Stadtratswahl

«Ich stimme dir zu, aber…!»

Stadtratswahl Das «Landbote»-Wahlpodium Annetta Steiner gegen Kaspar Bopp am Dienstagabend war auch ein programmatisches Duell SP gegen GLP. Die Gemeinsamkeiten waren gross, umso mehr wurden die Unterschiede betont.

Die beiden Stadtrats-Kandidaten waren sich gestern Abend auffallend oft einig.

Die beiden Stadtrats-Kandidaten waren sich gestern Abend auffallend oft einig.

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Heiterkeit im Technopark-Saal: In der Ja-Nein-Runde haben Annetta Steiner (GLP) und Kaspar Bopp (SP) zum zehnten Mal hintereinander gleich abgestimmt.

Von der Cannabis-Legalisierung bis zum vierwöchigen Vaterschaftsurlaub, von der Steuer-AHV-Vorlage bis zur autofreien Stadthausstrasse waren sich die zwei Bewerber auf den Stadtratssitz von Yvonne Beutler (SP) erstaunlich einig. Auch im freien Gespräch begannen beide ihre Voten gerne mit: «Das sehe ich genauso» – ob es um ein zweites Hallenbad ging oder um Velobahnen.

«Ich sehe nicht ein, warum die SP im Stadtrat drei Sitze haben soll und die GLP keinen.»Annetta Steiner,
Stadtratskandidatin der GLP
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Dass es zwischen der SP und der GLP durchaus Anschlusspunkte gibt, darauf deuten Parteiwechsel der jüngeren Zeit hin, etwa der von Chantal Galladé (GLP), die das Duell im Publikum verfolgte.

Oder das dicke Lob von GLP-Kandidatin Annetta Steiner an die abtretende Finanzvorsteherin Yvonne Beutler (auch sie im Publikum): «Sie hat sehr gut gearbeitet und die Finanzplanung stark professionalisiert.» Harmonie pur auf dem Podium also? Nicht unbedingt: Bopp und Steiner beharkten sich in zwei Sachfragen und einer Grundsatzfrage umso ausdauernder.

Alles Erbsenzähler?

Die Grundsatzfrage war das Kernthema der vergangenen Jahre, das Sparen. «Es ist für Winterthur fast zur Identität geworden», kritisierte Bopp. So könne man keine Aufbruchstimmung verbreiten. An einem Votum für die Förderung von Teilzeitarbeit in der Stadtverwaltung (auch in diesem Punkt waren sich beide einig) entbrannte folgender Schlagabtausch:

Bopp: Damit man das alles aber umsetzen kann, braucht es einen gewissen Spielraum. Wenn eine Organisation aufs Minimum zusammengespart ist, dann erstickt man das an der Basis.

Steiner: Das heisst konkret, du möchtest mehr Personal anstellen?

Bopp: Punktuell macht das Sinn. Aber man muss auch einen Mindset Change bewirken, also die Haltung der Leute verändern. Weg von der Erbsenzählerei, bei der wir heute sind. Nicht immer mehr Kontrolle, sondern die gestalterische Energie der Mitarbeiter nutzen.

Steiner: Ich verstehe den Zusammenhang nicht. Will Kaspar Bopp nun mehr Personal anstellen oder nicht? Und wenn man das ‹Mindset› ändern muss, heisst das, der Stadtrat hat falsch geführt?

Bopp: Der Spardruck kam nicht nur vom Stadtrat, sondern auch vom Parlament.

Steiner: Der Spardruck kam primär von den Stadtfinanzen. Ich bin sehr stark dafür, dass wir nicht mehr ausgeben, als wir einnehmen. So halte ich das auch privat.

Das Landbote-Stadtratspodium vom Dienstagabend in voller Länge.

Investieren statt sparen

Bopp konnte auf Nachfrage keine Bereiche nennen, wo die Stadt sparen könnte. Er betonte dagegen die Notwendigkeit, in die Verwaltung zu investieren, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben und die Veränderungsprozesse einer wachsenden Stadt bewältigen zu können.

Mit den Grünliberalen arbeite die SP unter dem Jahr sehr gut zusammen, etwa bei Umweltfragen, der Gleichstellung oder Frühförderung. «Der Unterschied zeigt sich am Ende des Jahres in der Budgetdebatte. Dort entscheidet die GLP im Zweifel nicht sozial oder grün, sondern wirtschaftsfreundlich.» Steiner stellte klar: «Ein weiteres Sparprogramm wollen wir unbedingt vermeiden.»

Doch dazu sei es nötig, dass die Ausgaben in guten Jahren nicht stark anwüchsen. Bopp rede die Situation der Stadtverwaltung absichtlich schlecht: «Haben wir ein anderes Budgetbuch? In meinem wurden letztes Jahr 80 Stellen neu geschaffen.»

«Verstehen die Leute nicht»

Die Fetzen flogen auch in zwei Sachfragen. Bopp kritisierte, dass die Sanierung der städtischen Pensionskasse auf die lange Bank geschoben wurde. «Mit dem Nichtentscheid hat man das Schlimmste gemacht, nämlich das Personal weiter verunsichert. Die Pensionskasse muss endlich voll ausfinanziert werden.»

«Am Ende des Jahres  entscheidet die GLP nicht sozial oder grün, sondern wirtschaftsfreundlich.»Kaspar Bopp,
Stadtratskandidat der SP

Die Bevölkerung sei bereit, die 144 Millionen zu zahlen, wenn man es ihr nur richtig erkläre, sagte Bopp. «Meine Beobachtung auf der Strasse ist eine komplett andere», hielt Steiner dagegen. «Die Leute mussten schon in ihrer eigenen Pensionskasse Einbussen in Kauf nehmen, und jetzt sollen sie auch noch die städtische Kasse sanieren?» Ein Nein an der Urne wäre verheerend. Die GLP suche darum nach alternativen Lösungen, etwa mit der Integration in die kantonale BVK.

Während Bopp und Steiner beide ein zweites Hallenbad befürworten, sind sie bei einem möglichen Traglufthallen-Provisorium über dem Aussenbecken im Geiselweid gegensätzlicher Meinung. Das sei eine «Energieschleuder», «verbranntes Geld» und nehme den Umsetzungsdruck für ein echtes Hallenbad, fand Bopp. «Seien wir realistisch, in den nächsten 15 Jahren steht kein Hallenbad», hielt Steiner dagegen.

Aus Umweltsicht müsste man im Winter eigentlich aufs Schwimmen verzichten – doch es sei andererseits auch eine sehr gesunde Sportart für Menschen jeden Alters. «Wir haben bei den Grünliberalen die Güterabwägung gemacht und kamen zum Schluss, als Provisorium ist eine neue, moderne Traglufthalle vertretbar.»

Auch ein Stilduell

Unter den über 150 Zuschauerinnen und Zuschauern waren beide Parteien und auch die Stadtverwaltung gut vertreten, zudem das Co-Präsidium der Grünen, die Bopp unterstützen. Bürgerliche Politiker fehlten dagegen nahezu komplett.

Diskutiert wurden beim Apéro nicht nur Argumente, sondern auch das Auftreten der zwei Kandidaten: Steiner, die sich zu Beginn etwas verkrampft am Stehtisch festhielt, später in Fahrt kam und Bopp attackierte, bis sogar dessen Lächeln kurz gefror.

Bopp hatte zu jedem Stichwort ein passendes Kärtchen mit Sätzen und Zahlen dabei, während Steiner von neun Jahren intensiver Lokalpolitik zehrte, und die Zahlen und Fakten aus dem Gedächtnis klaubte.

Wen also wählen? Steiner empfahl sich aufgrund ihrer «grossen Erfahrung» und im Sinne der Diversität: «Ich glaube, die Entscheidungen des Stadtrats sind dann gut, wenn wir möglichst viele Personen involvieren, auch verschiedene Parteien und Geschlechter.»

Damit kritisierte sie den Machtsanspruch der SP auf drei Sitze, während die GLP aussen vor bliebe. Bopp versprach, sich aufgrund seines «tiefen Finanzwissens» rasch einarbeiten zu können und betonte, er sei die richtige Person, «die rot-grüne Mehrheit weiterzuführen, die bewiesen hat, dass sie die Stadt voranbringt und Blockaden lösen kann.»

(Der Landbote)

Erstellt: 12.06.2019, 18:19 Uhr

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