Sexueller Missbrauch

Die Vergewaltigung ist ein Teil ihres Lebens, über den sie nicht schweigen will

Mit 13 Jahren wurde Tatjana Kühne vergewaltigt, mit 18 hat sie ein Buch darüber geschrieben. Heute will sie betroffene junge Frauen ermutigen, ihr Schweigen ebenfalls zu brechen.

Mit 13 Jahren hat Tatjana Kühne eine Vergewaltigung aus der Bahn geworfen. Heute mag sie den Menschen wieder, der sie ist.

Mit 13 Jahren hat Tatjana Kühne eine Vergewaltigung aus der Bahn geworfen. Heute mag sie den Menschen wieder, der sie ist. Bild: Enzo Lopardo

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Sie rührt langsam in ihrem schwarzen Kaffee, überlegt, dann spricht sie klar und deutlich. Tatjana Kühne nimmt das Wort Vergewaltigung ohne zu zögern in den Mund. Man merkt, dass sie «eingeordnet hat», was ihr geschehen ist. Noch immer ist sie sehr feingliedrig, doch ihr Blick und ihr Händedruck sind fest.

Kühne war 18 Jahre alt, als sie begann, ihre Vergewaltigung schreibend aufzuarbeiten. Zwei Jahre lang hatte sie niemandem erzählt, was ihr mit 13 Jahren widerfahren war. Sie versuchte, das Geschehene auszublenden. Doch die Bilder kamen immer wieder hoch. Wenn sie Zigaretten roch oder eine Alkoholfahne. Wenn sie jemand am Handgelenk berührte. Wenn sie nachts schlaflos im Bett lag.

Oft sei sie mitten in der Nacht aus dem Haus gelaufen, über das Feld und in den Wald hinein, um sich an einen Weiher zu setzen, wo ihr die Kälte in die Knochen kroch. Ihre Eltern merkten nichts, und sie wollte ihnen nichts erzählen, ihnen nicht das Bild der perfekten Tochter nehmen. Schliesslich habe sie sich einer Freundin anvertraut. Diese habe ihre geholfen, es den Eltern zu erzählen.

Flucht in eine Essstörung

«Fünf Jahre hatte ich jeden Tag Hass und Angst und Scham und Ekel gefühlt», schreibt Kühne in ihrem Buch. Sie habe eine eskalative Phase gehabt, in der sie auf Partys Konfrontationen mit Männern provozierte und mehrere Zusammenbrüche erlitt.

Dann verkroch sie sich in einer Essstörung. «Ich fühlte, wie der äussere Zwang mich von meinem inneren befreite. Es war ein höchst beunruhigendes und gleichzeitig entspannendes Gefühl.»

«Fünf Jahre hatte ich jeden Tag Hass und Angst und Scham und Ekel gefühlt.»Tatjana Kühne, 
Autorin

Kühne wurde immer dünner. Sie habe nicht mehr klar denken können, kaum noch gelesen, was sie doch so gerne tat. In die Schule wollte sie nicht mehr. Auch weil sie das Sitzen auf den Holzstühlen schmerzte. «Auf diese seltsame, verkehrte Weise war ich froh um die Schmerzen.

Sie lenkten mich ab und beruhigten mich. Zudem gaben sie mir das Gefühl, bestraft zu werden, für das, was ich meinem Umfeld antat», schreibt sie in ihrem Buch. Es ist die psychische Mechanik der Selbstzerstörung, mit einer Behutsamkeit und Distanz aufgezeichnet, wie man sie von einer 18-Jährigen nicht erwartet.

Normales Studentenleben

Tatjana Kühne mag den Menschen, der sie heute ist. Auch jene Wesenszüge, die eine Folge des Erlebten sind. «Ich würde mein Leben nicht auf dieselbe akribische Art organisieren wollen, wäre mir nicht die Kontrolle entrissen worden», sagt sie. Ich hätte nicht dieses Pflichtbewusstsein und diesen fast krankhaften Hang zur Selbstdisziplin entwickelt».

Heute wisse sie, diese Eigenschaften für ihr eigenes Wohl zu nutzen. Die Magersucht lauert noch in jedem schlechten Tag. «Dann sage ich mir: Heute darfst Du weniger essen, aber morgen muss es wieder mehr sein.» Sie ist ganz bei sich selbst, während sie das sagt.

Ihr Verhältnis zu Männern habe sich wieder normalisiert. Kühne lebt heute in einer WG, studiert Geschichte und Deutsche Literaturwissenschaft, in den Semesterferien arbeitet sie. Daneben schreibt sie regelmässig, für sich selbst.

Eigentlich war auch der Text, aus dem später ihr Buch entstehen sollte, nicht für die Öffentlichkeit gedacht. Er ergänzte den theoretischen Teil ihrer Maturarbeit. Nach deren Abschluss habe ihr Betreuer sie darin bestärkt, ihre Geschichte zu veröffentlichen.

Angebote von Verlagen

Aus Neugierde habe sie einfach mal ein paar grosse Verlage in Deutschland angeschrieben. Zu ihrem Erstaunen bekam sie viele positive Antworten, teilweise war schon ein Vertrag beigelegt. Die Pläne dieser Verlage mit ihrer Geschichte erschienen ihr aber zu kommerziell.

Schliesslich habe sie sich für den Xanthippe Verlag in Zürich entschieden, der weder auf einer Buchvernissage noch auf einer Lesetour bestand. «Es gefällt mir, dass ich zu keinen Promo-Aktionen verpflichtet bin und die Freiheit habe, zuzusagen, wenn mir danach ist.»

Glückliche Momente nehme sie heute besonders intensiv wahr, sagt Kühne. Vielleicht seien ihre Sinne empfindlicher geworden. Die Vergewaltigung ist ein Teil ihres Lebens, über den sie nicht schweigen will.

Das heisse auch, die Reaktionen auszuhalten. Es sei furchtbar, Trauer, Wut und Hass hervorzurufen. Aber sie lasse sich nicht daran hindern, ein zwangloses Leben zu führen. Und Tatjana Kühne will andere vergewaltigte Frauen ermutigen, es ihr gleich zu tun.

(Der Landbote)

Erstellt: 25.01.2019, 13:08 Uhr

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