Winterthur

Erfahrung trifft auf Neuanfang

Mit Felix Müller (parteilos) und Chantal Galladé (SP) kämpfen zwei Charaktere ums Schulpräsidium, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Er spielte seine Erfahrung aus, sie stand für eine «neue Vertrauenskultur» ein.

Das Rededuell zwischen Chantal Galladé (links) und dem amtierenden Schulpräsidenten Felix Müller (parteilos) blieb sachlich-ruhig.

Das Rededuell zwischen Chantal Galladé (links) und dem amtierenden Schulpräsidenten Felix Müller (parteilos) blieb sachlich-ruhig. Bild: Marc Dahinden

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Schule ist ein emotionales Thema und im Schulkreis Winterthurs Stadt-Töss kommt es zur Kampfwahl zwischen zwei bekannten Gesichtern. Felix Müller (parteilos) will sein Amt als Präsident der Kreisschulpflege (KSP) behalten, SP-Nationalrätin Chantal Galladé fordert ihn heraus.

Am Dienstagabend trafen die beiden an einem Podium im Saal des Studentenwohnheims im Tössfeld aufeinander. Inhaltlich gab es wenig Dissens, Attacken ritt weder die eine noch der andere. Doch allein die Körpersprache verriet, dass hier zwei Charaktere gegeneinander antraten, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Galladé sprach energiegeladen zum Publikum, mit einnehmender Gestik und Mimik, charmant und euphorisch, teils jedoch in Phrasen.

Müller wiederum schien teils steinern ins Leere zu blicken, redete Jargon, aber auf den Punkt und mit der Substanz von zwölf Jahren Erfahrung. Das Gespräch vor rund 70 Zuhörern leitete Mirjam Fonti, Lokalredaktorin beim Landboten.

Sonderschulkosten: Welche Kostenbremse wirkt?

Die Sonderschulkosten liefen in Winterthur in den letzten Jahren aus dem Ruder, für 2018 sind 31 Millionen Franken budgetiert. Nachdem das Programm «Sirma» schlecht umgesetzt wurde, soll nun «Wega» die Kosten bremsen, unter anderem, indem die Schulleiter stärker eingespannt werden.

Galladé begrüsste den Vorschlag, diesen die entsprechende Budgethoheit zu übertragen. «Sie kennen die Kinder am besten und wissen, was es braucht.» Um des Sparen Willens dürfe man die Sonderschulkosten jedenfalls nicht senken. «Es geht um das Wohl der Schüler.» Über «hochschwierige Kinder» aber müsse die KSP entscheiden, befand Müller und betonte, dass in seinem Schulkreis das Budget unter Sirma eingehalten wurde.

«Ich weiss nicht, was ich im Nachhinein anders hätte machen sollen.»Felix Müller über die Brühlberg-Affäre

Gleichwohl habe man bei jedem Kind sehr genau hingeschaut, ob es integriert unterrichtet werden müsste oder nicht. Aber: «Die Volksschule ist nicht ein Ort der maximalen, sondern der optimalen Förderung.»

Damit die nach eigenen Angaben heute schon überlasteten Schulleitungen ihre neuen Aufgaben bei der integrierten Sonderschulung wahrnehmen könnten, müsse die Stadt beim Kanton endlich zusätzliche Stellen bestellen. «Hier schmürzelte Winterthur bisher zu sehr», kritisierte Müller.

Galladé würde den Schulleitern mit «administrativen Assistenzen» vom gestiegenen bürokratischen Aufwand entlasten. Ansonsten würde sie sich an die Empfehlungen der ZHAW-Studie halten. «Diese zeigt klar auf, wo man ansetzen muss.»

Kreisschulpflegen: Kleine Königreiche?

Heute teilen sich die Kreisschulpflegen (Behörde), der Schulstadtrat (politische Verantwortung) und die Zentralschulpflege (als Schnittstelle) bei der Volksschule die Kompetenzen. Doch gerade in Krisensituationen sei die Rollenverteilung unklar, wird kritisiert. Wo ansetzen, bei der Reorganisation der Schulbehörden?

Müller und Galladé waren sich einig, dass es zwischen Schulleiter und Stadtrat eine «Zwischenfunktion» brauche, blieben sonst vage, liessen aber durchblicken, dass sie am ehesten bei der Professionalisierung der Schulpflege ansetzen würden. «Das Bildungssystem hat sich gewandelt und ist derart komplex geworden, dass es hier andere Lösungen braucht», sagte Galladé.

Und Müller bestätigte, dass das Gefälle zwischen KSP und Schulpflege heute tatsächlich gross sei. Die Machtballung bei den KSP-Präsidenten und mögliche Alleingänge relativierte er. «Entscheide sind immer koordiniert gefallen und wurden mit den Schulleitungen abgesprochen.» Müller war vorgeworfen worden, schlecht kommuniziert zu haben (was gar in der Sirma-Evaluation erwähnt wird) und sich in seinem Schulkreis wie ein König gebärdet zu haben.

Brühlbergschule: Desaster oder Quadratur des Kreises?

Schulleiter weg, alle Lehrer gekündigt: Der Eklat an der Brühlberg-Schule sorgte 2017 schweizweit für Schlagzeilen. «Was hätten Sie im Nachhinein anders gemacht?», fragte die Moderatorin. Müllers Antwort: «Ich weiss es nicht.» Die Brühlberg-Schule verkörpere wohl die Quadratur des Zirkels.

«Ich will das nicht bewerten. Das wäre anmassend»Chantal Galladé über Müllers Rolle in der Brühlberg-Affäre

Eine teilautonome Schule in eine geführte Schule zu überführen sei äusserst schwierig. Vielleicht habe er die Kommunikation mit den Eltern einen Moment lang unterschätzt. Umgekehrt sei er von diesen aber auch schon von Treffen ausgeladen worden.

Galladé mochte Müllers Rolle die Brühlberg-Affaire nicht bewerten («Das wäre anmassend»), machte aber klar, dass sie einen sehr offenen und kommunikativen Führungsstil pflegen würde. «Eigentlich ist es positiv, wenn sich die Eltern interessieren. Man muss rausgehen und mit den Menschen reden, sie motivieren und ihre Stärken aktivieren. Eine neue Vertrauenskultur zu schaffen, das wäre mein Ziel.»

Der gegenseitige Austausch sei ihr wichtig. Daher wäre sie auch für eine Zentralisierung der KSP im Superblock, während Müller lieber die dezentralen Büros behalten würde.

Mehr als Soft-Skills? «Ich kann ein Budget mitberaten»

Auf Soft-Skills wollte sich Galladé, die frühere Berufschullehrerin und kantonale und nationale Bildungspolitikerin, aber nicht reduzieren lassen. «Ich habe lieber Buchstaben als Zahlen, aber ich weiss sehr wohl, wie man ein Budget berät.»

Die Fragen aus dem Publikum waren an vor allem an Müller gerichtet. Wie er es sich erkläre, dass weder seine frühere Partei die Grünen, noch die interparteiliche Konferenz ihn mehr unterstütze. «Fragen Sie diese Leute. Ich habe nie befriedigende Antworten darauf bekommen.»

Nach dem Gespräch mischte sich Galladé beim Apéro strahlend unters Publikum, während Müller eher etwas am Rand blieb - ein bezeichnendes Bild.

(Der Landbote)

Erstellt: 16.05.2018, 18:22 Uhr

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