Aktie

Eine Winterthurer Aktie ist die teuerste der Schweiz

149 750 Franken muss aktuell aufwerfen, wer Besitzer der teuersten Aktie der Schweiz werden will. Die Spuren dieses Wertpapiers führen mitten in die Winterthurer Industriegeschichte.

Aktie der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur, März 1873.

Aktie der Gesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur, März 1873. Bild: schweizeraktien.net

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Lindt&Sprüngli – nach der teuersten Aktie der Schweiz gefragt, würde wohl mancher Börsenkundige den Titel des Schokoladenfabrikanten nennen. Und tatsächlich, ganz verkehrt wäre das nicht. Bei den an der SIX kotierten Gesellschaften segelt die Sprüngli-Namenaktie mit einem Preis von aktuell um die 68 400 Franken in einsamen Höhen. Das schadet der Liquidität, sagen Kritiker. Aber das Aktionariat wird klein gehalten. Muss es ja auch, wenn an der GV jedem Aktionär ein opulentes und nicht gerade billiges Schokoladenpaket verteilt wird, gewissermassen als Naturaliendividende.

So sehr diese Goldhasenwelt aber auch glänzen mag, den Titel der teuersten Aktie der Schweiz, schafft Lindt&Sprüngli bei Weitem nicht. Bei den ausserbörslich gehandelten Aktien hält die Brauerei Schützengarten, für die zuletzt 65 000 Franken gezahlt wurden, gut mit, und der Maschinenbauer Reishauer mit 80 000 Franken schwingt bereits oben aus. Die Krone aber gehört der Aktiengesellschaft für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur (GEbW).

Massive Wertsteigerung der Wertpapiere bei der « AG für Erstellung billiger Wohnhäuser in Winterthur». Bild: Screenshot otc-x.ch

149 720 Franken wurden für das Wertpapier zuletzt gezahlt, und zwar einer Gesellschaft, die im Volksmund als die «Billige» bekannt ist. Die Ironie ist perfekt.

40 Prozent in sechs Monaten

«Wo kein Markt ist, gibt es Auswüchse», sagt Markus Casanova, der Verwaltungsratspräsident der GEbW und erinnert an die Aktie der NZZ, die einmal beinahe eine Viertelmillion Franken gekostet hat. «Und man musste FDP-Mitglied sein, um sie kaufen zu können.» Auch die Aktie der «Billigen» sei eine Liebhaberei, sagt Casanova. Letztes Jahr betrug die Dividende pro Aktie 1700 Franken. Gemessen am Mittel der letzten Verkaufswerte gibt das eine Jahresrendite von 1,35 Prozent – deutlich weniger als beispielsweise bei SMI-Firmen.

«Wo kein Markt ist, gibt es Auswüchse.»Markus Casanova, Verwaltungsratspräsident der «Billigen»

Eine andere Geschichte ist der Wertzuwachs. Zahlte ein Käufer laut OTC-X, einer Informationsplattform für nichtkotierte Nebenwerte, am 24. April 2017 noch 105 800 Franken für eine Aktie, werden aktuell 149 750 Franken verlangt. In nur sechs Monaten machte die Aktie einen Wertsprung von 40 Prozent. Casanova warnt jedoch davor, diese Zahlen durch eine rosa Brille zu lesen. Das Handelsvolumen ist winzig. 2017 kamen gerade einmal sechs Verkäufe zustande, mit sieben gehandelten Aktien. 2016 hatten 17 und 2015 sowie 2014 je neun Aktien den Besitzer gewechselt.

Viele der 1200 Aktien sind denn auch nicht in Privatbesitz, sagt Casanova, der selbst seit 20 Jahren ein einziges Exemplar besitzt. Den Grossteil des Aktionariats stellen die Firmen Rieter, Sulzer, Axa sowie der Hülfsgesellschaft Winterthur, die alle mit der Geschichte der GEbW zu tun haben. Diese reicht bis ins Jahr 1872 zurück. Damals baute die Gesellschaft die Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse, später als der Boden knapper wurde, ging sie dazu über, Mehrfamilienhäuser zu erstellen.

Günstig bis erschwinglich

Etwas weniger als 900 Wohnungen besitzt die «Billige» zurzeit, die allermeisten davon in Winterthur. Die operativen Geschäfte führt die Auwiesen Immobilien AG, die – aus den Immobilienabteilungen von Sulzer und Rieter hervorgegangen – selbst ein Kind der Winterthurer Industriegeschichte ist.

Die Ziele seien unverändert, sagt Casanova. Vermietet werde zu günstigen Konditionen. Weil die Landpreise hoch sind, hat sich die Gesellschaft darauf verlegt, auf ihren Grundstücken zu verdichten. So baut sie derzeit im Mattenbachquartier. 4,5-Zimmer zu einem Preis von unter 2000 Franken seien das Ziel, sagt Casanova. Für die vorherigen Mieter sei das zum Teil immer noch zu viel. Für sie habe man versucht, Lösungen zu finden.

Warren Buffett auf dem Thron

Einen Renditedruck des Aktionariats gebe es nicht, sagt Casanova. Das sei mit ein Grund, warum man die Aktie nicht splitte. Die Gesellschaft solle nicht zum Spekulationsobjekt werden. Dass der Kurs weiter steigt, erwartet Casanova, der ein Consulting-Unternehmen führt, nicht. Der Immobilienmarkt sei sich wegen der Aussicht auf steigende Zinsen eher am Abkühlen. Dass die «Billige» noch zur teuersten Aktie der Welt wird, ist damit vorderhand eher unwahrscheinlich. Diesen Titel hält seit vielen Jahren Berkshire Hathaway. Die Aktie der Firma von der Investorenlegende Warren Buffett notierte zuletzt bei etwas über 304 000 US-Dollar. (Landbote)

Erstellt: 26.02.2018, 11:28 Uhr

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