Winterthur

«Es wird viel zu wenig über die Berufsbildung geredet»

Erich Meier war zwölf Jahre Direktor der Technischen Fachschule STFW im Schlosstal. Diese hat rund 9500 Lernende aus der ganzen Deutschschweiz – und bleibt trotzdem oft unter dem Radar. Das ärgert Meier.

Erich Meier ist davon überzeugt, dass sich Berufsbildung lohnt und oft unterschätzt wird.

Erich Meier ist davon überzeugt, dass sich Berufsbildung lohnt und oft unterschätzt wird. Bild: Marc Dahinden

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Wenn Erich Meier in den letzten zwölf Jahren erklärte, wo er arbeitet, musste er jeweils weit ausholen.

«Die meisten Leute haben leider keine Ahnung, wie unser Berufsbildungssystem funktioniert», sagt der 62-Jährige, lacht und schüttelt den Kopf.

«Die meisten Leute haben leider keine Ahnung, wie unser Berufsbildungssystem funktioniert»

Fürs Protokoll: Die Schule, deren Direktor er bis zu den Sommerferien noch ist, heisst Schweizerische Technische Fachschule Winterthur (STFW) und ist weder eine Berufsschule noch eine Hochschule.

Hier finden vor allem überbetriebliche Kurse statt und Lehrgänge der höheren Berufsbildung und der berufsorientierten Weiterbildung. «Wir sind der dritte Lernort, neben Lehrbetrieb und Berufsschule», sagt Meier.

Werkstatt, nicht Schulstube

Meier macht ein Beispiel: «Nehmen wir an, Sie sind Automobil-Mechatroniker. Dann lässt man Sie vermutlich ungern an einem Kundenauto das allererste Mal üben, wie man die Bremsen tauscht».

Dafür gibt es die STFW. In den überbetrieblichen Kursen lernen die Stifte während zwei bis vier Wochen pro Jahr von erfahrenen Berufsleuten die Grundfertigkeiten ihres Berufs: Hämmern, Schweissen, aber auch Diagnostik.

Dazu kommen sie aus dem ganzen Kanton nach Winterthur, in einigen Berufen aus der ganzen Deutschschweiz. Neben allen Autoberufen werden auch Elektrotechnik, Kommunikation, und Gebäudetechnik abgedeckt.

«Jetzt haben Sie es verstanden!»

In allen fünf Sparten bietet die STFW auch weiterführende Kurse an (was früher Meisterprüfung hiess), die dreijährige Höhere Fachschule sowie Kaderkurse.

Aber eigentlich geht es im Schlosstal immer nur um eins: die Praxis. Meier erinnert sich an ein Gespräch mit den Architekten, die den Neubau planten, jenes lang gezogene Gebäude mit der glänzenden Alufassade, das später einen Architekturpreis gewann.

«Wir bauen da ja gar kein Schulhaus, sondern ein Werkstattgebäude mit ein paar Kursräumen», soll der Architekt gemurmelt haben. «Jetzt haben Sie es verstanden!», antwortete Meier damals.

Meier selbst kommt nicht aus einer Werkstatt, sondern aus der Informatik. «Ich habe im Studium noch auf Lochkarten programmiert», sagt er. Später gründete er in Zürich im Auftrag des Kantons die Technikerschule TS/HF. An die STFW kam er, als ihn, «wie viele Männer zwischen 40 und 50», der Hafer stach, nochmals eine neue Herausforderung anzunehmen.

Eine Männerwelt

Er übernahm die Schule mit dem wohl höchsten Männeranteil weit und breit, in fast allen Berufen der STFW liegt er bei über 90 Prozent. Am meisten weibliche Lernende gibt es bei den Carrosserielackierern, etwa drei von zehn sind weiblich.

«Ein willkommener Farbtupfer», sagt Meier. Gerne hätte er auch Lehrerinnen eingestellt. «Doch wir kriegen schlicht keine Bewerberinnen.»

Doch trotz so viel Testosteron gehe es an der STFW sehr gesittet zu. «Wenn ich einen einzigen Disziplinarfall pro Jahr hatte, der bis zu mir kam, war das viel», sagt Meier. Dafür gebe es einen guten Grund: «Die jungen Leute lernen hier Dinge, die sie in ihrem Beruf wirklich können müssen. Und die Lehrer sind alles erfahrene Berufsleute – die geniessen viel Respekt.»

Flüchtlinge werden Fachleute

Sehr gute Erfahrungen hat Meier auch mit dem Projekt Riesco gemacht, das junge Flüchtlinge, oft aus Eritrea oder Afghanistan, in einem Intensivkurs fit macht für eine Lehre im Automobilbereich oder in der Gebäudetechnik.

Seit sieben Jahren läuft das Projekt, über 90 Prozent der Teilnehmer haben einen Ausbildungsplatz gefunden. Wenn sie ihn erfolgreich abschliessen, steht ihnen die Zukunft offen. Gerade in der Gebäudetechnik werden Fachleute händeringend gesucht.

«Ein Sanitärinstallateur wird nie nach China verlagert werden. Und er wird auch nicht von einem Stück Software ersetzt.»

Ohnehin findet Meier: «Es wird viel zu wenig über die Berufsbildung gesprochen.» Viele Eltern drängten ihren Nachwuchs ans Gymnasium die Universität. «Dabei gibt es inzwischen äusserst attraktive Möglichkeiten, sich nach der Lehre weiterzubilden und aufzusteigen. Die Durchlässigkeit ist heute sehr gut.»

Die Höhere Fachschule, welche die STFW in Winterthur anbietet, schneidet punkto «Bildungsrendite», also dem Lohnanstieg pro eingesetzter Zeit, besser ab als jede Hochschule, auch weil sie berufsbegleitend gemacht wird.

Die Lehre lohnt sich

Wenn Meier jungen Menschen und ihren Eltern eine Nachricht auf den Weg geben könnte, lautete sie wohl: Berufsbildung lohnt sich. Auch in Sachen Zukunftssicherheit. «Nehmen wir einen Sanitärinstallateur. Seine Stelle wird nie nach China verlagert werden. Und er wird auch nicht von einem Stück Software ersetzt.»

Nach den Sommerferien übernimmt an der STFW der neue Direktor, Olaf Pfeifer. Nachdem in Meiers Amtszeit viel «Hardware» gebaut wurde, könne sich sein Nachfolger auf die «Software», die zeitgemässe Wissensvermittlung, konzentrieren sagt Meier.

Er selbst, der die ganze Zeit aus Männedorf gependelt ist, kann sich in seiner Heimatgemeinde seinem neuen Nebenamt als Gemeinderat widmen. Als Vertreter der GLP ist er dort fürs Ressort Infrastruktur zuständig. Bevor sein Büro räumt, hat er an der STFW aber noch etwas zu erledigen. «Ich lerne Schweissen», sagt er und lacht.

(Der Landbote)

Erstellt: 13.07.2018, 11:22 Uhr

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