Analyse

Die andere Winterthurer Klimadebatte

Die zwei Alphatiere des Stadtrats haben sich gründlich entzweit. Yvonne Beutlers Rückzug aus dem Stadtrat kürzt das Leiden ab und ermöglicht im Superwahljahr 2019 die Frage: Was ist die richtige Zauberformel für Winterthur?

Ein giftig geführter Wahlkampf ums Stadtpräsidium hat Spuren hinterlassen: Yvonne Beutler (SP) und Michael Künzle (CVP). Foto: Marc Dahinden

Ein giftig geführter Wahlkampf ums Stadtpräsidium hat Spuren hinterlassen: Yvonne Beutler (SP) und Michael Künzle (CVP). Foto: Marc Dahinden

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An der Medienkonferenz im Stadtratssaal standen zwei reservierte Stühle bereit.

«Also ist es nicht Künzle, der zurücktritt», raunten sich Journalisten zu und begründeten es so: «Ein Sitz für die Person, die abtritt, einen für den Stadtpräsidenten, der es bedauert.» Yvonne Beutler (SP) brachte dann ihre Parteifreundin Maria Sorgo mit.

Die Absenz von Michael Künzle (CVP) war symptomatisch. Finanzvorsteherin Beutler und Stadtpräsident Künzle, die zwei Alphatiere dieses Stadtrats, haben sich entfremdet. Das war bei gemeinsamen Auftritten des Stadtrats in den letzten Monaten deutlich zu spüren.

Neben Yvonne Beutler nahm gestern nicht etwa Michael Künzle Platz, sondern Parteikollegin Maria Sorgo.

Wenn Künzle weit ausholte, rollte Beutler mit den Augen, wenn sie eine Spitze platzierte, verdüsterte sich seine Miene. Der erste Bruch passierte Ende 2016, als Finanzvorsteherin Beutler sich an vorderster Front gegen die Unternehmenssteuerreform III einsetzte, während der Stadtpräsident für ein Ja warb. Ein ungewohnter Vorgang.

Beutler war am «konfrontativen Politklima», welches sie als Grund für ihren Rückzug angab, nicht unschuldig.

Dass die Winterthurer Bevölkerung die Reform schliesslich mit 70 Prozent abschmetterte, bezeichnet Beutler als «emotionalsten Moment» ihrer Amtszeit. Sie hatte hoch gepokert – und gewonnen.

Vollends auf Konfrontation gingen Künzle und Beutler im Kampf ums Stadtpräsidium. Beutler hätte diesen nicht führen müssen – im ersten Wahlgang war Christa Meier angetreten. Doch sie tat es und ging zum Angriff über: Sie porträtierte Künzle als visionslosen Stadtvater, sich selbst als dynamische Gestalterin. Ungewohnt giftig führten die beiden den Kampf ums Präsidium.

Am Ende gewann Künzle, doch der Schlagabtausch hatte Spuren hinterlassen. Das «konfrontative Politklima», was Beutler als Grund für ihren Rückzug aus der aktiven Politik angab, daran war sie nicht unschuldig. Nochmals drei Jahre davon wollte sie sich wohl trotzdem nicht antun.

Grossen Anteil am dritten SP-Sitz

Yvonne Beutler, die sich in den letzten Jahren stetig weitergebildet hatte, kann mit gutem Gewissen weiterziehen. Ohne die beliebte Finanzvorsteherin als Zugpferd hätte die SP in den letzten Wahlen kaum einen dritten Sitz erringen können.

Dass dieser nun zur Disposition steht, macht 2019 für Winterthur definitiv zum Superwahljahr: Es gibt den Wählerinnen die vorgezogene Möglichkeit, zu entscheiden: Welche Zauberformel braucht Winterthur? Soll die SVP als zweitstärkste Partei wieder regieren?

Doch eine bürgerliche Mehrheit entspricht kaum den Machtverhältnissen im Parlament. Dass die GLP, in Winterthur oft mehrheitsentscheidend und in der Wählergunst im Aufwind, ihre Chance nutzt, in die Exekutive vorzustossen, ist schon wahrscheinlicher.

Exekutivwahlen sind Personenwahlen, sagen Politiker. Stimmt nur halb. Dieses Mal kann die Winterthurer Bevölkerung eine Richtungswahl treffen: weiter mit Linksgrün, zurück zur bürgerlichen Mehrheit oder neu mit einer GLP, die nicht nur im Parlament das Zünglein an der Waage spielt, sondern auch im Stadtrat.

(Der Landbote)

Erstellt: 04.04.2019, 17:11 Uhr

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