Bezirksgericht

Fälscher und «Firmenbestatter» muss in Haft

Ein 69-jähriger Rentner hat bei mehreren Firmen den Konkurs verschleppt und massenhaft fiktive Arbeitsverträge erstellt, mit denen sich Ausländer eine Aufenthaltsbewilligung erschleichen konnten. Jetzt muss er ins Gefängnis.

Das Bezirksgericht verurteilte einen betrügerischen Rentner.

Das Bezirksgericht verurteilte einen betrügerischen Rentner.

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Es ist ein weites Netz an Firmen, dass sich der 69-Jährige gesponnen hat. Allein auf der Webseite des Datenanbieters «Moneyhouse» wird er als Eigentümer oder Gesellschafter von 27 Firmen aufgelistet.

Die meisten davon sind liquidiert worden. Der Beschuldigte ist «Firmenbestatter». Zwischen 2011 und 2017 übernahm er gegen 1000 bis 2000 Franken die Leitung in Firmen, die kurz vor dem Konkurs standen.

Er brauchte das Geld. Der gelernte Elektroniker und diplomierte Verkaufsleiter war seit Längerem arbeitslos und musste für seine beiden Kinder sowie die Ex-Frau aufkommen.

«Ich war froh um jeden Rappen», sagte der Beschuldigte, als er sich diese Woche wegen Misswirtschaft, Unterlassung der Buchführung in sieben Fällen sowie einer Reihe von weiteren Delikten vor Gericht verantworten musste.

«Wäre er 20 Jahre alt, könnte man noch von jugendlichem Leichtsinn sprechen, aber mit fast 70 ist das ein dreistes Verhalten.»

Der Rentner erschien im grauen Strickpullover, seine Lesebrille baumelte ihm vom Hals. Er antwortete freundlich und zeigte sich kooperativ.

«Meine Aufgabe war es, abzuwarten, bis jemand den Konkurs beantragte», sagte er zu seiner Zeit als «Firmenbestatter». Droht einem Unternehmen der Konkurs, haben Eigentümer Pflichten, denen sie zum Schutz der Gläubiger nachkommen müssen.

So hätte der Beschuldigte als Gesellschafter sofort Insolvenz anmelden, eine Zwischenbilanz erstellen und diese durch eine Revisionsstelle prüfen lassen müssen. Weil er dies nicht tat, entstanden zusätzliche Schulden - der Konkurs wurde verschleppt.

Er wartete jeweils, bis das Gericht von Amtes wegen den Konkurs gegen die Firmen eröffnete. Weil diese meistens keinerlei Aktiven vorweisen konnten, bekamen die Gläubiger nichts mehr von ihrem Geld. «Firmenbestatter» schaden aber nicht nur Gläubigern, sondern der gesamten Wirtschaft (siehe Box).

Wenn es darum ging, neue Einnahmequellen zu erschliessen, wurde er auch kreativ: Zwischen 2011 und 2014 erstellte der Winterthurer über 50 gefälschte Arbeitsverträge, vereinzelt auch Lohnabrechnungen und Mietverträge.

Die Abnehmer, allesamt Ausländer, erschlichen sich damit beim Migrationsamt eine Aufenthaltsbewilligung. Pro Auftrag kassierte er zwischen 200 und 300 Franken. «Ich dachte, das tut niemandem weh - wir haben ja genug Platz in der Schweiz», sagte der Schweizer.

Taxichauffeur ohne Ausweis

Ebenfalls aus Geldmangel chauffierte er einen Kollegen, der selbst nicht fahren konnte aber ein Auto besass, ein Jahr lang zu dessen Arbeitsort. Pro Fahrt zahlte ihm dieser 100 bis 200 Franken. Illegal, denn der Führerausweis war ihm schon 2006 auf unbestimmte Zeit entzogen worden. «Die letzten drei Jahre bin ich aber nur noch mit den ÖV gefahren.»

Der Staatsanwalt sprach dem Beschuldigten keine gute Prognose aus: «Wäre er 20 Jahre alt, könnte man noch von jugendlichem Leichtsinn sprechen, aber mit fast 70 ist das ein dreistes Verhalten.» Der Schweizer ist mehrfach und teilweise einschlägig vorbestraft, er verbrachte schon mehrere Jahre im Gefängnis.

Vor vier Jahren wurde er vom Bezirksgericht Zürich wegen Geldwäscherei, Betrug und Hehlerei zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 24 Monaten verurteilt. Der Staatsanwalt sagte, er sei erstaunt, mit welcher Leichtigkeit sich der Beschuldigte zu illegalen Taten habe hinreissen lassen.

Sein Verteidiger argumentierte, es seien keine weiteren Taten zu erwarten: «Mein Mandant sitzt nirgends mehr im Verwaltungsrat und er fährt konsequent ÖV.» Seine finanzielle Lage sei zudem stabil - trotz Schulden von über 50000 Franken. Er lebt von einer Rente in der Höhe von 3300 Franken, wovon 2500 Franken an Frau und Kinder gehen sollen.

Im Moment wartet der Beschuldigte auf eine Wohnung in Zürich, auch einen Job hat er in Aussicht: Bei einer neu gegründeten Bank will er als Kundenberater arbeiten und so seine Schulden abzahlen. Der Verteidiger forderte eine Strafe von 360 Stunden gemeinnütziger Arbeit.

Der Beschuldigte weinte beim Schlusswort. Das Gefängnis an sich sei zwar nicht schlimm, aber: «Sie würden damit zwei Kinder strafen, in dem Sie ihnen ihren Vater vorenthalten.»

Acht Monate Gefängnis

Das Gericht liess sich davon nicht beeindrucken und sprach ihn der qualifizierten Täuschung der Behörden, der mehrfachen Misswirtschaft und Unterlassung der Buchführung, Gewalt gegen Beamte sowie mehrfachen Vergehen gegen das Strassenverkehrs- und Waffengesetz schuldig.

Der Rentner muss nun für acht Monate ins Gefängnis, eine Geldstrafe von 40 Tagessätzen à 10 Franken sowie eine Busse von 100 Franken zahlen. Zudem wird seine dreijährige Probezeit von der Verurteilung durch das Bezirksgericht Zürich von 2015 um ein Jahr verlängert. Wird er bis im Juli 2019 noch einmal straffällig, muss er die 24 Monate dieser Verurteilung absitzen.

(Der Landbote)

Erstellt: 15.03.2019, 14:02 Uhr

Politiker fordern strengere Gesetze

«Firmenbestatter» sind ein Problem. 2016 schätzte der Zürcher
Regierungsrat den volkswirtschaftlichen Schaden, der schweizweit
durch solche Betriebsliquidationen verursacht wird, auf einen dreistelligen Millionenbetrag - im Jahr. Der Kampf gegen diese ist ein aktueller Regierungsschwerpunkt.

Die Kantonspolizei hat eine Sonderkommission gegründet, bestehend
aus Spezialisten im Bereich Wirtschaftskriminalität, um die Fälle zu bekämpfen. Ausserdem hat die GLP Ende 2018 eine Motion eingereicht, die eine Verschärfung des Konkursrechts fordert: Wenn jemand eine neue Firma gründen will, sollen Handelsregister-Beamte künftig schweizweit kontrollieren können, ob die Person in den letzten Monaten einen Firmenkonkurs angemeldet hat.

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