Winterthur

Eine Fussballerin spricht Klartext

Winterthur hat die Frauenförderung im Fussball bisher komplett verschlafen, sagt Ex-Nati-A-Spielerin Sarah Akanji. Es brauche dringend eine Konzentration der Kräfte.

Die 22-jährige Sarah Akanji hat wie ihr Bruder im Fussball die Nati A erreicht, aber unter anderen Vorzeichen.

Die 22-jährige Sarah Akanji hat wie ihr Bruder im Fussball die Nati A erreicht, aber unter anderen Vorzeichen. Bild: Heinz Diener

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Sie stammen aus einer Familie mit viel Fussballtalent. Ihr Bruder Manuel Akanji hat beim FC Basel unterschrieben. Sie selbst spielten beim FC St. Gallen. Hatten Sie beide einen ähnlichen Werdegang?
Sarah Akanji: Nein. Fussballerkarrieren von Frauen und Männern in der Schweiz kann man nicht vergleichen. Mein Bruder wurde im Laufe seiner Karriere ständig unterstützt. Das fing damit an, dass ihn ein Scout entdeckte. Als Frau muss man sein Talent selber erkennen und es ist schwierig, einen konstanten Weg zu gehen.

Woran fehlt es denn? Gibt es zu wenig Mannschaften?
Das ist eins der Probleme. Ich habe als Mädchen in Wiesendangen bei den E-Junioren anfangen müssen, weil es dort kein eigenes Mädchenteam gab, dann kam ich zu den B-Juniorinnen – aber viel zu früh. Die Spielerinnen waren älter als ich und mir körperlich überlegen. Schliesslich habe ich wieder zu den Jungs gewechselt, zu den C-Junioren. Das war fussballerisch meine beste Zeit.

War es schwer, als Mädchen unter pubertierenden Jungs?
Das war relativ problemlos. Die Jungs waren alle auf den Fussball fokussiert. Die Themen abseits des Feldes haben sie nicht interessiert. Bei den Frauen gibt es Spielerinnen, die einfach nur «tschüttele» wollen und andere, die höhere Ambitionen haben. Das erzeugt Spannungen im Team. Bei den Männern gab es nur Probleme mit denen, die meine Position wollten, ich hatte damals einen Stammplatz.

Auf dem Feld wurden Sie nicht angegangen?
Doch, manchmal. Es gab wie zwei verschiedene Typen von Gegnern, solche, die mir nicht wehtun wollten und sich kaum in die Zweikämpfe trauten, und andere, die mir verklickern wollten, dass ich als Mädchen nichts auf dem Platz zu suchen hätte. Ein paarmal wurde ich auch betatscht. Und natürlich gab es Sprüche. Die gibt es auch bei den Frauen.

Was wirft man sich denn so an den Kopf?
Von den Jungs hiess es, ich sollte mich besser um den Herd kümmern. Bei den Frauen hört man banale Beleidigungen, «Schlampe» und Ähnliches. Oder in meinem Fall auch rassistische Kommentare. Aber das ist sehr selten.

Zurück zu Ihrer Laufbahn. Gibt es noch andere Gründe für den Zickzackkurs?
Ich glaube, das Problem liegt in Winterthur. Es hat in den Vereinen zu wenig Spielerinnen, um konstante Teams zu bilden, und die Ziele sind zu verschieden. Man muss darum die Zusammenarbeit unter den Vereinen verbessern und die ambitionierten von den Plauschteams trennen.

Eine Kooperation zwischen drei Fussballvereinen ist angedacht.
Das ist so. Ich zweifle aber noch an der Ernsthaftigkeit der Absichten. Ich habe schon vor fünf Jahren angeregt, in Winterthur ein Förderteam zu gründen, und damals den FCW kontaktiert. Herausgekommen ist nichts.

Müsste man den Frauenfussball in einem einzigen Verein zusammenfassen oder braucht es einfach ein Auswahlteam?
Ich bin gegenüber beiden Lösungen offen. Auf jeden Fall braucht es eine Konzentration. So wie das heute organisiert ist, gehen zu viele Talente verloren.

Wo müsste man die Frauen ansiedeln? Beim FCW?
Einfach in Winterthur, weil die Stadt gut erreichbar ist – viel besser als Zürich. Auch der FC Phönix Seen oder der SC Veltheim kommen in Frage. In Zürich waren es ja Schwerzenbach und Seebach, die sich so weit entwickelten, dass man die Teams bei GC und beim FCZ ansiedelte.

Reicht denn das Potenzial in Winterthur dafür aus?
Mit den Talenten in Winterthur und Umgebung müsste es möglich sein, mindest ens ein Nati-B-Team aufzustellen. Es ist höchste Zeit, das in die Wege zu leiten. Ich verstehe nicht, warum man in den Männerfussball so viel und in den Frauenfussball fast gar nichts investiert. Der Grund dafür ist wohl das Desinteresse am Frauenfussball bei den Verbänden. Es ist klar, dass die Frauen nicht das spielerische Niveau der Männer erreichen, nur schon aus körperlichen Gründen. Trotzdem ist es der Frauenfussball doch wert, gefördert zu werden.

Sie haben den FC St. Gallen nach gesundheitlichen Problemen verlassen, zum FC Wiesendangen zurückgewechselt und erholen sich nun noch von einem Kreuzbandriss. Wie sehen Ihre persönlichen Zukunftspläne im Fussball aus?
Mein Ziel ist es erst einmal, wieder gesund zu werden. Auf keinen Fall werde ich aufhören mit Fussball. Beim FC Wiesendangen kann ich mich nicht wirklich weiterentwickeln. Die Option, in einer höheren Liga zu spielen, werde ich auf jeden Fall in Erwägung ziehen. Ich werde mich also mittelfristig nach einem neuen Team umschauen. Ich fände es schön, wenn ich in Winterthur spielen könnte, in einem Team, in dem ich mich aufgehoben fühle.

Erstellt: 18.06.2015, 20:53 Uhr

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