Schule

Die Stadt hilft fremdsprachigen Kindern weniger, als der Kanton verlangt

Um die kantonalen Vorgaben über den Unterricht im Fach Deutsch als Zweit­sprache zu erfüllen, müsste die Stadt ihr Lehrpersonal aufstocken. Bisher tut sie dies nur zögerlich. Die Diskussion um die Ressourcen brodelt schon länger.

«Manche Kinder müssen zuerst lernen, wie man auf Deutsch sagt, ich muss aufs WC», sagt eine Tössemer Kindergärtnerin.

«Manche Kinder müssen zuerst lernen, wie man auf Deutsch sagt, ich muss aufs WC», sagt eine Tössemer Kindergärtnerin. Bild: Keystone

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Ein Kindergarten in Töss, kurz vor der 10-Uhr-Pause: «Jetzt singen wir das Sprachenlied», sagt die Lehrerin, Gitarre auf dem Schoss, 19 Kinder sitzen im Kreis um sie herum. «Alle, die zuhause Türkisch reden.» Zwei Jungen stehen auf und singen lauter als alle anderen: «Türkisch zählt man bir, iki, üç. Das heisst eins, zwei, drei auf Deutsch.» Weiter geht’s mit Albanisch, Serbisch, Italienisch, Vietnamesisch, Tamilisch. «Jetzt Schweizerdeutsch.» Zwei Kinder stehen auf. «Einige können am Anfang gar nichts», sagt die Kindergärtnerin. «Sie müssen zuerst lernen, wie man auf Deutsch sagt, ich muss aufs WC oder ich möchte etwas Trinken.» Die meisten Kinder wüssten sich zu helfen, nähmen sie dann einfach bei der Hand oder ahmten eine Trinkbewegung nach.

Hilfe für Fremdsprachige

Um solchen Kindern zu helfen, gibt es das Fach Deutsch als Zweitsprache (DAZ) — eine Art Nachhilfelektion, die im Tössemer Kindergarten jeweils vier bis sechs Kinder parallel zum Regelunterricht bei einer spezialisierten Lehrperson besuchen. So soll nach den Vorgaben der kantonalen Bildungsdirektion sichergestellt werden, dass Kinder mit ungenügendem Deutschniveau den Anschluss in der Schule nicht verpassen.

In einer Verordnung hat der Regierungsrat festgelegt, wie viel die Gemeinden minimal in den DAZ-Unterricht investieren müssen. Im Tössemer Kindergarten ist man mit den von der Stadt gesprochenen Mitteln zufrieden, doch in anderen Winterthurer Schuleinheiten gibt es ein Problem: «Die kantonalen Vorgaben können nicht überall erfüllt werden», sagt Markus Seger, Präsident der städtischen Schulleiterkonferenz. Im November 2016 habe man eine genaue Erhebung des gesamtstädtischen Bedarfs für das Schuljahr 2017/18 in Auftrag gegeben. «Dabei haben wir eine massive Differenz zu den vom Stadtrat gesprochenen Ressourcen festgestellt.»

«Es gibt durchaus Kinder, die  Anspruch auf DAZ-Unterricht hätten, aber keinen erhalten.»Cornelia Rütimann, Präsidentin Fachkonferenz der DAZ-Lehrpersonen

Unter der Oberfläche brodelt die Diskussion um die Mittel für den DAZ-Unterricht schon länger. AL-Gemeinderätin Katharina Gander hob sie 2015 auf die politische Ebene. «Leider sind mir Beispiele bekannt, wo Kinder viel weniger DAZ-Stunden erhalten, als ihnen eigentlich zustehen würden. Weshalb wird die geltende Verordnung nicht eingehalten?», fragte Gander den damaligen Schulstadtrat Stefan Fritschi (FDP). Dem Stadtrat seien keine solchen Fälle bekannt, entgegnete Fritschi. Und es liege an den Schulleitungen, die gesprochenen Ressourcen so einzusetzen, dass jedes Kind die notwendige Anzahl Lektionen erhalte.

Unterricht dauert länger

In der Zwischenzeit hat der Regierungsrat die Verordnung angepasst, die Neuerungen traten per letztes Schuljahr in Kraft. Die bisherige Formulierung zur Mindestzahl an DAZ-Lektionen habe zu Missverständnissen geführt, schrieb das Volksschulamt in einem Newsletter an die Schulpflegen und Schulleitungen. Und die wichtigste Änderung: Der DAZ-Unterricht ist nicht mehr auf drei Jahre begrenzt, sondern wird solange fortgeführt, wie es der Sprachstand eines Kindes erfordert. Ob ein Anspruch besteht, ergibt sich aus dem Resultat eines Sprachtests sowie aus Einschätzungen der Lehrpersonen.

Die Aufhebung der Obergrenze habe dazu geführt, dass mehr Schülerinnen und Schüler anspruchsberechtigt seien, schrieb der Stadtrat vor kurzem in seiner Antwort auf eine Anfrage der Gemeinderätinnen Katharina Gander und Gabi Stritt (SP). Bisher ging man davon aus, dass im Schnitt 60 Prozent aller Fremdsprachigen anspruchsberechtig sind. Die in diesem Jahr erstmals durchgeführte gesamtstädtische Erhebung ergab jedoch einen Anteil von knapp 70 Prozent. Weiter hält der Stadtrat in seiner Antwort fest, dass der erhobene Bedarf von 53,8 Vollzeitstellen im laufenden Schuljahr nicht gedeckt ist. Im Vergleich zu den gesprochenen Ressourcen fehlen 7 Vollzeitstellen, was Personalkosten von rund einer Million Franken entspricht.

«Wir setzen die Verordnung des Regierungsrats momentan nicht zu 100 Prozent um», sagt der neue Schulstadtrat Jürg Altwegg (Grüne) auf Anfrage. Jedoch habe die Stadt bereits auf das laufende Schuljahr um 4,3 Vollzeitstellen aufgestockt und werde sich in den nächsten Jahren dem Soll, das sich aus der Erhebung ergab, schrittweise annähern.

Kein Hinweis auf Rückgang

Das zurückhaltende Vorgehen begründet Altwegg damit, dass es mehr als eine Erhebung brauche, um klare Aussagen über den zukünftigen Bedarf machen zu können. «Es bringt nichts, wenn wir so viele Lehrpersonen anstellen, und sie dann ein Jahr später wieder auf die Strasse stellen müssen.» Schliesslich sei es auch möglich, dass die nächste Erhebung wieder tiefere Zahlen ergebe. Konkrete Hinweise auf einen Bedarfsrückgang kann Altwegg jedoch nicht nennen, sondern verweist stattdessen auf die normale Bevölkerungsfluktuation und sehr mobile Expat-Familien.

Altwegg verneint Sparabsicht

Steckt hinter dem Vorgehen des Stadtrats etwa die Absicht, Personalkosten von einer Million Franken auf Kosten des rechtlichen Anspruchs der Fremdsprachigen zu sparen? «Das will ich ganz klar nicht so gelesen haben», sagt Altwegg. «Sparen um des Sparens willen liegt mir fern, gerade beim DAZ-Unterricht.» Denn dieser nütze nicht nur während der Schulzeit, sondern bewahre die Stadt auch vor Folgekosten, die anfallen könnten, wenn Schülerinnen und Schüler wegen mangelnder Schulbildung keine Ausbildungsstelle oder keinen Job finden.

Bei der kantonalen Verordnung, welche die Stadt zurzeit nicht vollständig erfüllt, müsse man auch die Intention berücksichtigen, sagt Altwegg. Diese definiert er so: «Alle Kinder, die Anspruch auf DAZ-Unterricht haben, sollen diesen auch erhalten. Und das stellen wir auf jeden Fall sicher.» Allenfalls führe die momentane Situation dazu, dass die Gruppen grösser werden. «Aber wenn in einer DAZ-Klasse ein, zwei Schüler mehr sind, ist die Qualität deshalb nicht automatisch schlechter.» Ganz anders sieht es Cornelia Rütimann, die die Fachkonferenz der Winterthurer DAZ-Lehrpersonen präsidiert. «Es gibt durchaus Kinder, die gemäss Sprachtest und Abklärungsgesprächen Anspruch hätten, aber keinen Unterricht erhalten.» Mit den Ressourcen, die zurzeit zur Verfügung stehen, sei es in der Praxis sehr schwierig, jedes anspruchsberechtigte Kind einer Klasse zuzuteilen. «Und ich weiss von einigen Kolleginnen und Kollegen, die das gleiche Problem haben.»

Erstellt: 03.11.2017, 16:32 Uhr

Zehn kleine Rätoromanen

Dass es immer mehr Lehrpersonen für den Deutschunterricht braucht, liegt auch daran, dass die Schülerzahlen laufend steigen. Dabei wächst der Kindergarten, wo der DAZ-Unterricht am intensivsten ist, besonders stark: 2016 gingen knapp ein Drittel mehr Mädchen und Knaben in den Chindsgi als 2006. Genau 6699 Kinder mehr sind es laut kantonaler Bildungsstatistik.

Vor 2006 waren stets zwischen 23 000 und 24 000 Kindergärtler eingeschult. Seither steigt die Zahl rasant an. Am stärksten war die Zunahme in den Jahren 2014 und 2015 mit jährlichen über 1000 neuen eingeschulten Kindern.

Immer mehr Fremdsprachige

Die Zahl der Kinder, für die Deutsch nicht die Erstsprache ist, wächst dabei überproportional. Seit dem Jahr 2000 stieg sie um 53 Prozent. Gleichzeitig hat die Anzahl der Deutsch-Erstsprachler im Kindergarten nur um 14 Prozent zugenommen. Entsprechend steigt der Bedarf an Lehrerinnen und Lehrern für den Deutschunterricht verhältnismässig stärker an.
In den Städten ist der Anteil an fremdsprachigen Kindern höher als auf dem Land. So auch in Winterthur. Hier geben nur knapp 48 Prozent aller Schülerinnen und Schüler Deutsch als Erstsprache an. Im Kanton sind es gut 57 Prozent.

Albanisch ist häufigste Fremdsprache

Albanisch ist die zweithäufigste Sprache der Schulkinder. In Winterthur hat jedes siebte Kind diese Muttersprache, im Kanton jedes zehnte. Danach ist die Rangliste unterschiedlich: In der Stadt ist Türkisch auf Platz drei, im gesamten Kanton Italienisch.

Auch im Vergleich der Winterthurer Schulkreise fallen Unterschiede auf, die aber nicht so gross sind wie jene zwischen Stadt und Land: Veltheim-Wüflingen ist der einzige Kreis, in dem die Duetsch-Erstsprachler knapp in der Mehrheit sind (50,2 Prozent). Den geringsten Anteil an Deutschsprachigen hat Stadt-Töss mit 45,9 Prozent.

Zum Schluss noch ein paar unwichtige Müsterchen aus der sehr detaillierten Sprachstatistik: In Winterthur gab es 2016 exakt 10 Schulkinder mit Rätoromanisch als Erstsprache. Und für das «Griechenland der Schweiz» fehlt Winterthur die sprachliche Grundlage: Nur gerade 20 griechischsprachige Kinder gehen hier zur Schule. (bä)

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