Winterthur

Liebe auf den zweiten Ton

Launige Moderationen, schräge Töne und ein offenes Mikrofon: Der Stadtfilter hat sich den letzten 10 Jahren als Kulturradio etabliert.

Seit 10 Jahren ständig «on air»: Die Stadtfilter-Redaktorinnen und -Redaktoren blicken auf die besten Momente zurück. Video: Fabian Röthlisberger/Till Hirsekorn

2009 ging Radio Stadtfilter mit einer nicht kommerziellen Konzession des Bundes «on air». Aus der «Bieridee», aufgepoppt im Restaurant Widder, ist ein etabliertes alternatives Kulturradio geworden, wie es in jede grössere Stadt gehört. Und heute, 10 Jahre und Tausende Sendestunden später auf der Frequenz 96,3? Ist der Stadtfilter gereift und hat ein bequemes Bierbäuchlein angesetzt? Oder ist er jung und spritzig geblieben und nach wie vor ein bisschen «es Radio a d Schnure, Mann?», wie eine Kinderstimme in einem Jingle kichernd fragt?

Hoch das Bein für 10 Jahre Stadtfilter: Der harte Kern um Fabio Müller, Oriana Ziegler, Sinnikka Jenni, Dominik Dusek und Julia Toggenburger (hinten), Laura Serra (Mitte) und Simeon Thompson. Foto: M. Schoder

Fest steht, bei Stadtfilter kommt als Ausbildungs-, Mitmach- und Kulturradio mit professionellem Grundgerüst vieles zusammen: süffige Moderationen, aber auch viele «Ähs» und «Mmhs». Schräge Mucke und viele Trouvaillen. Bissige Recherchen und gleichgültiges Geplapper. In den 10 Jahren ist einiges hängen geblieben. Eine Annäherung in Stichworten.

DAS MEGAFON

Das Stadtfilter-Markenzeichen schlechthin. Assoziiert man auch mit Kundgebungen und Fussball. Worum gehts wirklich?

Oriana Ziegler, Redaktion: «Um das, was uns wahrscheinlich ausmacht. Wer etwas zu sagen hat, wer seine Musik spielen will, wer in seiner Muttersprache kommunizieren will, der oder die kann das bei uns tun. Nicht ganz alles ist erlaubt. Aber vieles. Wir sind das Radio für die Minderheiten, für Winterthurer, die gerne ab vom Mainstream unterhalten werden.»

«Das kleine Radio Stadtfilter zeigt, dass mit Herzblut und Beharrlichkeit das Unmögliche möglich wird. Chapeau!» Andreas Mösli,
Geschäftsführer FC Winterthur

BESTE SENDUNG

«Morgomat», «Politur» oder «High Noon» sind Sendungen, die auch Gelegenheitshörer kennen. Aber den «Traurigen Samstag», «Night Flight» oder «K.K.K»? Was ist oder war das beste der fast 90 verschiedenen Formate?

Fabio Müller, Redaktion: «Sehr schwer zu sagen! Die Magazinsendung ‹Nerdfunk› beschäftigt sich mit digitalen Fragen. ‹Mühsam & Partner› stehen für die Unbegreiflichkeit des Seins. Sie diskutieren Themen aus Politik, Forschung und Unterhaltung mit professionellem Halbwissen. ‹Galaxy Space Night› ist seit über 20 Jahren auf diversen alternativen Lokalsendern und präsentiert das Neuste aus der elektronischen Klangwelt.»

ZUHÖRERZAHLEN

Es kann ein Vorteil sein, wenn man weiss, dass einem nicht die halbe Schweiz zuhört. Wie viele sind es tatsächlich?

Sinikka Jenni, Koordination: «In Stadt und Region erreichen wir rund 40 000 Hörerinnen und Hörer pro Tag. Anders als viele Radiostationen haben wir aber kein klassisches Hörerprofil.»

In «Der Ball ist Rundfunk» werden alle Spiele des FCW live übertragen. Foto: Reto Oeschger

WINTI-BANDS

Lokale Bands rauszufiltern und zu pushen, ist ein selbsterklärtes Ziel. Ziel erreicht?

Simeon Thompson, Musikredaktion: «Schweizer Musik macht etwa ein Fünftel unseres Musikprogramms aus, der Winterthur-Anteil ist da sehr hoch. Bei Stadtfilter konnten und können zahlreiche lokale Acts zum ersten Mal ihre eigene Musik im Radio hören, und die Karrieren vieler Künstlerinnen und Bands werden eng von uns begleitet, mit Interviews, Porträts, Konzertübertragungen, Berichterstattung und Rezensionen.»

«Für uns seit 10 Jahren liebgewonnenes Gegenüber abseits des Mainstreams.» Michael Breitschmid,
Kulturlokal Salzhaus

« ÄH..., MMH...»

Wenn im Radiostudio «on air» aufleuchtet, dann muss es fliessen. Bei routinierten Stadtfilter-Originalen wie Laura Serra, Andrew Wolfensberger (ex) oder Julia Toggenburger sprudelt es dann auch. Bei den «alternativen» Radiomacher wiederum...

Oriana Ziegler: «Es gibt die, die sich jede Moderation aufschreiben. Mit Punkt und Komma. Andere moderieren komplett spontan, was auch mal nicht so toll klingen kann. Eine gute Moderation ist sehr schwierig. Wir streben nicht nach Perfektion. Unsere Moderationen sollen eins sein: nicht langweilig, unterhaltend, anders, imperfekt, lustig, authentisch. Mal bleibt das Mikrofon offen, wenn es nicht sollte. Manchmal wird geflucht. Manchmal gibt es mentale Blackouts. Macht nichts, es gehört dazu, und auch zu uns!»

GUTE MUSIK ODER SCHRÄGE MUCKE?

«Meine Coiffeuse findet den Stadtfilter zwar cool, aber soundmässig etwas too much für die Kunden.» Weshalb sie es eben doch nicht laufen lasse, erzählt ein Hörer.

Simeon Thompson: «Die Musik, die auf Stadtfilter läuft, ist immer gut, Punkt. Aber sie ist auch sehr oft schräg. Unsere Musikauswahl ist bewusst breit gehalten, reichlich mit neuen Entdeckungen und alten Kuriositäten ausgestattet. Was ‹alternativ› genau ist, ist heute schwieriger denn je zu sagen, und was genau den Charakter von Stadtfilter ausmacht, müssen unsere Hörerinnen sagen. ‹Gut› und ‹schräg› trifft es gar nicht so schlecht.»

Zum Polizei-Einsatz an der Standortfucktor-Demo 2013 berichtete der Stadtfilter kritisch. Foto: hd

DIE KOLLEGEN VOM «TOP»

Hält man zusammen? Beschnuppert man sich, grüsst sich höflich oder geht ganz auf Distanz auf dem Radioplatz Winterthur? Wer schaut hier auf wen herab?

Oriana Ziegler: «Die Berührungspunkte sind minim. Unsere Hörerschaft und Ausrichtung ist komplett anders. Aber während der No-Billag Kampagne haben uns die Top-Medien fest unterstützt. Günter Heuberger himself betonte immer wieder, wie wichtig die Vielfalt und die komplementären Radios für die Schweiz sind. Das hat uns sehr gefreut.»

PRAKTIKANTEN

Seine Praktikanten nimmt das Stadtfilter-Team eng an die Hand, schmeisst sie aber auch gerne ins kalte Wasser. Selbst bei den letzten Bundesratswahlen berichtete eine Praktikantin live vor Ort.

«10 Jahre wache Sendungsmacherinnen und Praktikantinnen, die in der Medienlandschaft ihre Spuren hinterlassen - mehr davon!» Liselotte Tännler,
Radioschule klipp+klang

Oriana Ziegler: «Wir sind ein Ausbildungsradio mit sechs Praktikantinnen und Praktikanten pro Jahr. Das Spektrum ist sehr breit: Mal hatten wir eine Lehrerin, die Radioluft schnuppern wollte. Dann eine extrovertierte Schauspielerin, mit einem unglaublichen Gespür für Menschen. Viele Journalismus-Studenten machen bei uns halt. Seit diesem Jahr können wir das Praktikum auch bezahlen. Das freut uns sehr. So können wir die tolle Arbeit, die diese Menschen leisten, auch anerkennen. Übrigens: Wir suchen laufend neue Talente!»

ALTERNATIV

Der Duden sagt: «Eine Haltung, Einstellung vertretend, die besonders durch Ablehnung bestimmter gesellschaftlicher Vorgehens- und Verhaltensweisen Vorstellungen von anderen, als menschen- und umweltfreundlicher empfundenen Formen des Zusammenlebens zu verwirklichen sucht.» Stadtfilter sagt...

Interviews, Reportagen, Konzerte: Musikfestwochen-Zeit ist Stadtfilter-Zeit. Foto: PD

Fabio Müller: «Bei uns hört das Publikum eine Vielzahl von Stimmen in diversen Sprachen. Von Laien bis zu professionellen Moderatorinnen. Radio Stadtfilter ist in erster Linie ein Verein, der allen offensteht. Im herkömmlichen Tagesprogramm gibt es keinen Pietro Lombardi oder Rihanna dreimal zu hören. Auch lokale Musikschaffende kommen bei uns nicht zu kurz. Stadtfilter – Liebe auf den ersten Ton!».

Radio Stadtfilter wird 10 Jahre alt. Winterthur sagt: Happy Birthday! Video: Marco Huwyler/Till Hirsekorn

10 Jahre Radio Stadtfilter-Party, heute Samstag, Gaswerk. 14.00-17.30 Uhr: Live-Radio für Gross und Klein. Ab 20 Uhr: Konzerte und DJs. www.stadtfilter.ch.

(Der Landbote)

Erstellt: 01.03.2019, 15:06 Uhr

Eigentlich schon ein Teenager: Ein paar Zahlen und Fakten

10 Jahre Radio Stadtfilter auf 96,3 MHz. Wo kommt es her, wo geht es hin?

2005 ging Radio Stadtfilter erstmals mit einem Sendemonat «on air», 2009 erhielt es mit 96,3 MHz (auch DAB+) eine feste Frequenz und sendet seither als 24-Stunden-Radio aus dem Volkarthaus an der Turnerstrasse. Der Verein ist Mitglied beim Verband nicht kommerzieller Radios in der Schweiz (Unikom). Geführt wird der Betrieb vom Verwaltungsrat der Radio Stadtfilter AG.

Fix in der Redaktion arbeiten heute acht Leute und ein bis zwei Praktikanten. Hinzu kommen gegen 200 freiwillige Sendungsmacherinnen und -macher, was sich in der Vielfalt des Radioprogramms widerspiegelt. Dieses umfasst Information und Unterhaltung (z.B. Morgomat, High Noon, Der tote Rettich (Film), Politur oder Tinnitus (Jugend)), Musiksendungen (About Rap, Das Album, Hörprobe oder Paralleluniversum), spezielle Formate (Kamingespräche) oder fremdsprachige Formate (Hola Suiza, Azzurro, Hrvatski Zvuci, Weltempfänger). Gegen 40 000 Hörerinnen und Hörer (Stand 2011) schalten Stadtfilter täglich ein.

Derzeit erhält Radio Stadtfilter 530 000 Franken Gebührengelder pro Jahr. Wäre die No-Billag-Initiative vor einem Jahr angenommen worden, hätte der Betrieb wohl eingestellt werden müssen. Die Radiolandschaft ist im Wandel. Derzeit wird ein neues Bundesgesetz über elektronische Medien erarbeitet, und per 2024 wird schweizweit komplett auf den digitalen Standard DAB+ umgestellt. (hit)

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