Kinderuni

«Kinder stellen extrem gute Fragen»

Laura Baudis (49) ist Physik-Professorin an der Universität Zürich. Im Dezember erklärt sie 300 Primarschülern an der Kinderuniversität die Geheimnisse der Milchstrasse.

Laura Baudis ist eine der führenden Forscherinnen zu dunkler Materie.

Laura Baudis ist eine der führenden Forscherinnen zu dunkler Materie. Bild: Dominique Meienberg

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Der Titel Ihres Referats lautet «Warum fliegt die Milchstrasse nicht auseinander?» Warum eigentlich nicht?
Weil es eine andere Art von Materie gibt, die wie Klebstoff wirkt und alles zusammenhält. Diese Materie können wir aber weder sehen noch spüren.

Sie sprechen von der sogenannten dunklen Materie, zu der Sie seit über 20 Jahren forschen. Wie wollen Sie Kindern etwas erklären, dass man weder sieht noch spürt?
Wir sehen mit unseren Augen nur Objekte, die Strahlung emittieren, reflektieren oder absorbieren. Das heisst aber nicht, dass es in unserer Welt nur diese Objekte gibt.

Wie meinen Sie das?
Stellen Sie sich einen vollkommen dunklen Raum vor, Sie sind auf einer Party, der Raum ist voll mit Menschen, aber Sie sehen nur die Menschen, die eine Lampe tragen. Von der Existenz der anderen wissen Sie erst, wenn Sie im Dunkeln mit ihnen zusammenstossen. Wir brauchen also indirekte Methoden, mit denen wir die Existenz dieser Materie nachweisen können. Wir lassen sie mit Atomen oder Molekülen kollidieren. Dabei entstehen Lichtblitze, die wir messen.

Zurück zum Sichtbaren: Woher kommt eigentlich dieser farbige Nebel der Milchstrasse?
Das sind Sterne, Gaswolken oder zum Beispiel planetarische Nebel. Leuchtet ein Gebiet blau, heisst das, dass dort gerade neue Sterne entstehen. Das Licht dieser jungen Sterne ist kurzwelliger, darum hat es diese Farbe.

Sie werden vor 300 Viert- bis Sechstklässlern sprechen. Welches Publikum ist herausfordernder: die Primarschüler oder eine Gruppe von Experimentalphysikerinnen?
Primarschüler sind eine Herausforderung, weil man bei ihnen wenig Wissen voraussetzen kann. Gymnasiasten kennen vielleicht schon die Grundprinzipien der Teilchenphysik. Ich habe vor ein paar Jahren an der Kinderuniversität in Zürich referiert, das musste ich mir schon überlegen, wie ich das verständlich erklären kann.

Wie sind Kinder als Zuhörer?
Die 500 Kinder waren extrem aufmerksam und ruhig. Nach der Vorlesung hatten sie sehr, sehr viele Fragen. Das ist der grosse Unterschied zu Erwachsenen.

«Kinder trauen sich, auch Fragen zu stellen, bei denen Erwachsene denken, dass sie die Antwort wissen sollten.»Laura Bundis, Physik-Professorin Universität Zürich

Kinder sind neugieriger.
Ja, und Kinder fragen total angstfrei. Nach meiner Vorlesung haben sie zwei lange Schlangen gebildet und mir über eine Stunde Fragen gestellt. Sie trauen sich, auch Fragen zu stellen, bei denen Erwachsene denken, dass sie die Antwort wissen sollten. Das sind teilweise extrem gute Fragen.

Zum Beispiel?
In der Vorlesung habe ich von der Gravitation gesprochen, erklärt, warum der Apfel auf die Erde fällt und wie die Erde in ihrer Umlaufbahn gehalten wird. Ein Kind fragte danach, wieso die Erde eigentlich nicht in die Sonne fällt, wenn die beiden voneinander angezogen werden.

Warum?
Es hat mit den Gesetzen der Bewegung zu tun. Aber das erkläre ich dann in der Vorlesung im Dezember.

«Die Kinder bekommen hier Themen vermittelt, die in der Schule nicht behandelt werden.»

Sie sind eine der führenden Forscherinnen auf Ihrem Gebiet. Warum nehmen Sie sich die Zeit, sich für die Kinderuni zu engagieren?
Mir ist wichtig, dass man Kinder schon früh für Physik oder Chemie begeistert. Meine Tochter kann sich heute noch an die Kinderuniversität erinnern. Die Kinder bekommen hier Themen vermittelt, die in der Schule nicht behandelt werden. Ich kenne keine Schule, an denen Schüler etwas zur dunklen Materie lernen. Es ist eine gute Gelegenheit, in Forschungsgebiete hinein zu sehen und ein späteres Berufsfeld zu entdecken.

An der Kinderuni sind Mädchen genauso an wissenschaftlichen Themen interessiert wie Buben. Trotzdem sind immer noch deutlich weniger Frauen später auf diesem Gebiet tätig.
Oft sagen Mädchen, dass sie sich nicht für die Physik interessieren oder es zu schwierig finden. Sie können das aber genauso gut wie Jungs. Es braucht mehr weibliche Vorbilder, die zeigen, was möglich ist. Aber die Schulen müssen sie auch besser abholen.

Inwiefern?
Es gibt viele Mädchen, die sich für Astronomie begeistern. Wenn man das häufiger und früher in der Schule unterrichtet, kann man sie später besser für Physik begeistern.

Für die Kinderuniversität sind noch wenige Plätze frei. Anmelden kann man sich unter: ngw.ch/kinderuni

Erstellt: 04.10.2019, 17:50 Uhr

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