Winterthur

Exodus am Brühlberg

An der preisgekrönten Brühlbergschule kündigen gleich fünf Lehrkräfte aufs Mal. Aus Lehrer- und Elternkreisen wird erneut Kritik an Schulpräsident Felix Müller laut.

Eine Volksschule der etwas anderen Art: Seit der Gründung 1996 setzt man an der Brühlbergschule auf altersdurchmischten Unterricht, Team-Teaching und forschendes Lernen.

Eine Volksschule der etwas anderen Art: Seit der Gründung 1996 setzt man an der Brühlbergschule auf altersdurchmischten Unterricht, Team-Teaching und forschendes Lernen. Bild: Marc Dahinden

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Die Brühlbergschule kommt nicht zur Ruhe. Bereits 2014 hatten zwei langjährige Lehrkräfte der Brühlbergschule mit Verweis auf die «sehr belastende schulpolitische Si­tua­tion» im Kreis Stadt ­gekündigt. Auf die Sommerferien folgten nun fünf weitere Kündigungen, dar­un­ter drei von Pädagogen, welche die Schule fast seit ihrer Gründung in den Neunzigerjahren mitgeprägt hatten.

Vorwurfsvolle Briefe

Die Eltern der Brühlbergschule sind alarmiert. «Aus unserer Sicht geht es der Brühlbergschule nicht gut», heisst es in einem offenen Brief der IG pro Brühlbergschule an die Kreisschulpflege, der am Sommerfest vor zwei Wochen auflag und von 56 Eltern unterschrieben wurde. «Sollten diese personellen Veränderungen im selben Stil weitergehen, befürchten wir letztlich Konsequenzen für das erfolgreiche Konzept der Brühlbergschule und den Lernerfolg unserer Kinder.»

Drei der scheidenden Lehrer haben ihren Abgang in Briefen an die Eltern begründet. Sie verweisen auf das «konfliktbelastete Verhältnis» zum Präsidenten der Kreisschulpflege Stadt-Töss, Felix Müller, und zur Schulleiterin Martina Bohraus, die seit knapp zwei Jahren neben der Schule Neuwiesen auch für das Brühlberg zuständig ist. Zuvor hatte man hier zwei Jahrzehnte lang eine Teilzeitschulleitung aus den eigenen Reihen gehabt.

In persönlichen Gesprächen mit verschiedenen Lehrkräften wird die in den Briefen geäusserte Kritik bestätigt, auch von Lehrern, die vorderhand bleiben. Es gebe zu wenig Wertschätzung und Unterstützung für die pädagogischen Besonderheiten der kleinen Schule, die früher als andere auf altersdurchmischtes Lernen, Werkstatt- und Projektunterricht und andere moderne Lernformen gesetzt hat.

In Schulevaluationen schneidet die Brühlbergschule stets überdurchschnittlich ab, sie wurde mehrfach mit Schulpreisen ausgezeichnet. «Ohne eine interessierte Schulleitung und eine wohlwollende Behörde ist eine Schule von dieser Vielfalt und Qualität nicht möglich», schreibt eine Lehrerin, die nach fast zwanzig Jahren das Handtuch wirft.

Alter Konflikt, neu entfacht

Der Konflikt, der nach dem ersten Eklat vor einem Jahr nun neu ­aufgeflammt ist, ist kompliziert. Längst haben sich Fronten gebildet. Schulleitung und Schulpflege argumentieren mit Zahlen und Organigrammen: Die Brühlbergschule sei zu klein für eine eigene Schulleitung und geniesse ohnehin einige Vorzüge, wie einen leicht besseren Stellenschlüssel als ihr nach Reglement des Volksschulamts zustünde. Andere Schulen im Kreis neideten der Brühlbergschule solche Extrawürste.

Die Brühlberg-Lehrkräfte auf der anderen Seite, welche jahrzehntelang eine weitgehende Mitbestimmung am Schulbetrieb genossen, sehen sich durch die strikteren Organisationsformen gegängelt statt entlastet. Gesprächsversuche seien wiederholt gescheitert, da jede Kritik als persönlicher Angriff aufgefasst oder mit formalistischen Argumenten beiseitegewischt werde.

Längst hat der Konflikt eine persönliche Dimension. Schulpräsident Felix Müller, der sein Amt letztes Jahr in einer Kampfwahl verteidigen musste, wird von verschiedenen Lehrern wie Elternvertretern als autoritär und stur wahrgenommen. «Man bekommt von aussen fast den Eindruck, dass hier seit Jahren persönliche oder administrative Themen den pädagogischen Themen weit vorangestellt werden», schreibt die IG pro Brühlbergschule im offenen Brief. Dass Müller neben dem Vollzeitamt als Schulpräsident weiterhin zu 25 Prozent Baurekursrichter tätig ist, nimmt man ihm besonders übel.

Schulleiterin Martina Bohraus möchte sich zur Brühlbergschule nicht äussern. Sie geniesst in ihrem Stammschulhaus Neuwiesen die Rückendeckung des Elternrats. «Wir arbeiten gut mit Frau Bohraus zusammen», sagt Präsident Martin Leuenberger. «Und auch die Kommunikation mit Herrn Müller, die wir vor zwei Jahren selbst noch kritisiert haben, hat sich spürbar verbessert.»

Fall beschäftigt die Politik

Ob die Unruhe an der Brühlbergschule eine Schlammschlacht oder ein berechtigter Aufstand ist, lässt sich von aussen kaum ­beurteilen. Tatsache ist, dass eine der angesehensten Volksschulen der Stadt einige ihrer bewährtesten Pädagogen im Streit verliert und auch nach einem Jahr noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Das beschäftigt inzwischen auch die Lokalpolitik. GLP-Gemeinderat Martin Zehnder hat eine schriftliche Anfrage zur «hohen Fluktuation» im Schulhaus Brühlberg eingereicht. (Landbote)

Erstellt: 30.06.2015, 22:00 Uhr

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