Wirtschaft

Die Briefkastenfüller

Im Roten Turm in Winterthur sitzt die grösste Adresshändlerin der Schweiz. Mittlerweile macht Schober die Hälfte des Umsatzes im Internet.

Duchgestylter Tischfussball-Fan: Schober-Chef Stephan Obwegeser war 15 Jahre lang Online-Werber.

Duchgestylter Tischfussball-Fan: Schober-Chef Stephan Obwegeser war 15 Jahre lang Online-Werber. Bild: Marc Dahinden

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Das erste, was im siebten Stock des Roten Turms auffällt, ist der Pingpongtisch im Pausenraum. Auch Stephan Obwegeser sieht nicht aus, wie man sich den Chef einer Firma vorstellt, die mit Postadressen handelt. Der 43-jährige trägt Bart, Schmuck und Wuschelfrisur und sieht generell aus, als teile er sich einen Stylisten mit Johnny Depp. Das Interview erfolgt am Stehpult bei einem Bier – es ist Freitag nach vier.Auf der Strasse ist die Firma Schober kaum jemandem ein Begriff. «Meinst du das Café in Zürich?», fragt die Kollegin. Mit der Arbeit des diskreten KMU kommen dennoch Millionen Schweizer in Berührung. Die grösste Adresshändlerin der Schweiz versorgt Firmen und Stiftungen mit den nötigen Daten für ihren Werbeversand. «Stopp-Werbung»-Kleber können sie nicht aufhalten, denn was adressiert ist, muss die Post zustellen.

Von Facebook überholt?

Ein unzeitgemässes Geschäft, dieser Postversand, würde man meinen! Längst haben Google, Facebook und Co. viel genauere Informationen über die die Vorlieben der Menschen. Wer auf Facebook Werbung schaltet, kann seine Zielgruppe regelrecht masschneidern.

«Zielgruppe statt Umfeld: In diese Richtung geht der Trend auf dem Werbemarkt schon sehr lange.»Stephan Obwegeser

Prinzipiell hatte Schober, als man vor 40 Jahren ins Geschäft einstieg, die gleiche Idee, nur mit analogen Mitteln: Statt über Plakatwände, Zeitungsinserate und TV-Spots die Masse zu erreichen, sollten die Kunden direkt und gezielt angesprochen werden – nämlich zuhause, über den Briefkasten. «Zielgruppe statt Umfeld: In diese Richtung geht der Trend auf dem Werbemarkt schon sehr lange», sagt Stephan Obwegeser.

Digital und analog verknüpfen

Der Versand von Drucksachen sei, richtig eingesetzt, immer noch ein effektives Mittel zur Kundengewinnung und Kundenpflege, sagt er. Hier seien Google und Facebook keine Konkurrenz. «Diese haben meist keine Adressen zu den Namen. Interessant wird es, wenn man die digitale und die analoge Welt verknüpfen kann.»

Die mächtigere Konkurrenz sei hier eher Amazon und Zalando mit ihren riesigen Kundenstämmen und detaillierten Käuferprofilen. Diese entdeckten allmählich das Geschäft mit der Zweitverwertung ihres Datenstamms und böten ihn Drittfirmen zum Kauf an.

E-mails als zweites Standbein

Längst sind die rund 50 Mitarbeiter von Schober nicht mehr nur im Adressgeschäft tätig – es macht noch etwa die Hälfte des Umsatzes aus. Der zweite Pfeiler ist eine Software für professionelle E-mail-Kampagnen. Der Versand grosser E-mail-Mengen ist eine Wissenschaft für sich. Wer Zehntausende Nachrichten rausschickt, muss wissen, was er tut, sonst bleiben sie in Spam-Filtern hängen oder werden auf verschiedenen Geräten falsch dargestellt.

Schliesslich führt Schober im Auftrag von Kunden auch selbst E-mail-Kampagnen durch. Man besitzt und bewirtschaftet zu diesem Zwecke grosse Adresslisten. «Wir spielen Print und Online das nicht gegeneinander aus», sagt Obwegeser. «Im Gegenteil, unsere Stärke ist gerade, dass wir beides aus einer Hand anbieten und man es kombinieren kann.»

Der Anteil der E-mail-Sparte ist zuletzt leicht gewachsen. Kein Wunder: Die meisten jüngeren Menschen stehen nicht mehr im Telefonbuch. «Das ist ein Problem», sagt Obwegeser. «Wir dürfen ja nur öffentliche Quellen nutzen und haben keinen Zugriff aufs Melderegister.»

Der Chef ohne Stopp-Kleber

Der quirlige Schober-Chef war 15 Jahre lang Online-Werber in Zürich, unter anderem für «20 Minuten». 2015 kam er zu Schober, um die Firma in die Internet-Zukunft zu führen. Und wohl auch um den Laden etwas aufzumischen. Im biederen Bachenbülach verzweifelte er fast, er war sich das Stadtleben gewohnt. Seit letztem Jahr sitzt Schober nun im Roten Turm. «Wir hatten verschiedene Standorte angeschaut und ich hatte mich für diesen stark gemacht», sagt Obwegeser. Die Belegschaft schätze den Ausblick, die Bahnhofsnähe – und die Foodtrucks am Merkurplatz.

Klebt an seinem privaten Briefkasten im thurgauischen Eschlikon auch ein Stopp-Werbung- Kleber? «Natürlich nicht!», sagt er. «Als Werber und neugieriger Mensch will ich wissen, wer mir schreiben will.» (Landbote)

Erstellt: 12.03.2018, 15:30 Uhr

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Ein Selbsttest

Was weiss Schober über mich?

Die Firma Schober mit Sitz in Winterthur wirbt damit, alle Schweizer Adressen samt zahlreicher Zusatzinformationen zu kennen. Im Selbsttest stossen wir allerdings auf zahlreiche Wissenslücken.

Schober behauptet von sich, die «umfangreichste Consumer-Marketingdatenbank im Schweizer Markt» zu besitzen. Man habe «alle 5.8 Mio. Privatadressen mit jeweils über 100 Zusatzmerkmalen zu Konsumverhalten, Soziodemografie sowie Wohn- und Lebenssituation.»

Doch wie vollständig sind diese Datensätze? Um das zu testen, haben Mitglieder der Redaktion ein Auskunftsbegehren nach Artikel 8 des Bundesgesetzes über den Datenschutz gestellt.Nach wenigen Tagen lagen die Dossiers in den Briefkästen. Kollege 1, Jahrgang 78 und ledig, steht nicht im Telefonbuch. Trotzdem kennt Schober seine Anschrift und sein Geburtsdatum. Allerdings nicht viel mehr: Beruf, Zivilstand oder Kinder sind unbekannt. Laut Schober-Dossier fährt er eine Limousine der unteren Mittelklasse – er hatte nie ein Auto.

Kollegin 2, Jahrgang 76, verheiratet, zwei Kinder ist nicht im Telefonbuch - und auch nicht im Schober-Katalog: «Adresse nicht gefunden».

Kollege 3, Jahrgang 84, braucht zwei Anläufe: Seine aktuelle Wohnandresse wird nicht gefunden, obwohl sie seit drei Jahren im Telefonbuch steht. Gelistet ist er unter der Adresse seiner Eltern. Jahrgang 1959 habe er – das Geburtsdatum ist das des Vaters. Zivilstand, Kinder, Auto, Ausbildung: Alles unbekannt. Der «Spenden-Index» beträgt 0, ein durchschnittlicher läge bei 100. Spendenaufrufe kamen im Elternhaus trotzdem im Wochentakt.

Die Qualität der Daten ist also recht unterschliedlich. Über ihre Herkunft schreibt Schober: «Die Informationen stammen teils aus öffentlichen Quellen und teils von verschiedenen Unternehmungen (Versandhandel, Verlage, Gewinnspiele, etc.)». Womöglich nehmen die Mitglieder der Redaktion einfach zu selten an Gewinnspielen teil. (mig)

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