Winterthur

In welchen Winterthurer Quartieren die soziale Belastung stieg und wo sie sank

Das städtische Sozialmonitoring zeigt, wie sich die soziale Belastung in den einzelnen Quartieren verändert hat. Wenig überraschend ist Töss ein sogenanntes «Lupen-Quartier». Doch der Ausreisser nach unten liegt woanders.

Mark Würth, Leiter der Stadtentwicklung (Archivbild).

Mark Würth, Leiter der Stadtentwicklung (Archivbild). Bild: Heinz Diener

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Die gute Nachricht vorweg: Bei der sozialen Belastung wird die Kluft zwischen den Winterthurer Quartieren offenbar immer kleiner. Das heisst, die sozial schwachen Schichten wie Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger und Leute mit tiefem Einkommen haben sich in den letzten Jahren gleichmässiger verteilt.

Die Belastungsmatrix links bildet auf der x-Achse (horizontal) ab, wie hoch der soziale Belastungsindex (Arbeitslosenquote, Sozialhilfequote und mittleres Einkommen) in einem Quartier ist, je weiter rechts, desto höher. Die y-Achse zeigt, wie stark sich die soziale Belastung jeweils verändert hat. Unter der Horizontalen positiv, darüber negativ und je weiter desto stärker. Einige Lesebeispiele zur Veranschaulichung: In keinem Quartier ist die soziale Belastung bis 2012 mehr gestiegen als imWaldegg in Seen. Doch noch immer ist sie überdurchschnittlich tief und liegt links der Vertikalen. Positives Beispiel ist die Hardau in Wülflingen, das punkto Dynamik und Status sehr gut abschneidet. Das Gutschick hat auf tiefem Niveau praktisch stagniert. Negativ hervor sticht das Tössemer Schlosstal. Dort war die soziale Belastung bereits hoch und sie ist vergleichsweise stark gestiegen, ähnlich zu beobachten auch beim Eichliacker oder in Sennhof.

«Insgesamt sind die Quartiere leicht zusammengerückt», sagt Mark Würth, Leiter der Stadtentwicklung. Dieses Fazit zieht Würth unter abderm aus dem Sozialmonitoring, das die Verwaltung 2014 erstmals durchgeführt hat. Dabei wurde die Entwicklung der sozialen Belastung in 37 Quartieren statistisch erhoben. Gemessen wird sie durch den sogenannten sozialen Belastungsindex. Darin sind die drei Parameter Sozialhilfequote, Arbeitslosenquote und mittleres steuerbares Einkommen der Quartierbewohner zusammengefasst.

Aus Gründen des Datenschutzes gibt die Stadt keine genauen Zahlen und Werte bekannt. «Der Landbote» erhielt Einblick in die Karten und Diagramme (siehe Grafiken rechts) der internen statistischen Auswertung. Darin lassen sich gewisse Entwicklungen ablesen, und sogar deren Dynamik. Diese zu interpretieren , einzuorden und profunde Aussagen zu machen ist ohne handfestes Zahlenmaterial kaum möglich.

Abwärtsspirale verhindern

In einem Workshop, an dem neben Sozialarbeitern auch Vertreter der Stadtpolizei und Stadtgärtnerei teilnahmen, wurden vier mögliche soziale Brennpunkte geortet, die sogenannten Lupen-Räume. Es sind dies in Wülflingen das Gebiet Holzlegi/Oberfeld, in Seen die Aussenwacht Sennhof, in Töss praktisch der gesamte Ortskern und im Mattenbach das Gutschick-Quartier.

Die Karte bildet grosso modo die Dynamik und den Status der Belastungsmatrix oben ab. Positiv abheben können sich das Wülflinger Quartier Hardau (sehr positive Entwicklung, grün, 660) und Grüze (230). Positiv entwickelt haben sich beispielsweise auch die Quartiere Lind (120), Zinzikon (260), Heiligberg (130) oder Deutweg (710). Negativer Ausreisser ist das Seemer Quartier Waldegg (320, hohe negative Entwicklung: rot). Der Gürtel von Töss bis Wülflingen (430, 410, 620) hat sich, wie Sennhof (390) und einige andere Beispiele, leicht negativ entwickelt. Wichtig: Beide Grafiken zeigen nur die relative soziale Belastung und nicht die absolute.

Die «Arbeitsgruppe Soziale Stadtentwicklung» hat inzwischen Massnahmen angestossen, um Engpässe und Nutzungskonflikte anzugehen. Im Gutschick-Quartier beispielsweise stösst der Jugendtreff mit abends bis zu 80 Jugendlichen längst an seine Grenzen. Ein provsorischer Container soll zusätzlichen Platz schaffen, noch in diesem Jahr. Und in Sennhof ist die Mobile Jugendarbeit Mojawi inzwischen mit einem ausgebauten Bauwagen mit Küche und Spielanimation für Kinder vor Ort.

Die finanziellen Mittel sind bekanntlich begrenzt. Solch niederschwellige, kostenlose Freizeitangebote seien mehr als behelfsmässige «Pflästerli». So belebe man das Quartier, vernetze die Familien, untereinander und mit den Jugendarbeitern, sagt Katrin Bollinger, die Leiterin der Quartierentwicklung. Es gelte zu vermeiden, dass gewisse Quartiere in eine soziale Abwärtsspirale geraten und sich zu Orten entwickeln, denen das Etikett des Ghettos und der Perspektivlosigkeit kleben bleibe.

Töss, immer wieder Töss

Die zwei Grafiken rechts zeigen die soziale Belastung und deren Entwicklung in jedem statistischen Quartier. Von Töss zieht sich ein Gürtel bis nach Wülflingen, in dem die soziale Belastung zugenommen hat, vom Eichliacker beim Rieterareal über die Zürcherstrasse und die Schlosstalstrasse bis ins Oberfeld.

In Töss lebten 2012 besonders viele Arbeitslose, Sozialhilfefälle und Geringverdiener. Einen Trend hin zur «Verslummung» sprürte dort aber niemand. Ohnehin fällt auf, dass die Quartiervertreter die Lage als nicht dramatisch einschätzen. In Töss verweist man stolz auf die hübschen Ecken im Quartier: «Wir leben hier in einem kleinen Idyll, man kennt und grüsst sich, die Lebensqualität ist hoch», versichert Ursina Theus vom Quartierverein Eichliacker. Vor allem Altbauten und Mehrfamilienhäuser stehen in diesem Quartier, das sich zwischen den beiden Geleisen, das sich von der Storchenbrücke bis zum Rieterareal zieht.

Sehr wenig ältere Leute (65+) leben da, dafür überdurschnittlich viele junge Erwachsene zwischen 25 und 44 (37 Prozent), wie ein Blick auf den kantonalen Gis-Karten-Browser zeigt. Unaufgeregt fällt das Urteil auch auf der anderen Seite der Geleise aus. «Wenn, dann fallen hier nur einzelne Wohnhäuser ab». sagt Rosmarie Peter vom QV Töss-Dorf. Etwa die Stefanini-Blöcke an der Poststrasse, oder gewisse Häuser mit 1-Zimmer-Studios an der Zelglistrasse.

Die zwei Tössemerinnen sind sich einig: mit Abstand am grössten ist die soziale Belastung entlang dem knapp 500 Meter langen Streifen entlang der Zürcherstrasse. Hier ziehe hin, wer sonst nichts finde. Zu laut sei der Verkehslärm und zu schlecht die Luftqualität. Viele Bewohner sind hier zwischengelandet, die Fluktuation ist hoch. «So kommt man gar nicht erst an die Leute heran», sagt Peter. Mit knapp 53 Prozent ist der Ausländeranteil im Tössemer Teil der Zürichstrasse überdurchschnittlich hoch. «Das war schon immer so, aber nie wirklich ein Problem.»

Engere Kooperation gefordert

Die Zusammenarbeit mit der städtischen Quartierentwicklung funktioniere gut, weniger hingegen mit der Fachstelle Integration. Von ihr fühlte sich die Tösslobby vor den Kopf gestossen und wünscht sich einen regeren Austausch. Um die Fachstelle an einen gemeinsamen Tisch zu holen, wurde ein Sitzunggeld von 200 Franken fällig. Die Empörung war gross, später wurde das Geld wieder zurückbezahlt.

Rosmarie Peter blickt gespannt auf die Entwicklung ihres Quartiers. Vor dessen Toren sind mit dem Werk3 200 Mietwohnungen bald bezugsbereit. Es ist nicht das einzige Neubauprojekt entlang der Zürcherstrasse. Auch am anderen Tössemer Ende wurde ein Block mit 35 neuen 1- bis 2,5-Zimmer Wohnungen gesamtsaniert.

Viele Fragezeichen in Seen

Dunkelrot auf der Karte leuchtet das statistische Quartier Waldegg am westlichen Rand von Seen gelegen. Dort scheint die soziale Belastung zwar nach wie vor unterdurchschnittlich hoch (siehe Grafik oben), aber nirgends ist sie in den letzten Jahren stärker gestiegen, als im Quartier rund um die Waldegg- und Heinrich Bossard-Strasse und den Steinackerweg. Im Alltag der Primarschule äussert sich dieser Negativ-Trend aber nicht.

«Im Gegenteil, das Schulhaussteinacker erlebe ich als äussert dynamisch, im positiven Sinn!», sagt Ruedi Ehrsam, der Präsident der Kreisschulpflege Seen-Mattenbach. Die Eltern, die mitgeholfen haben, den Pausenplatz mit einer Balancierbrücke samt Schwebebalken aufzuwerten, seien das beste Beispiel dafür. Bei der Stadtentwicklung kann man sich den Ausreisser «Waldegg» auch nicht erklären.

Weiter fällt auf, dass mit dem Waser und Büelwiesen (310, 315) bei zwei weiteren Quartieren um den Seemer Dorfkern die soziale Belastung über Gebühr gestiegen ist. Beim Ortsverein reagiert man verblüfft. «Ich persönlich nehme Seen als privilegierten Stadtteil mit sehr guter Infrastruktur und einem ausgeglichenen Bevölkerungsmix wahr und würde nie von hier wegziehen», sagt dessen Präsident Andy Mörgeli. Er warne vor «Pauschalurteilen» und gehe davon aus, dass – wenn überhaupt – man auf «hohem Niveau» jammern dürfe.

Wülflingen muss warten

Handlungsbedarf sähe man bei der Stadtentwicklung auch in Wülflingen. Seit Mitte 2015 musste man sich aber von den zwei Lupen-Quartieren Härti (Holzlegi, 670) und Oberfeld (620) abwenden, weil man Stellenprozente abbauen musste.

Das nächste Sozialmonitoring für den Zeitraum zwischen 2012-2016 wird 2018 erhoben.

(landbote.ch)

Erstellt: 30.05.2016, 12:31 Uhr

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