Portrait

Ein «Politfuchs» ganz oben

Mit Dieter Kläy wird zum ersten Mal seit 28 Jahren wieder ein Winterthurer «höchster Zürcher». Der 55-jährige FDP-Mann hat einen Schnauz, drei HSG-Abschlüsse und spricht fliessend russisch. Im Kantonsrat bringt er manchmal sogar Grüne ins Schwärmen.

Sein letztes Studium schloss er im November ab: Dieter Kläy (55) bildet sich stetig weiter.

Sein letztes Studium schloss er im November ab: Dieter Kläy (55) bildet sich stetig weiter. Bild: Nathalie Guinand

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Dieter Kläy ist leicht zu finden: Ein kleiner, freundlicher Mann mit Schnauz, Krawatte und einer dicken Mappe. Die freie Hand braucht er zum Winken, denn er kennt die halbe Stadt. Der Treffpunkt im Sulzer-Areal weckt bei ihm Erinnerungen: Wo heute Studentinnen Kaffee trinken und Skater vorbeiflitzen war Ende der Neunzigerjahre noch alles Industriebrache, Zutritt nur für Angestellte. Solche wie Kläy. Der einstige Weltkonzern und Stolz der Stadt wurde damals zerteilt - und Dieter Kläy musste es erklären, als Mitarbeiter der Kommunikationsabteilung.

«Es lag aber damals schon Aufbruchstimmung in der Luft», sagt er. Heute haben die Hochschule ZHAW und ZAG hier Standorte. Winterthur ist eine Bildungsstadt geworden, und das macht Kläy stolz: «Es ist enorm wichtig, dass den jungen Leuten klar ist, dass man auch mit einer Berufslehre studieren und aufsteigen kann.» Das Thema beschäftigt ihn fast täglich, bei seinem Arbeitgeber, dem Schweizerischen Gewerbeverband, ist er unter anderem für das Dossier Arbeitsmarkt zuständig.

Sitzfleisch statt Rebellion

Der 55-Jährige politisiert in Winterthur seit über 30 Jahren. Noch vor dem Studium an der Hochschule St. Galle trat er den Jungfreisinnigen bei. «Wir Jungen mussten uns damals noch Gehör verschaffen», sagt er. Mit Rebellion? «Nein, mit Präsenz. Wir fuhren zu allen Versammlungen, meldeten uns zu Wort und bewarben uns für Ämter.» Ziemlich genau so hat Dieter Kläy auch die drei Jahrzehnte danach politisiert, ruhig und hartnäckig. Seit 2003 ist er Präsident der FDP Winterthur - eine solche Konstanz gibt es in keiner anderen Stadtpartei.

Noch als Jungfreisinniger erlebte er den feierlichen Einzug von Kantonsratspräsident Paul Angst 1991, dem letzten «höchsten Zürcher» aus Winterthur. Ein Parteikollege. «Dass ich das selbst einmal erleben würde, hätte ich mir damals nicht erträumt.» Am 6. Mai ist es soweit: Der neu gewählte Kantonsrat tritt erstmals zusammen und wählt seinen Präsidenten. Dass es nicht Kläy wird, ist fast nicht vorstellbar. Seit zwei Jahren ist der Routinier Teil des Präsidiums, als zweiter und erster Vizepräsident.

Die 10-Millionen-Schlagzeile

Bald darf er sich «höchster Zürcher» nennen. Höchster Winterthurer war er schon, 2003 bis 2004 präsidierte er den Grosen Gemeinderat. Stadtrat wurde er allerdings nie - es war der wohl grösste Rückschlag der so stetigen Politkarriere des Dieter Kläy: 2006 gelang es ihm nicht, den Stadtratssitz seines abtretenden Parteikollegen Reinhard Stahel zu verteidigen.

Stattdessen wurde der grüne Matthias Gfeller gewählt. Nüchtern analysiert er: «Die bürgerlichen Stimmen haben sich zwischen mir und dem SVP-Kandidaten aufgeteilt.» Dass ihm sein Stimmverhalten im Kantonsrat zum Verhängnis wurde, glaubt er nicht. Er hatte damals auf Linie mit seiner Partei gegen einen höheren Ressourcenausgleich für Winterthur gestimmt, was ihm zuhause als fehlender Lokalpatriotismus angekreidet wurde: «10 Millionen futsch», titelte der Landbote. Kläy winkt ab: «Eine überschätzte Geschichte.» Er habe ausserdem mitgeholfen, dass der Finanzausgleich ab 2011 viel mehr Geld nach Winterthur brachte. Also sechs Jahre nach der verhängnisvollen Schlagzeile. Kläy denkt eben langfristig.

«Einer der Grossen»

Von seinen Kantonsratskollegen hört man viel Gutes über den Präsidenten in spe. Gabi Petri (Grüne, Zürich), die amtsälteste Kantonsrätin, sass vier Jahre mit Kläy in der Justizkommission und kommt regelrecht ins Schwärmen. ‹Ein Politfuchs und Stratege, einer der Grossen», sagt sie über Kläy. «Er ist sehr angenehm im Umgang, humorvoll und immer versucht, eine Lösung zu finden. Schade, dass er nicht mehr redet, man hört ihm gerne zu.»

«Er ist ein Mann der leisen Töne. Ich glaube, ich habe ihn noch nie wütend erlebt.»René Isler, SVP-Kantonsrat aus Winterthur

René Isler (SVP, Winterthur) kennt Kläy schon seit der gemeinsamen Zeit im Winterthurer Gemeinderat und witzelt, er und Kläy sähen einander öfter als ihre Ehefrauen. «Ein Mann der leisen Töne» sei Kläy, nicht aus der Ruhe zu bringen. «Immer top-vorbereitet und in der Sache hartnäckig. Ein FDP-ler vom alten Schrot, bei dem man immer weiss, woran man ist.»

Ein FDP-ler mit Musikgehör

Das entspricht ganz Kläys Selbsteinschätzung: «Ich bin wirtschaftsliberal und in Finanz- und Steuerfragen klar auf der FDP-Linie. Überzeugbar bin ich bei Bildungs- und Kulturthemen.» Eine Herzenssache ist ihm beispielsweise das Winterthurer Musikkollegium und das Konservatorium - obwohl er selbst kein Instrument spielt. Auch für Geschichte interessiert er sich, nicht nur weil er mit der Winterthurer Stadtarchivarin Marlis Betschart verheiratet ist.

«Das lebenslange Lernen ist keine Floskel, ich
versuche das zu leben.»
Dieter Kläy
Ressortleiter beim Schweizerischen Gewerbeverband

Jeden Morgen nimmt Kläy den ersten Zug von Winterthur nach Bern, wo der Gewerbeverband sitzt. Um in Fragen wie Urheberrecht oder internationalem Vertragsrecht fachkundig zu sein, ging der Doktor der Politikwissenschaft, der auch ein abgeschlossenes Management-Studium (MBA) hat, ein drittes Mal an die Hochschule St. Gallen und schloss im vergangenen November mit einem Master in Wirtschaftsrecht ab.

«Lebenslanges Lernen ist keine Floskel», sagt er. Und gibt zu: «Es war schon streng, Arbeit, Studium und Politik unter einen Hut zu bringen.» Immerhin können ihn die weit über hundert Termine seines Präsidialjahres nicht mehr schrecken. «Die sind ja meist abends oder am Wochenende», sagt Kläy. «Da kann ich normal weiterarbeiten.»

Von einem verhärteten Politklima, wie es die scheidende Stadträtin Yvonne Beutler beklagt, habe er in Winterthur nichts festgestellt, sagt Kläy. «Wenn es darauf ankommt, ziehen alle am gleichen Strick. Auch im Kantonsrat wird meist sachlich argumentiert.» Kläy ist auch keiner, der auf Facebook herumstreitet - er hat ein Profil, liest aber nicht täglich mit und schreibt noch seltener. «Ich werde demnächst wieder einen Post machen», kündigt er an, «zur Steuer-AHV-Vorlage.»

Faszination für Russland

Häufiger als Facebook schaut Kläy russisches Fernsehen. Er reiste 1983 das erste Mal nach Russland und schrieb seine Dissertation zur sicherheitspolitischen Entwicklung in der Sowjetunion. Über 40 Mal hat er die ehemaligen Sowjetstaaten bereist, fasziniert von der Sprache und dem Einblick in eine fremde, sich rasch verändernde Welt. Von der Tristesse der Planwirtschaft zum Wildwest-Kapitalismus der Neunzigerjahre und den wiedererwachten Grossmachtsträumen von heute - Kläy verfolgte alles aus der Nähe. Und ist dabei nicht unglücklich, sich zuhause wieder mit Geschäften wie dem Musikschulgesetz oder der Neuorganisation des Lotteriefonds zu befassen.

Sein Präsidiumsjahr wird ein spannendes: Nach den Erneuerungswahlen ist etwa jedes dritte Gesicht im 180-köpfigen Kantonsrat ein neues. «Ich freue mich drauf», sagt Kläy - keine Spur von Nervosität. (Landbote)

Erstellt: 26.04.2019, 06:27 Uhr

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