Kantonsratswahl

Die CVP sinnt auf Revanche, die Grünen auf eine Klimawahl

Seit dem Parteiwechsel von Chantal Galladé blickt Winterthur gespannt auf das Duell SP gegen GLP. Viele Kleinparteien müssen um ihre Sitze bangen, die SVP dürfte ihren vierten verlieren – an die FDP?

Es ist selten, dass eine Partei im Wahlkampf ein Ziel ausgibt, das tiefer liegt als der Status quo. Bei den Kantonsratswahlen im Bezirk Winterthur Stadt ist das der Fall. Die SVP hält hier derzeit vier Sitze und will, nach Vorgabe ihres Präsidenten Simon Büchi, drei davon verteidigen.

Diese ungewohnte Bescheidenheit hat eine Vorgeschichte. Die Volkspartei errang vor vier Jahren nämlich, als zweitstärkste Kraft, auch bloss drei Sitze. Den vierten verdankt sie dem Parteiwechsel von Franco Albanese, der für die CVP gewählt wurde und dieser kurz danach den Rücken kehrte.

Im Kantonsrat war die SVP in den letzten 20 Jahren mit einer Wählerstärke zwischen 21 und 24 Prozent ausserordentlich konstant, bei den Gemeinderatswahlen 2018 musste sie aber herbe Verluste einstecken.

Albanese selbst muss wohl kaum um seinen Sitz fürchten. Nach den Rücktritten von Rolando Keller und Walter Langhard startet er von Platz 2 aus. Vor ihm ist mit René Isler ein wahrer Ratsdinosaurier; seit 2003 sitzt der Stadtpolizist im Kantonsrat. Auf Platz drei folgt die Tierpathologin und Schulpflegerin Maria Wegelin, gefolgt vom Gemeinderat und Parteipräsidenten Simon Büchi.

Junge SP-Frau darf hoffen

Grösser sind die Ansprüche bei der SP. Sie hat sich den vierten Sitz als Ziel vorgenommen. Schliesslich habe sie bei den Gemeinderatswahlen gut 30 Prozent der Stimmen geholt, also sechs Prozent mehr als bei den letzten Kantonsratswahlen.

Alle drei Bisherigen treten wieder an, angeführt vom Pfleger und Gewerkschafter Andreas Daurù. Hinter dem Informatiker Rafael Steiner und der Theaterschaffenden Susanne Trost Vetter wartet auf dem aussichtsreichen vierten Platz die 25-jährige Sarah Akanji, die derzeit als Campaignerin für die Partei arbeitet.

Die Freisinnigen haben in Winterthur derzeit nur einen Sitz zu verteidigen, den von Routinier Dieter Kläy, der seit über dreissig Jahren politisiert. Kläy ist Präsident der FDP Winterthur und wird nach seiner Wiederwahl im Mai auch das Präsidium des Kantonsrats übernehmen – als «höchster Zürcher».

In Sachen Wählerstimmen wäre für die FDP, vor vier Jahren die drittstärkste Kraft im Bezirk Winterthur Stadt, ein zweiter Sitz durchaus in Griffweite. In Lauerstellung liegt Carola Etter-Gick, ZHAW-Dozentin und Gemeinderätin.

Grün sucht die «Klimawahl»

Die Grünen wurden vor vier Jahren arg zerzaust und büssten fast drei Prozentpunkte ein. Sie haben die Wahl zur «Klimawahl» erklärt. «Überschwemmungen, Erdrutsche, Dürremonate: Das Klima gerät ausser Kontrolle und die Kantonsregierung tut nichts!», lässt sich Martin Neukom zitieren.

Der 32-Jährige, der auch für den Regierungsrat kandidiert, sitzt als derzeit einziger Winterthurer Grüner in Kantonsrat. Die Strategie könnte aufgehen. Gemäss einer Wählerumfrage von Tamedia können Grüne und Grünliberale dank der Klimathematik auf satte Zugewinne hoffen, während fast alle anderen Parteien verlieren.

Profitieren könnte Renate Dürr, Gemeinderätin und Co-Präsidentin der Grünen Winterthur. Falls Neukom unerwartet der Sprung in den Regierungsrat gelingt, stünden die Gemeinderäte Christian Griesser und Nina Wenger bereit (Letztere ist mit Jahrgang 1999 die Jüngste im Gemeinderat).

Gibt es den Galladé-Effekt?

Auch bei den Grünliberalen rechnet man sich dank der Klimafrage ernsthafte Chancen auf einen Sitzgewinn aus. Ob ein «Galladé-Effekt» spürbar wird und ob er der GLP hilft oder zum Bumerang wird, bleibt abzuwarten.

Für einen zweiten Sitz neben dem Bisherigen Michael Zeugin stünde mit Katrin Cometta-Müller jedenfalls eine Kandidatin bereit, die seit 2010 im Gemeinderat politisiert und sich insbesondere in Betreuungs- und Familienfragen, aber auch in der Verkehrspolitik einen Namen gemacht hat.

In Reichweite zur GLP und den Grünen lag vor vier Jahren die EVP. In Winterthur ist die Kleinpartei eine Macht, die um ihren Sitz kaum fürchten muss. Zumal ihr Wähleranteil in den letzten zwei Jahrzehnten bemerkenswert konstant war und zuletzt noch stieg. Barbara Günthard Fitze, die 2017 den Sitz von Nik Gugger übernahm, der Nationalrat wurde, tritt als Bisherige wieder an. Sekundiert wird sie von Michael Bänninger, der im Winterthurer Gemeinderat sitzt.

Dass der CVP ein Comeback gelingt und sie ihren Sitz zurückholt, ist wahrscheinlich, aber nicht sicher. Mit den Gemeinderäten Andreas Geering und Iris Kuster Anwander stehen zwar bekannte Gesichter zur Wahl, doch mit 5,5 Prozent Stimmenanteil war der Sitz vor vier Jahren schon ein aufgerundeter.

BDP: Exot mit Ablaufdatum?

Das gilt allerdings in noch stärkerem Ausmass für den Sitz der BDP, den vor vier Jahren überraschend der in Gossau wohnhafte Marcel Lenggenhager errang. Lenggenhager tritt dieses Jahr im Bezirk Uster an. In Winterthur kandidiert BDP-Wahlkampfleiter Hansruedi Knöpfli, der seinerseits vor vier Jahren in Uster gewählt wurde.

Bei der EDU hat es in den letzten Jahren in Winterthur nicht für einen Sitz gereicht – wenn sich das mit Mirjam Ursina Egli-Dürsteler ändern würde, wäre es für die Partei, die konstant zwischen zwei und zweieinhalb Prozent erreicht, eine handfeste Überraschung. Schon wahrscheinlicher ist, dass Manuel Sahli seinen AL-Sitz halten kann. Die Kleinpartei hat in Winterthur eine treue Wählerbasis und konnte im Gemeinderat letztes Jahr ihren zweiten Sitz souverän verteidigen.

(Der Landbote)

Erstellt: 14.03.2019, 17:49 Uhr

Kantonsratskandidaten im Bezirk Winterthur-Stadt


  • LISTE 1: SVP


René Isler, 1959, Polizist (bisher)
Franco Albanese, 1977, Unternehmer
(bisher)
Maria Wegelin, 1978, Tierärztin
Simon Büchi, 1984, Unternehmer
Susanna Lisibach, 1969, Verwaltungsangestellte
Gabriella Gisler, 1962, Juristin
Markus Reinhard, 1978, Sicherheitsspezialist

LISTE 2: SP
Andreas Daurù, 1979, Pflegefachmann,
Teamleiter (bisher)
Rafael Steiner, 1987, Unternehmer,
Informatiker (bisher)
Susanne Trost Vetter, 1956, Germanistin,
Theaterschaffende (bisher)
Sarah Akanji, 1993, Bachelor of Arts,
Projektmitarbeiterin
Roland Kappeler, 1958, Gymnasiallehrer
Eva Slavik, 1981, Dozentin
Deniz Cetin, 1974, Schulsozialarbeiter,

LISTE 3: FDP
Dieter Kläy, 1963, Ressortleiter
Arbeitsmarkt (bisher)
Carola Etter-Gick, 1980, Dozentin ZHAW
Felix Helg, 1965, Leiter Rechtsdienst
Raphael Perroulaz, 1992, Zeichner
Architektur
Kerstin Habegger, 1981, Juristin, Ersatzrichterin
Roland Sprecher, 1966, Wirtschaftsjurist

LISTE 4: GLP
Michael Zeugin, 1977, Unternehmer
(bisher)
Katrin Cometta-Müller, 1975, Leiterin
Stab und Dienste
Urs Glättli, 1968, Umweltexperte
Markus Nater, 1970, Leiter Umweltmanagement
Martin Riedi, 1967, Unternehmer
Silvia Gygax-Matter, 1980, Leiterin
Administration

LISTE 5: Grüne
Martin Neukom, 1986, Ingenieur (bisher)
Renate Dürr, 1967, Kaufmännische
Angestellte
Christian Griesser, 1967, Jurist
Nina Wenger, 1998, Fachfrau Gesundheit
Reto Diener, 1955, Ingenieur
Katharina Frei Glowatz, 1968, Landschaftsarchitektin, Lehrerin

LISTE 6: CVP
Andreas Geering, 1968, Sicherheitsbeauftragter
Iris Kuster Anwander, 1962, Ökonomin,
Familienfrau
Alexandra Stadelmann, 1992, Primarlehrerin
André Zuraikat, 1986, Projektleiter
Michael Furrer, 1980, Betriebsökonom

LISTE 7: EVP
Barbara Günthard Fitze, 1957, Pflegefachfrau (bisher)
Michael Bänninger, 1975, Sozialarbeiter
Barbara Huizinga-Kauer, 1980, Pflegefachfrau
Lilian Banholzer-Hänzi, 1961, Archivmitarbeiterin
Samuel Müller, 1981, Pfarrer

LISTE 8: AL
Manuel Sahli, 1988, Informatiker (bisher)
Alexandra Leschke, 1984, Servicefachangestellte
Dario Brenner, 1988, Student
Roman Hugentobler, 1989, Fachperson
Betreuung

LISTE 9: BDP
Hans-Rudolf Knöpfli, 1966, Unternehmer
im Bildungsbereich (bisher)
Simon Mösch, 1994, Volkswirtschaftler
Isabel Kühnlein, 1962, Juristin
Davide Rotondaro, 1983, Unternehmer
Grafik

LISTE 10: EDU
Mirjam Ursina Egli-Dürsteler, 1978,
Doktorandin
Daniel Suter, 1960, Geschäftsführer
Zeno Dähler, 1976, Unternehmer
Herman Baur, 19

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