Winterthur

Die wichtigste Frau der Linken

Yvonne Beutler ist eine engagierte Vertreterin der Winterthurer SP, gleichwohl wird sie für ihre Budgetstrenge von der Rechten geachtet. Obwohl ihre Wahl ungefährdet scheint, ist sie vor dem 4. März nervös, auch wegen ihrem Mann.

Hier wollte sie sich fotografieren lassen: Yvonne Beutler im Blumenladen Grünraum an der Schützenstrasse.

Hier wollte sie sich fotografieren lassen: Yvonne Beutler im Blumenladen Grünraum an der Schützenstrasse. Bild: Marc Dahinden

So tritt sie auf: März 2022, die erste Winterthurer Stadtpräsidentin Yvonne Beutler steht blumenbepackt vor dem Superblock, gibt Interviews, lässt sich vom abtretenden Alt-Stapi Michael Künzle zur Wahl gratulieren und steigt dann in einen selbstfahrenden Stadtbus ein. Letzteres mag utopisch sein, doch der Rest des Szenarios ist nicht unwahrscheinlich.

Die Stadtratswahlen vor vier Jahren hat Beutler mit dem drittbesten Ergebnis souverän gemeistert, und in der Zwischenzeit als Finanzvorsteherin den Winterthurer Haushalt zur allgemeinen Zufriedenheit aufgeräumt. Skandale wurden unter ihrer Führung nicht bekannt. Falls sich der schwer angreifbare Künzle überraschend bereits in vier Jahren aus der Lokalpolitik verabschiedet, wäre für Beutler der Weg einiges freier.

«Viele erkennen mich in der Stadt, aber auch nicht jeder, das passt mir so.»

Denn dass sie bei dieser Wahl auf eine Präsidiumskandidatur verzichtet, dürfte viel mit Künzle zu tun haben. Wer versucht, dessen über 20 000 Wählerstimmen zu übertrumpfen, kann sich schnell die Hände verbrennen. Beutler selber sagt dazu: «Dass ich nicht kandidiere, war für mich früh klar und ich fühlte mich der Partei gegenüber auch nicht verpflichtet.» Sie schulde es sich und ihrer Familie, glücklich und zufrieden zu sein mit dem, was sie mache.

Die Präsidiumsarbeit bezeichnet sie als sehr repräsentativ, ihr liege die fachliche Arbeit im Hintergrund mehr. «Viele erkennen mich in der Stadt, aber nicht jeder, das passt mir.» Tatsächlich deckt sich dies mit Beutlers öffentlichem Auftritt, der stets von einer fachlichen Seriosität geprägt ist. Das darf aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass höhere politische Würden in Beutlers Karrierehorizont liegen. So galt sie 2014 als mögliche Kandidatin für den Regierungsrat, und teilte ihre Absage erst nach mehrwöchiger Bedenkzeit mit.

Vorerst liegt Beutlers politischer Fokus auf der Stadtrats-Wiederwahl: Auf facebook bittet sie ihre Anhänger um Präsenz auf Gartentürchen.

Damit punktete sie: Yvonne Beutler hatte in den vergangenen vier Jahren die Aufgabe, als linke Politikerin die Sparziele eines bürgerlichen Stadtrats umzusetzen. Das ist ein undankbarer Spagat, dennoch führte Beutler ihren Job korrekt aus und verwies immer wieder auf den Druck, der auf den Stadtangestellten laste. Bei einzelnen sensiblen Bereichen wie der Frühförderung erreichte Beutler, dass nicht gespart wird.

Sympathien brachte ihr sicherlich der Enthusiasmus, den sie jeweils bei einer rosigen Budgetprognose oder einem Rechnungsplus an den Tag legte. Und bei der Abstimmung zur Unternehmenssteuerreform III, zu welcher der Stadtrat keine Parole gefasst hatte, punktete Beutler mit engagierten Voten. Die Vorlage wurde in Winterthur in ihrem Sinne deutlich abgelehnt.

«Am 4. März könnten wir beide arbeitslos werden»Yvonne Beutler über ihren Mann, der beim SRF arbeitet

Damit eckte sie an: Weniger souverän schien Beutler, wenn sie öffentlich eine rasche Lösung für ein Problem versprach, es dann aber doch dauern sollte. Im Sommer 2015 wollte Beutler ein Wagendorf am Rosenberg sofort räumen lassen, zweieinhalb Jahre später sind die Besetzer noch immer dort. Beutler spricht von einer «juristischen Knacknuss».

Auch den Pächter des Bistros im städtischen Rathaus wollte Beutler im Frühling 2016 so schnell wie möglich rauswerfen, doch dieser wehrte sich und Beutler scheiterte schliesslich vor Gericht. Was in einer politischen Bilanz betont werden muss: Das Dossier der serbelnden Pensionskasse liegt nicht wie man vermuten könnte bei Beutler, sondern bei Künzle.

Das muss man wissen: Yvonne Beutler hat Jahrgang 1973 und ist in Winterthur und Räterschen aufgewachsen. Nach dem Wirtschaftsgymnasium in Winterthur studierte sie Rechtswissenschaften an der Uni Zürich. Sie arbeitete als Reiseleiterin, Teigwarenverkäuferin und TV-Mitarbeiterin. Mit jungen 30 Jahren wurde sie Friedensrichterin in Winterthur.

«Mit ihrem Leistungsausweis steht einem in der Schweiz grundsätzlich jedes Amt zur Verfügung.»SP-Ständerat Daniel Jositsch über Yvonne Beutler

Politisch bekannte sie sich schon früh zur SP, sass zwischen 1998 und 2012 im Gemeinderat, 2009 als Präsidentin des Rats und die letzten beiden Jahre als SP-Fraktionschefin. 2012 wurde sie mit knapp 12 000 Stimmen in den Stadtrat gewählt, unterlag aber im Präsidiumswahlkampf Michael Künzle. 2014 folgte die Bestätigung als Stadträtin mit über 16 500 Stimmen.

Beutler hat seit sechs Jahren die Führung des Finanzdepartements inne, sie amtet zudem als Vizepräsidentin des Gremiums. Neben ihrem Job absolviert sie derzeit einen HSG-Studiengang für Führungskräfte. National ist Beutler eine Schlüsselfigur in der reformorientierten Plattform der SP. Die Gruppe versteht sich als Bollwerk gegen den Juso-Einfluss, gemässigte Stimmen sollen in der SP wieder mehr Gewicht erhalten.

Das sagt sie über sich selbst: Wenn im Gespräch mit Yvonne Beutler das Thema vom Fachlichen wegführt, ist man rasch bei ihrer Familie. Sie habe «eine besondere Verbindung» zu ihren beiden älteren Schwestern, einer Bankerin und einer Kommunikationsfachfrau.

«Ich habe eine besondere Verbindung zu meinen Schwestern»

Beutlers Sohn ist in der fünften Klasse: «Er liest den ‹Landboten› und fragt nach einer Parlaments-Sitzung wie es mir lief, er ist sehr interessiert.» Mit ihrem Partner fiebert sie dem 4. März entgegen: «Der Running Gag mit meinem Mann, der beim Schweizer Fernsehen arbeitet, ist, dass wir am 4. März wegen der NoBillag-Abstimmung und der Stadtrats-Wahl am gleichen Wochenende arbeitslos werden könnten.»

Das sagen die anderen: Der SP-Ständerat Daniel Jositsch sitzt zusammen mit Beutler in der Leitung der Reformorientierten Plattform. «Sie spielt dort eine wichtige, eine zentrale Rolle», sagt Jositsch. Auch in Winterthur habe Beutler eine «schwierige Arbeit sehr gut gemeistert.» Für ihre Karriere sieht er keine politischen Grenzen: «Mit dem Leistungsausweis von Yvonne Beutler steht einem in der Schweiz grundsätzlich jedes Amt zur Verfügung, es gab schon Mitglieder des Bundesrats, die zuvor kleinere Budgets verwaltet hatten.»

Für den Winterthurer FDP-Fraktionspräsidenten Stefan Feer hat Yvonne Beutler zwar eine solide Arbeit als Finanzvorsteherin gemacht, doch der «Versuch», die erfreuliche finanzielle Lage der Stadt als ihren Erfolg darzustellen, greife zu kurz. «Für den Erfolg der Stadt ist der Stadtrat als Ganzes verantwortlich, wie weit ihr Einfluss direkt ins operative Geschäft der Stadt reicht, kann von aussen nur schwer beurteilt werden.»

Ihre Auftritte im Parlament seien überzeugender geworden, doch Kritik von Parlamentariern nehme Beutler oft zu persönlich. Und Beutler als erste Stadtpräsidentin? «Eher nicht.»

Das bleibt in Erinnerung: Im Abstimmungskampf zur USR III gab es einen prägenden Moment: Als viele Stadtbewohner zwei Flyer im Briefkasten fanden, Künzle für ein Ja, Beutler für ein Nein. Es sah nach einem vorweggenommenen Präsidiumswahlkampf aus. Dass Beutler dies nicht Realität werden liess, gehörte zu den grösseren politischen Überraschungen der vergangenen Legislatur. Mirko Plüss

Videoserie Wahlen 2018

Peinlichkeiten? Obergrenze? Sparen? Zähneputzen? – In einer Video-Serie testen wir die Schlagfertigkeit der Stadtrats-Kandidaten in zwei Minuten. Heute: Yvonne. Video: mpl/huy

(Der Landbote)

Erstellt: 12.01.2018, 12:27 Uhr

Wahlen vom 4.3.2018

Der «Landbote» stellte in den letzten Wochen alle Kandidierenden für die Stadtratswahlen vom 4. März mit Porträts und Videos vor.

Den Abschluss macht heute: Yvonne Beutler (SP).

Smart-Spider-Profil

Die rechteste Linke

Yvonne Beutlers Smartvote-Profil zeigt klare Unterschiede zu jenen von SP-Stadtratskollege Nicolas Galladé und SP-Kandidatin Christa Meier. Sowohl wirtschafts- als auch gesellschaftspolitisch ist Beutler liberaler eingestellt.

Eine Überraschung ist dies nicht, kämpft sie doch innerhalb der SP gegen den Einfluss der Juso und mit Exponenten wie Daniel Jositsch oder Pascale Bruderer für eine Stärkung des Sozialliberalen. Auch bei den Bereichen Law & Order und Migrationspolitik ist Beutlers «rechtes» SP-Profil erkennbar. In der Kategorie restriktive Finanzpolitik ist sie von ihren bürgerlichen Stadtratskollegen nicht zu unterscheiden.

Bei der Beantwortung der Smartvote-Fragen gibt es einzelne Überraschungen. So ist Beutler «eher» für eine Stadtwerk-Auslagerung. Und beim Stimm- und Wahlrecht für Ausländer auf Gemeindeebene gibts ein «eher nein», im Gegensatz zur SP-Meinung.

Artikel zum Thema

Die freundliche Parteisoldatin

Winterthur Christa Meier ist umgänglich und kompetent, Lehrerin und doch nicht lehrerhaft. Allerdings wirkt die SP-Kampfkandidatin zum Teil etwas farblos. Ob das damit zu tun hat, dass die stramme Genossin fast immer auf der Parteilinie liegt? Mehr...

Der gezähmte Pirat

Winterthur Zum zweiten Mal bewirbt sich Marc Wäckerlin als Aussenseiter um ein Stadtratsamt. Der Gemeinderat der Piraten ist in der letzten Legislatur politisch gereift. Er sieht sich als Alternative zum lokalen «Filz» und vertritt libertäre Positionen. Mehr...

Der Wirbelwind

Winterthur Blerim Bunjaku ist ein Paradiesvogel in der Winterthurer Politik. Er war schon Mitglied der EVP und der SP. Jetzt tritt er als Parteiloser für den Stadtrat an. Seine Wahl­chancen sind minim, seine Zuversicht ist jedoch ungebrochen. Mehr...

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Haben Sie etwas Spannendes gesehen oder gehört?
Schicken Sie uns ihr Bild oder Video per E-Mail an webredaktion@landbote.ch oder informieren Sie uns telefonisch unter der Nummer 052 266 99 85. Mehr...

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Paid Post

Schneller lesen und mehr verstehen

Erhöhen Sie mit Speed Reading Ihre Lesegeschwindigkeit innerhalb eines Tages zwei- bis fünfmal und verbessern Sie damit Ihr Textverständnis.