, weil die fernen Länder meist erst dann interessant wurden, wenn man Nutzen aus ihnen ziehen konnte und sie Perspektiven der Macht spiegelten. Das merkt man im «Newen Atlas» zum Beispiel bei Spanien und seinen Kolonien, allen voran den beiden Amerika; im Titel des Neuen Atlas heisst es ja auch: «… Sampt Ost- und West-Indien, darvon gnugsam und volkommener bericht zufinden».

Fast alles und mehr

Zum «vollkommenen Bericht» gehören nicht nur die vielen Karten (bei denen man auch auf ältere Karten zurückgriff), sondern zum Teil ausführliche Texte, in denen das Wichtigste oder überhaupt alles zu erfahren ist, was man über die jeweiligen Länder, Herzogtümer, Diözesen oder Provinzen wusste; ausserdem vieles, was über die Geografie hinausgeht (Mathematik, Physik, Geschichte, Astronomie …).

Das gilt auch für meinen Liebling unter den zehn Original-Atlanten, Homanns «Grossen Atlas» (gross auch im Format: gut 60 x 30 cm), den der Kartograf, Verleger und Kupferstecher dem «unüberwindlichsten» Kaiser und König Karl VI. gewidmet hat. Himmelskarten finden sich da, eine hydrografische Karte Deutschlands, eine Karte mit den Benediktinerklöstern in Deutschland und den benachbarten Provinzen oder eine «Post-Charte durch gantz Teutschland», in der die Postrouten verzeichnet sind.

Auch eine wunderschön farbige Darstellung der «Flaggen aller Seefahrenden Potenzen und Nationen in der gantzen Weldt» enthält der Atlas, Plan und Bestückung eines Kriegsschiffes oder detailreiche Stadtansichten, dazu Bildvignetten, die ganze Schlachten und Genreszenen zeigen.

Als weitere Besonderheit kann Homanns Atlas – ein bisschen Spass muss sein – eine Karte des Schlaraffenlandes bieten. Da locken denn Gegenden wie Rotnasonia und Gurgulia und Orte wie Bechersgmund, Kotzing, Schlafsau, bevor man in Hundsrausch und Schickihnheim landet.

Original des Monats: Stadtbibliothek, Sammlung Winterthur, 4. Stock, bis Ende August.

Erstellt: 16.08.2019, 12:54 Uhr

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