Winterthur

Die freundliche Parteisoldatin

Christa Meier ist umgänglich und kompetent, Lehrerin und doch nicht lehrerhaft. Allerdings wirkt die SP-Kampfkandidatin zum Teil etwas farblos. Ob das damit zu tun hat, dass die stramme Genossin fast immer auf der Parteilinie liegt?

Links und nett: SP-Kampfkandidatin Christa Meier will Geschlechterquoten, hohe Renten und Steuern, keine Schuldenbremsen und ­Auslagerungen. Für das Bild posiert die Kantonsangestellte vor dem Bistro Les wagons am Lagerplatz. Bild: Enzo Lopardo

So tritt sie auf: Bequemer Kleidung gibt sie den Vorzug vor Hosenanzug und Rock, so auch beim Fototermin für dieses Porträt. Ohne Jacke muss sie an diesem Dezembertag frieren, darüber macht sie eine scherzhafte Bemerkung.

Als Journalist kommt man mit ihr im Stadtparlament in Kontakt (ihr Platz ist direkt vor der Journalistenbank), auf Fragen reagiert sie stets freundlich und hilfs­bereit. Christa Meier ist die nette Dame von nebenan.

Zu diesem Eindruck passt, was beim ­lockeren Treffen im Restaurant zu erfahren ist: Die SP-Politikerin wohnt in einem Block beim Bahnhof Töss, in einer Wohnung ohne Abwaschmaschine. (Keine Sorge, sie könnte sich eine Abwasch­maschine leisten, und sie wird über eine verfügen, sobald sie, so ist es geplant, auf das Werk-1-Areal umzieht.)

«Sie ist nett und sie hats im Griff.»
Pascal Rütsche,
SVP-Gemeinderat

Christa Meier redet so, dass man versteht, was sie meint. Nur hie und da bleibt sie etwas vage, etwa wenn man sie fragt, wer bei der letzten Wahl ihren Rückzug zugunsten des späteren grünen Stadtrats Jürg Altwegg beschloss («ein Partei­entscheid, den ich mitgetragen habe»).

Obwohl seit 20 Jahren Lehrerin, wirkt die 45-Jährige weder belehrend noch dogmatisch. Vielmehr tritt sie dermassen zurückhaltend und sachlich auf, dass man leicht vergessen könnte, dass man es mit der linksten Kandidatin im Feld zu tun hat (siehe Box zu den politischen Positionen).

Damit kann sie punkten: Bei der Ersatzwahl nach dem Rücktritt von Matthias Gfeller zeigte Christa Meier Grösse: Obwohl sie im ersten Wahlgang rund 900 Stimmen mehr erzielte als ihr linker Gegenkandidat Jürg Altwegg, zog sie sich zugunsten des späteren grünen Stadtrats zurück, der besser über die eigene Partei hinaus mobilisiert hatte. Hätte sie anders entschieden, wäre sie jetzt möglicherweise (schon) Stadträtin.

Die SP-Politikerin ist eine profunde Kennerin des Parlamentsbetriebs. 2007 in den Gemeinderat gewählt, nutzte sie das Jahr, in dem sie diesem vorstand (2013/14), zur Steigerung der Bekanntheit. Damals habe sie gemerkt, dass sie gerne Stadt­rätin wäre, erzählt die Kandidatin: «Man muss viele Anlässe besuchen, auch seine Privatsphäre zum Teil aufgeben. Das macht mir nichts aus.»

Öffentlich präsent: Christa Meier wünscht Winterthur frohe Weihnachten.

Damit eckte sie an: Zu ihrer Kandidatur als Stadtpräsidentin konnte sich Christa Meier erst durchringen, als Annetta ­Steiner (GLP) ihre Präsidiumskandidatur bekannt gab und die SP in Zugzwang brachte. Das anfängliche Zögern mag man Meier und ihrer Partei als Unentschlossenheit auslegen. Sie selbst sagt heute dazu: «Wenn wir eine linke Mehrheit erreichen wollen, müssen wir auch die Führungs­verantwortung anstreben.»

Nach ihrem Jahr als Parlaments­präsidentin mangelte es Meier innerhalb der SP-Fraktion eher an starken Auf­tritten. Ihre Äusserungen, die stets auf Parteilinie zu liegen scheinen, sind meist wenig pointiert, was zu ihrem Ruf als eher blasse Parteisoldatin beitrug.

Das muss man wissen: Christa Meier ist seit sieben Jahren Lehrerin an der Schule des Winterthurer Kantonsspitals, wo sie kranke Kinder und Jugendliche aller Altersstufen, vor allem mit psychischen und psychomotorischen Störungen, Sprach- und Geschichtsunterricht erteilt.

Seit anderthalb Jahren leitet sie die sehr kleine Schule; ihr sind drei Lehrer­kollegen unterstellt. Zuvor unterrichtete sie, nach dem Abschluss am Primar­lehrerinnenseminar in Zürich, elf Jahre lang in Elgg. Seit der Scheidung lebt Meier getrennt von ihrem früheren Mann und ihren zwei Kindern im Teenageralter, die jedoch zeitweise bei ihr wohnen. Kindergarten und Unterstufe besuchte die Politikerin in St. Gallen, was man ihrem Dialekt nicht anhört («wenn ich in St. Gallen bin, kippt es aber», sagt sie).

Meier spricht gut Spanisch, während ihrer Gymnasiumszeit im Lee machte sie einen Aufenthalt bei einer mexikanischen Familie in Los Angeles. Vor knapp 20 Jahren trat die Lehrerin der sozialdemokratischen Partei bei, bei der schon ihre Mutter mittat, die ebenfalls Primarlehrerin war; ihr Vater war Pfarrer.

Wie man es von einer linken Politikerin erwarten kann, ist die Kantonsangestellte Mitglied der Beamtengewerkschaft VPOD und auch des Verkehrsclubs VCS sowie von Amnesty International und Greenpeace, wobei sie jedoch keine Ämter innehat.

Das sagt sie über sich selbst: Sie sei kommunikativ und lösungsorientiert, meint Meier, und sie komme gut an bei den Menschen, die ihr zumeist grosse Umgänglichkeit und Unkompliziertheit attestierten. «Ungerechtigkeit widerstrebt mir», sagt die Politikerin, die angibt, von der Apartheid in Süd­afrika politisiert worden zu sein, sowie 1993 von der Nichtwahl von SP-Vertreterin Christiane Brunner in den Bundesrat.

«Mich stört generell Respektlosigkeit, so auch Respektlosigkeit gegenüber Frauen.»Christa Meier

«Ja, wahrscheinlich bin ich eine Feministin», kommentiert sie. «Mich stört generell Respektlosigkeit, so auch Respektlosigkeit gegenüber Frauen.» Meier ist für eine Frauenquote bei Kaderstellen in der Wirtschaft, «als Übergangs­lösung», bis Managerinnen selbst­verständlich geworden sind.

Das sagen die anderen: Bei den Mitgliedern der Baukommission, die sie seit dem Frühling präsidiert, ist die linke Politikerin überwiegend beliebt, selbst unter politischen Gegnern. «Es macht Spass, mit ihr zusammenzuarbeiten», sagt SVP-Gemeinderat Pascal Rütsche: «Sie ist nett und sie hats im Griff.»

Grünen-Präsident Reto Diener attestiert ihr Führungsqualitäten: «Leiten, organisieren, die Übersicht behalten, solches ist ihre Stärke». Hingegen bezweifelt FDP-Politiker Felix Helg ihre Führungsfähigkeit. Meier habe zwar grosse parlamentarische Erfahrung und sei gewiss auch umgänglich, habe aber nie eine richtige Vorgesetztenfunktion ausgeübt.

Meier trete ruhig und abgeklärt auf, so Diener, durch streitbare Ansichten falle sie kaum auf. Dafür habe sie Augenmass und sei kompromissfähig, meint Helg.

Das bleibt in Erinnerung: Als vorderste Streiterin für die Rettung des Stadttheaters durchkreuzte Christa Meier die Pläne von Stadtpräsident Michael Künzle (CVP) für ein neues Kongresszentrum. In der Beantwortung ihres Vorstosses musste die Regierung zugeben, dass die Renovation des alten Theaters viel günstiger zu haben ist als zuvor behauptet.

Sie gehe selber gerne ins Theater, sagt die SP-Kandidatin, auch zum Konzert des Stadtorchesters oder ins Kino, jedoch, muss sie einräumen, nicht gar so häufig. Kultur und Stadtpolitik finden eben beide oft am Abend statt – und sie gibt der Politik den Vorzug.

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Christa Meier. Video: elo/huy

(Der Landbote)

Erstellt: 29.12.2017, 12:26 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellt in den nächsten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Heute: Christa Meier (SP).

Smart-Spider-Profil

Noch linker als Nicolas Galladé

Christa Meier steht politisch noch weiter links als ihr stadträtlicher Parteikollege Nicolas Galladé, das linkste Regierungsmitglied.

Noch stärker als dieser tritt sie für einen ausgebauten Sozialstaat ein, noch weniger ist sie für eine restriktive Finanzpolitik zu haben – dies zumindest laut dem politischen Spinnennetz von Smartvote, das auf der Beantwortung eines Fragebogens basiert (siehe Spider-Grafik).

Meier beantwortet so gut wie alle Fragen so, wie man es von einer strammen Linkspolitikerin erwartet (wobei sie teilweise auch «eher ja» und «eher nein» wählte): Ja zu Ausländerstimmrecht, ­Geschlechterquote im Stadtkader, Hochhäusern, Schulweglotsen und zur Sperrung der Stadthausstrasse für Autos, Nein zu Schuldenbremse, Senkung des Steuerfusses, Verselbständigung städtischer Betriebe und mehr Polizeipräsenz.

Viel sparen könne man nicht mehr, sagt sie im Gespräch, es sei bereits am falschen Ort gespart worden, so bei der Quartierentwicklung. Das Polizeigebäude sei «okay», aber zu gross, die Stellenaufstockung «aus gewerkschaftlicher Sicht in Ordnung», jedoch störe sie, dass man die Polizisten wichtiger nehme als andere Beamte.

Zu den wichtigsten Themen zählt Meier das Klima: Der Stadtrat müsse mutiger und grüner werden.

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