Religion

Eine Kirche öffnet sich

Mehr als 500 Kirchgänger zählt die Neuapostolische Kirche in Winterthur, über neun Millionen sind es weltweit. Wahrgenommen wurde die Kirche von der Öffentlichkeit aber kaum – und das war ihr recht so. Die total umgebaute Kirche nahe des Bahnhofs soll zeigen, dass eine Öffnung im Gange ist.

Auffälliger Auftritt: Die Neuapostolische Kirche an der Wülflingerstrasse nach dem Umbau.

Auffälliger Auftritt: Die Neuapostolische Kirche an der Wülflingerstrasse nach dem Umbau. Bild: Enzo Lopardo

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Die Neuapostolische Kirche steht an bester Lage, keine 100 Meter vom Hauptbahnhof. Gemerkt hat das jahrzehntelang kaum jemand. «Viele haben mich gefragt: Was, da ist eine Kirche?», sagt der Gemeindeleiter, Peter Maurer. Das gräuliche Gebäude mit Giebeldach hätte auch ein Gemeindesaal oder eine kleine Turnhalle sein können. Grosse Bäume schirmten es vor den Blicken der Autofahrer an der Wülflingerstrasse ab.Das Versteckspiel ist vorbei. In einem auffälligen dunkelblauen Metallkleid präsentiert sich die Kirche nach dem Umbau, die Bäume sind zurückgeschnitten. Ganz bewusst, sagt Maurer. «Der Auftrag an den Architekten lautete: Aufmachen!» Das widerspiegle die Entwicklung, die innerhalb der Kirche in den letzten Jahren und Jahrzehnten stattgefunden habe.

Eine untypische Freikirche

Die Neuapostolische Kirche wird gemeinhin als Freikirche bezeichnet. «Wir selbst haben uns nie so gesehen», sagt Maurer. Es gibt keine Berührungspunkte mit der in Winterthur sonst so gut vernetzten evangelischen Szene. Auch der Gottesdienst hat mit dem rockig- flockigen «Worship» eines ICF kaum Gemeinsamkeiten. Er läuft ernst und feierlich ab, mit Orgelmusik und Chorgesang. Die Predigt ist in Hochdeutsch und zum Abendmahl reihen sich die Gläubigen auf, um eine Hostie zu empfangen.

Doch auch zu den Landeskirchen gibt es Unterschiede. In der neuapostolischen Kirche werden alle Aufgaben innerhalb der Gemeinde von Laien ausgeführt. Die Predigt ist nicht vorbereitet sondern in freier Rede; die neuapostolische Kirche glaubt, dass der heilige Geist durch den Priester spricht. Eine wichtiges Element des Glaubens ist die Überzeugung, dass Jesus bald wiederkommen wird, um sein auserwähltes Volk zu sich ins Paradies zu holen.

«Früher musste man aufpassen, wem man von seinem Glauben erzählt. Meine Kinder sagen ganz  selbstbewusst, dass sie neuapostolisch sind.»Peter Maurer, Gemeindeleiter

«Früher wurden solche Glaubensunterschiede zu den Landeskirchen betont», sagt Peter Maurer. «Auch von der anderen Seite. Inzwischen sehen wir, dass wir mit anderen christlichen Kirchen mehr Gemeinsamkeiten als Unterschiede haben.» Die «Exklusivität», also die Überzeugung, dass die Neuapostolischen Christen allein das auserwählte Volk sind, habe man aufgegeben. Bei Kindern und Erwachsenen werde eine katholische oder reformierte Taufe als gleichwertig akzeptiert, bei gemischten Ehen werde nicht mehr versucht, den Partner zum Beitritt zu überzeugen.

Nicht mehr alleinseligmachend

Das war nicht immer so. Bis in die 1980er-Jahre gingen neuapostolische Gläubige von Tür zu Tür und missionierten. In einem ersten Reformschub setzte das damalige Kirchenoberhaupt («Stammapostel») Hans Urwyler, ein Schweizer aus Bern, den Grundsatz der Selbstverantwortung durch. Glaube und Seelenheil waren jetzt Sache des einzelnen Gläubigen. Zuvor hatte die Kirche sich in viele Lebensbereiche eingemischt. So galt zum Beispiel Fernsehen als Teufelszeug; weder Peter Maurer noch sein Stellvertreter Thomas Sidler guckten als Kinder in die Röhre.

Kirche oder Sekte? Sicher ist, die Neuapostolische Kirche bemüht sich in den letzten Jahren um den Kontakt zur Ökumene. Und diese zeigt sich gesprächsbereit. In der Arbeitsgemeinschaft christlicher Kirchen in der Schweiz, der die Landeskirchen, aber auch orthodoxe oder methodistische Gemeinden angehören, wurde ihr 2014 der Gaststatus gewährt und eine «weitgehende Öffnung» attestiert.

Wann dürfen Frauen predigen?

Eine gewisse Normalisierung scheint im Gange. «Früher musste man vorsichtig sein, wem man von seinem Glauben erzählte», sagt Peter Maurer. «Wenn meine Kinder gefragt werden, sagen sie ganz selbstverständlich, dass sie neuapostolisch sind. Niemand nimmt Anstoss.»

Die Reformbemühungen dauern an. Die Frage, warum nur Männer predigen dürfen, werde, wie das gesamte Amtsverständnis, innerhalb der Kirchenführung intensiv überprüft und diskutiert, sagt Maurer. Persönlich habe er keine Mühe mit der Vorstellung, dass der heilige Geist in der Predigt auch durch eine Frau wirken könne, sagt Maurer. Als internationale Kirche müsste die Regel für alle Länder umsetzbar sein. Die zahlenmässig grössten neuapostolischen Gemeinden finden sich in Afrika. «Das sind nach wie vor Männergesellschaften», sagt Maurer.

Auch bei der Frage der Homosexualität sei die offizielle Haltung «im Fluss». «Die Neuapostolische Kirche weltweit hat aufgehört, sie als Sünde anzusehen», sagt Maurer. «Gott hat diese Menschen so geschaffen. Er liebt sie wie uns alle, so wie sie sind.» Seit 1999 gibt es die «Regenbogen-NAK». Sie wurde gegründet, um homo-, bi- und transsexuellen Christen innerhalb der Kirche eine Stimme und ein Gesicht zu geben.

Was die Neuapostolische Kirche mit den Freikirchen verbindet, ist die Finanzierung durch Spenden, «Opfer» genannt. Sie werden bar im Opferstock am Kircheneingang geleistet, oder bequem per Einzahlungsschein. «Wer wie viel gibt, wird nicht überprüft», sagt Maurer. «Dagegen kann jeder die Verwendung der Gelder einsehen. Die Rechnung der Gebietskirche Schweiz ist für jeden abrufbar im Internet.»

In der Schweiz ging die Zahl der Gläubigen in den letzten Jahrzehnten zurück, auch in Winterthur. Mit der Neueröffnung der Kirche an diesem Sonntag werden auch die zuvor eigenständigen Gemeinden Winterthur-Seen und Neftenbach aufgehoben und zur neuen Gemeinde Winterthur-Stadt zusammengefasst. Was mit den Arealen passiert, wird in Zürich entschieden, dort ist der weltweite Verwaltungssitz der Kirche mit ihren über neun Millionen Mitgliedern.

Technologie als Chance

Die modernen Technologie sieht der Gemeindeleiter nicht als Bedrohung, sondern als «riesige Chance». Auch das ist eine neuapostolische Eigenart: Seit es zuverlässige Satellitenübertragung gibt, versammeln sich Gemeinden weltweit mehrmals pro Jahr vor Bildschirmen und lauschen den Worten des Stammapostels. Als Internet-Stream geht das einfacher und günstiger. Die Kirchen-Rückwand ist nicht umsonst weiss: Hier kann ein Beamer projizieren. Das Kirchenheft «Unsere Familie» wurde längst um das Internetportal «Nac.Today» ergänzt; es gibt eine neuapostolische Single-Börse, eine «Facebook»-artige Freundschaftsplattform sowie Handy-Apps, mit denen man in den Ferien die nächste Kirche finden kann. (Landbote)

Erstellt: 13.06.2018, 16:07 Uhr

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