Winterthur

Gewaltforscher widerspricht Amnesty International

Dirk Baier von der ZHAW untersuchte die Kriminalität in der Schweiz. Die Studie zeigt eine verzerrte Wahrnehmung der Bevölkerung.

Nicht jede Gewalttat wird angezeigt, dennoch nahm die Zahl der Übergriffe über die letzten Jahre ab, wie eine neue Studie zeigt.

Nicht jede Gewalttat wird angezeigt, dennoch nahm die Zahl der Übergriffe über die letzten Jahre ab, wie eine neue Studie zeigt. Bild: Archiv/ Franziska Scheidegger

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Sie haben mit einer Studie die Kriminalität in der Schweiz untersucht. Wo weichen Ihre Erkenntnisse von der Kriminalitätsstatistik des Bundes ab?
Erstens ist die Statistik des Bundesamtes eine Anzeigestatistik, sie macht also immer nur einen Teil der Kriminalität sichtbar. Eine Befragung, wie wir sie gemacht haben, weicht ab, weil sie auch leichtere Delikte sichtbar macht. Unsere Zahlen fallen deshalb immer höher aus. Zweitens können wir auch Wahrnehmungen und Ängste sichtbar machen. Wir haben die Umfrage benutzt, um diese subjektive Komponente zu untersuchen und ein Stimmungsbild zu erstellen.

Eine Erkenntnis war, dass die Kriminalität zurückgeht, viele aber meinen, sie nehme zu.
Diese Abweichung ist mittlerweile enorm. In den letzten zehn Jahren haben Straftaten in der Schweiz um ein Viertel abgenommen, trotzdem meinen 60 Prozent der Befragten, die Kriminalität sei gewachsen. Nur jeder Siebte hat eine realistische Einschätzung.

Und wie kommt es dazu?
Das liegt in erster Linie daran, dass die meisten Menschen in der Schweiz keine eigenen Erfahrungen mehr mit Kriminalität haben. Sie müssen sich darauf verlassen, was in den Medien diskutiert wird. In den Medien aber wirken gewisse Filter, einzelne Delikte sind medial viel präsenter, als es ihrer Verbreitung entspricht.

Die Medien berichten doch aber auch über die Statistiken.
Das ist so, aber Einzelfälle haben eine ganz andere Wirkung auf die Menschen. Geschichten wirken stärker als nackte Zahlen.

«Nur jeder Siebte hat eine realistische Einschätzung»

Es gibt Politiker wie Donald Trump, die das auszunutzen wissen und die mit falschen Fakten Stimmung machen.
Kommt hinzu, dass der Umstand, dass er gelogen hat, seine Wählerschaft gar nicht mehr erreicht. Wir haben zeigen können, dass jemand umso eher der Meinung ist, dass die Kriminalität zunimmt, je weiter rechts er orientiert ist. In Deutschland hat derselbe Effekt schon zu fragwürdigen Gesetzesänderungen geführt.

Die SVP erklärte unlängst, die Schweiz sei nicht länger ein sicheres Land. Hat eine politische Deklaration eine stärkere Wirkung als Fakten?
Vor allem bei der eigenen Klientel kann das so sein. Menschen nehmen das Stimmungsbild auf und lassen bisweilen Taten folgen. Wohin das führen kann, haben wir im Amoklauf in El Paso gesehen. Eine solche Gefahr sehe ich in der Schweiz aber im Moment nicht.

Ein grosser Teil der Delikte, die abgenommen haben, richtete sich gegen das Eigentum. Ist das eine rationale Erklärung für die Kriminalitätswahrnehmung, dass die Leute Gewalt höher werten als Diebstahl?
Es ist richtig, ein Grossteil der Kriminalität ist Eigentumskriminalität, ein kleinerer Teil ist Gewaltkriminalität. Aber wenn man die letzten zehn Jahre anschaut, dann haben sowohl Raub als auch einfache Körperverletzung abgenommen. Und im Verhältnis zur Bevölkerung haben Tötungsdelikte und schwere Gewaltdelikte stagniert.

«Ausländische Täter werden eher angezeigt»

Vor allem die SVP betrachtet die Kriminalität unter dem Aspekt der Zuwanderung. Hat Ihre Untersuchung dazu etwas ergeben?
Unsere Untersuchungen bestätigen, dass Ausländer eine höhere Kriminalitätsbelastung haben, wobei sich die einzelnen Gruppen stark unterscheiden. Asylbewerber haben die höchste Belastung, das kann man nicht wegdiskutieren, man sollte es aber erklären. Unsere Untersuchung hat auch zutage gefördert, dass ausländische Täter eher angezeigt werden. Man muss darum die Statistik der Polizei etwas vorsichtiger betrachten. Dennoch, der Befund bleibt: Ausländer haben eine höhere Kriminalitätsbelastung. Das hat aber soziale Gründe.

Sie schreiben in Ihrer Studie, «nur» 0,2 Prozent aller Frauen in der Schweiz seien Opfer einer Vergewaltigung geworden. Warum das «nur»?
Das war sprachlich ungeschickt. Ich habe mich damit auf eine Studie von Amnesty International bezogen, die sehr hohe Zahlen von Vergewaltigung für die Schweiz ergeben hat. Es ist eine Studie, die methodisch fehlerhaft ist und so auf 800'000 von sexueller Gewalt betroffene Frauen gekommen ist. Das ist viel zu hoch. Die Studie von Amnesty International schadet der Glaubwürdigkeit der Befragungsforschung. Unsere Umfrage ergab 0,2 Prozent, das sind nicht wenige Betroffene, aber es sind nicht Hunderttausende.

Gibt es eine Massnahme, die Sie aus Ihren Resultaten ableiten?
Wenn, dann die Forderung, das Thema Kriminalität zu entemotionalisieren. Es ist absurd, dass sich so viele Menschen ängstigen, obwohl die objektive Lage so gut ist wie nie zuvor in der Schweiz.

Erstellt: 17.01.2020, 19:00 Uhr

Dirk Baier ist Professor an der ZHAW School of Social Work. (Bild: PD)

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