Wahl

Die lokalen Stimmenfänger

Mehr als 80 Personen aus Winterthur wollen am 20. Oktober in den Nationalrat gewählt werden. Zwei haben gute Chancen, vier weitere dürfen hoffen. Der Rest spekuliert auf einen besseren Platz beim nächsten Mal oder füllt der Partei zuliebe die Listen.

Neben den beiden Bisherigen haben nur die wenigsten der über 80 Winterthurer Kandidierenden eine realistische Chance auf einen der 35 Zürcher Sitze in Bern.

Neben den beiden Bisherigen haben nur die wenigsten der über 80 Winterthurer Kandidierenden eine realistische Chance auf einen der 35 Zürcher Sitze in Bern. Bild: Beat Mathys

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In der grossen Kammer herrschte in den letzten vier Jahren, zumindest aus Winterthurer Perspektive, ein Kommen und vor allem Gehen: Erst rutschte Nik Gugger(EVP) im November 2017 für Maja Ingold nach. Ein Jahr darauf verabschiedete sich Chantal Galladé nach 15 Jahren aus der nationalen Politik, um ihr neues Amt als Präsidentin der Kreisschulpflege Stadt-Töss anzutreten. Schliesslich räumte Natalie Rickli (SVP) am 2. Juni – am selben Tag wie Jürg Stahl (SVP, Brütten) – ihren Sitz im Nationalrat, um ihr neues Amt als Zürcher Regierungsrätin anzutreten.

Die Wiederwahl von Mattea Meyer dürfte fast sicher sein. Bild: hd

Von den vier Winterthurerinnen, die vor vier Jahren gewählt wurden, ist also nur noch eine im Amt: Mattea Meyer(SP). Sie startet wie schon 2015 auf dem bequemen vierten Listenplatz ins Rennen. Auch der nachgerutschte Nik Gugger, der von der EVP auf den ersten Platz gesetzt wurde, befindet sich in einer guten Ausgangslage, um seinen Sitz zu verteidigen.

Hat gute Chancen wiedergewählt zu werden: Nik Gugger. Bild: PD

Während Gugger den einzigen kantonalen EVP-Sitz hält, hat die Zürcher SP bei der letzten Wahl neun Sitze geholt. Neben den beiden Bisherigen in der Favoritenrolle gibt es noch ein paar wenige Kandidierende, deren Wahlchancen zumindest intakt sind.

Das Duell: Urban oder Stall?

Besonders viel Spannung verspricht das parteiinterne Duell zwischen zwei regionalen Vertretern der FDP. Es ist ein Kampf zwischen Stadt und Land, zwischen Velo- und Schwingerhosen. Auf dem sechsten Listenplatz kandidiert Kantonsrat Martin Farner, Agrarunternehmer aus Stammheim und Präsident des Schweizerischen Früchte-, Gemüse- und Kartoffelhandels, der vom Bauernverband unterstützt wird. Auf dem siebten Platz ist ihm Barbara Günthard-Maier dicht auf den Fersen. Die Winterthurer Stadträtin versteht sich als Fürsprecherin der Städte und ist Mitglied der FDP-Arbeitsgruppe Urban. Sie kündigte an, ihr Amt als Stadträtin niederzulegen, falls sie gewählt wird.

Velohose gegen Schwinghose, Stadt gegen Stall oder Barbara Günthard-Maier gegen Martin Farner. Bilder: mas

Ebenfalls noch einigermassen intakt sind die Wahlchancen des neuntplatzierten Winterthurer FDP-Gemeinderats Urs Hofer, vor allem wenn man die letzten Nationalratswahlen als Massstab nimmt. Damals machte der 39-Jährige mit Panaschier- und Kumulierstimmen neun Plätze gut und schaffte so den Sprung von Listenplatz 24 auf Rang 15. Wenig aussichtsreich ist hingegen die Kandidatur von FDP-Urgestein Dieter Kläy auf Platz 22. Er muss sich auch nichts mehr beweisen: Im Mai wurde Kläy mit Rekordergebnis zum Kantonsratspräsidenten gewählt.

Grosswetterlage: grün

Grüne Themen haben Hochkonjunktur; eine Klimawahl zeichnet sich in Vorwahlumfragen immer deutlicher ab. Können auch die Grünen und Grünliberalen aus Winterthur davon profitieren? Wohl eher nicht, eine Wahl wäre eine Überraschung, wenn man ihre Startpositionen berücksichtigt. Als bestplatzierter Winterthurer bei der GLP startet Michael Zeugin, ehemaliger Gemeinderat, mehrfacher Stadtratskandidat und derzeit Fraktionspräsident im Kantonsrat, auf dem sechsten Listenplatz ins Rennen. Mit Listenstimmen allein dürfte es für ihn nicht reichen: In der laufenden Legislatur werden drei Sitze von der Zürcher GLP besetzt plus einen durch den Übertritt von SP-Nationalrat Daniel Frei.

Können Grüne und Grünliberale aus Winterthur von der Grosswetterlage profitieren?

Nochmals deutlich mehr Zusatzstimmen bräuchte bei den Grünen Renate Dürr, lokale Co-Präsidentin ihrer Partei und auf Listenplatz neun die bestplatzierte Winterthurerin auf der grünen Liste.

Kandidieren für die Zukunft

Eine andere Gruppe von Politikerinnen und Politikern kandidiert wohl, um sich in der Parteihierarchie nach vorn zu arbeiten und vielleicht in vier Jahren in chancenreichere Positionen zu kommen. Franco Albanese, als einziger Winterthurer auf der SVP-Liste, dürfte den Sprung nach Bern vom 18. Listenplatz aus kaum schaffen. Trotzdem ist er zuversichtlich: Er gab kürzlich sein Amt als Winterthurer Gemeinderat ab, um sich auf seine Nationalratskandidatur zu konzentrieren. Dem Kantonsrat bleibt er aber erhalten.

Bei der CVP, die Albanese vor drei Jahren Richtung SVP verliess, sieht es so aus: Aus Winterthur treten zwar drei Personen an, Stefan Bienz, Iris Kuster Anwander und Matthias Baumberger. Doch Bern liegt für sie fern. Baumberger, der Bekannteste des Trios, trat vor drei Jahren aus familiären Gründen als Gemeinderat und Fraktionspräsident zurück. Wenn nicht ein Wunder passiert, wird sich seine Pause von der Politik noch etwas in die Länge ziehen: Baumberger rangiert noch hinter Bienz (Platz 15) und Kuster (Platz 19) auf Listenplatz 21. Und bei der SP? Die Wahl von Selim Gfeller auf Platz 16 würde überraschen, jene seiner Parteikolleginnen Regula Keller (Platz 20, Gemeinderätin) und Susanne Trost Vetter (Platz 26, frühere Kantonsrätin) ist praktisch ausgeschlossen.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der GLP: Die beiden Frauenkandidaturen von Katrin Cometta (Platz 11) und Annetta Steiner (Platz 19) sind aufgrund der schlechten Platzierungen kaum aussichtsreich, aber sie können sich mit guten Ergebnissen für 2023 empfehlen. Politische Erfahrung ist bei beiden reichlich vorhanden: Cometta war neun Jahre lang Gemeinderätin und wechselte kürzlich in den Kantonsrat. Steiner sitzt seit 2010 im Gemeinderat, präsidierte ihn sogar, verpasste aber dieses Jahr die Wahl in den Stadtrat gegen den SP-Mann Kaspar Bopp.

Auch Zeno Dähler (EDU) machte bei jener Stadtratswahl kurz von sich reden. Seine Spontan-Kandidatur zog er nach zwei Wochen aber wieder zurück. Nun kandidiert er auf Platz 21 für den Nationalrat – aussichtslos.

Gut vertreten ist Winterthur auf der Hauptliste der EVP. Wobei auch hier (abgesehen von Nik Gugger) niemand realistische Wahlchancen hat. Weder Gemeinderätin Barbara Huizinga (Platz 16), noch Gemeinderat Michael Bänninger (Platz 21), die ehemalige Gemeinderatspräsidentin und jetzige Kantonsrätin Barbara Günthard Fitze (Platz 22) oder Ernest Omoruyi (Platz 34).

Junge, Bekannte und Ältere

Unter den fast tausend Namen auf den 32 Zürcher Nationalratslisten finden sich einige, die man in Winterthur schon gehört hat. Bei den Grünen stellt sich der Schriftsteller Peter Stamm (Platz 35) wieder als Lückenfüller und Stimmengewinner zu Verfügung. Tobias Künzle, der Sohn des Stadtpräsidenten, tritt auf Platz 15 für die junge CVP an. Für eine Gruppierung namens «Die Guten» tritt Anja Bachmann auf Platz 10 an. Sie hat Jahrgang 1998 und gibt als Beruf Gin-Testerin an. Noch jünger ist Tim Kramer. Der Forstwart mit Jahrgang 2001 kandidiert auf Platz 13 für die junge SVP.

Eine Reihe von altgedienten Politikerinnen findet sich auf der Frauenliste der EVP. Neben Alt-Gemeinderätin Lilian Banholzer (Platz 11) kandidieren mit Ruth Kleiber (Platz 32) und Nancy Bolleter (Platz 34) auch zwei verdiente Alt-Kantonsrätinnen. Ganze zwanzig Jahre (1991-2011) sass Willy Germann als Wortführer für Winterthurer Anliegen im Kantonsrat. Nun kandidiert er für die CSV auf Platz 22 für den Nationalrat.

Erstellt: 12.09.2019, 17:05 Uhr

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