Porträt

Lieber Winterthur beschreiben als einen Tatort erfinden

Die Anwältin Eva Ashinze schreibt abends Krimis, die in Winterthur spielen. Im dritten wird ein 15-jähriger Schüler ermordet. Ashinze ist neue «Tribüne»-Autorin des «Landboten».

Ihre Beobachtungen über das Stadtleben wird Eva Ashinze in ihre Kolumnen einfliessen lassen. Hier überquert sie mit Bob die Neustadtgasse. Foto: Madeleine Schoder

Ihre Beobachtungen über das Stadtleben wird Eva Ashinze in ihre Kolumnen einfliessen lassen. Hier überquert sie mit Bob die Neustadtgasse. Foto: Madeleine Schoder

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Wir sitzen in der grossen und hellen Wohnküche und werden von Bob nicht gestört. Das ist nicht selbstverständlich. Der junge Hund aus dem Tierheim, der seit drei Monaten hier wohnt, bellt sonst gerne den Besuch an. Hier, am langen Küchentisch, schreibt Eva Ashinze abends auf dem Laptop ihre Krimis. Aschenbecher stehen keine herum, auch nicht leere Weinflaschen: Bei Moira van der Meer sähe es anders aus.

Ihre Protagonistin ist Anwältin wie sie. Ein Selbstporträt ist die Figur aber nicht: «Ich wäre gerne mehr so wie sie», sagt Ashin­ze. Zum Beispiel so schlagfertig: «Mir fallen die guten Antworten immer erst eine Viertelstunde später ein.»

Kinder legten das Veto ein

Ab Mai ist Eva Ashinze neu eine der Autorinnen der «Tribüne», die samstags im «Landboten» erscheint, als Nachfolgerin von Lara Stoll. Beobachtungen über das Stadtleben möchte sie darin anstellen. Ebenfalls mit einfliessen soll, was sie als Anwältin erlebt. Sie weiss auch schon, worüber sie nicht schreiben darf: Ihre Kinder wollten in den Kolumnen «auf keinen Fall» vorkommen.

Moira van der Meer, die Anwältin aus dem Buch, neigt zur Ungeduld. Gerät das Gespräch ins Stocken, zündet sie sich eine Zigarette an, abends trinkt sie viel Rotwein, um die Einsamkeit auszuhalten. Und um die Gedanken an den Fall zu ertränken, den zu lösen sie sich vorgenommen hat, auch die Schuldgefühle, die hochkommen, wenn sie an ihre vor 25 Jahren verschwundene Schwester denkt. Ungeduldig sei sie auch, sagt Ashinze. Aber man sehe es ihr nicht an. Tatsächlich: Sie ist zurückhaltend und hat Zeit, sie antwortet freundlich und überlegt und gerät nie ins Plaudern, holt nie weiter aus. Es scheint ihr auch nichts auszumachen, wenn man sie unterbricht, weil man etwas genauer wissen möchte. Oder wenn man findet, es sei klischiert und dem Fernsehen abgeschaut, wie sich «die Medien» in ihrem dritten Buch in den Mordfall verbeissen.

Wie kann man an diesem Tisch, an so einem offenen Ort schreiben? So still ist es in der Maisonette-Altstadtwohnung nicht immer, die beiden Kinder sind an diesem Nachmittag in der Schule. «Ich habe es gerne, wenn etwas läuft rundherum.» Die Tochter, die in die erste Klasse geht, schläft dann ja schon. Der Sohn geht in die Oberstufe. Ihn nerve es allerdings manchmal, wenn sie keine Zeit für ihn habe. Bei der Betreuung der Kinder helfen ihr Mann, der Deutschlehrer ist, und ihre nahe wohnenden Eltern mit.

Drachenschuppen auf den Neumarkt gemalt

Eva Ashinze wurde 1975 in Winterthur geboren und ist teilweise hier aufgewachsen. Sie erinnert sich an die Zeit, als die Steinberggasse noch als Parkplatz diente. Bei der Umwandlung in eine Fussgängerzone konnte man auf der ganzen Länge des Platzes, bis zum Neumarkt hin, farbige Drachenschuppen malen. Die Mutter war Pfarrerin, ist pensioniert, der Vater war Kaufmann und handelte mit Schweizer Markenuhren – die er nach Afrika verkaufte.

«Ich lese generell viel, seit ein paar Jahren vor allem Krimis.»Eva Ashinze

Afrika taucht im Leben von Eva Ashinze und in ihren Büchern immer wieder auf. Ihr erster Ehemann stammte aus Nigeria, seinen exotisch klingenden Nachnamen hat sie behalten; der Vater von Moira van der Meer stammt aus Afrika und scheint über wahrsagerische Fähigkeiten zu verfügen. «Die Leser mögen das», sagt Ashin­ze. Verglichen mit einer afrikanischen Grossstadt wie Lagos verläuft das Leben in Winterthur meditativ. «Sehr heiss und feucht» war das Klima in der nigerianischen Hauptstadt, wie Ashin­ze bei einem Besuch feststellte. «Und extrem laut, ständig ist Besuch da, alle kommen einfach vorbei, es war sehr anstrengend.»

Schreiben als lange gehegter Traum

Schreiben wollte sie schon als Kind, schon immer hat sie Leute bewundert, die gute Bücher schreiben und auch noch davon leben können. Die Literaturnobelpreisträgerin Alice Munro fällt ihr ein, Jonathan Franzen und Philip Roth. Als Teenager verschlang sie Jane Austen und Henry James. «Ich lese generell viel, seit ein paar Jahren vor allem Krimis.» Die Bücher des Australiers Garry Disher etwa; spannend findet sie auch die Krimis von Malla Nunn, die zur Zeit der südafrikanischen Apartheid spielen.

Bereits während des Studiums schrieb Ashinze Romane, sie wurde damit aber nicht fertig. Ihr habe die Disziplin gefehlt. Und mit dem ersten Buch, das sie zu Ende schrieb, war sie nicht zufrieden, trotz des Lobes einer Freundin. Seit einigen Jahren klappt es nun. «Krimis zu schreiben, ist einfacher als psychologische Romane: Man hat einen Mord, und dann geht es zielgerichtet weiter bis zur Auflösung.»

Der erste erschien 2015. Der dritte, «Ein gefährliches Alter», handelt vom rätselhaften Tod eines 15-jährigen Schülers und verknüpft geschickt zwei Zeitebenen, die einander immer näher kommen. Die Dialoge sind spritzig, die Dramaturgie stimmt, die Figuren sind einfühlsam geschildert. Vieles ist realistisch dargestellt: drei eng befreundete Mädchen, die Welt der Teenager mit ihren aufkeimenden Gefühlen und Rivalitäten, eine fatale Mutter-Tochter-Beziehung aus dem christlichen Milieu, eine Anwältin, die mit ihrer Vergangenheit ins Reine zu kommen sucht.

Realistisch ist insbesondere der Schauplatz: Die Handlung spielt in Winterthur, der Mord passiert auf dem Platz des St.-Georgen-Schulhauses. Auch das mögen die Leser, sagt Ashinze. «Wenn sie durch die Stadt gehen, erkennen sie die Orte wieder.» Einen anderen Handlungsort zu wählen oder gar einen zu erfinden, käme ihr sinnlos vor. «Wenn es das alles nicht wirklich gibt, finde ich es nicht interessant.» Ihr fertiges Buch wurde als Erstes vom Lektorat des Verlags beurteilt; ihr Mann las es erst nach dem Erscheinen.

Strafrecht als Lieblingsdisziplin

Ein halbes Jahr schreibt Ashinze an einem Buch. Danach braucht sie eine Pause. Tagsüber arbeitet sie als Anwältin, morgens in ihrer Kanzlei an der Schaffhauserstrasse, wo sie ihre Klienten empfängt, nachmittags zu Hause. Hauptsächlich ist sie – «marktbedingt», wie sie sagt – im Bereich Familienrecht tätig, wo es um Scheidungen und Trennungen geht. Zweitens im Bereich Migrationsrecht und drittens im Strafrecht. Mit Letzterem beschäftigt sie sich am liebsten.

Eltern, die gegen alle Einwände resistent sind

Die Klienten füllen drei A4-Seiten, etwa zwanzig Fälle laufen parallel, oft über lange Fristen, das Recht ist ein Rad, das langsam dreht: «Manchmal passiert ein halbes Jahr nichts.» Zurzeit macht sie eine Ausbildung als Kinderanwältin. Es gebe Eltern mit einem «Tunnelblick», die gegen alle Einwände resistent seien oder nicht wollten, dass der andere Elternteil das Kind auch betreuen dürfe. Da möchte Ashin­ze lieber die Interessen des Kindes wahrnehmen.

Als Anwältin muss sie grundsätzlich die Sichtweise des Klienten vertreten und ihre persönliche Meinung zurückhalten. Allerdings kommt es auch vor, dass sie einem Delinquenten, wenn alle Fakten gegen ihn sprechen, zureden muss, die Tat zuzugeben. Es gab auch schon Fälle, die sie im Nachhinein lieber nicht übernommen hätte. Trotzdem sollte sie die Sache dann zu Ende führen. Laut den Standesregeln der Anwälte dürfe man ein Mandat nicht «zur Unzeit» abgeben.

Bis zum Schluss des Gesprächs bleibt Bob unauffällig, wir haben ihn schon längst vergessen. Dafür wird er nun gelobt und wedelt mit dem Schwanz.

Die erste «Tribüne» von Eva Ashin­­ze erscheint am 4. Mai. Ihr Krimi «Ein gefährliches Alter» (Orte-Verlag) ist in den Winterthurer Buchhandlungen erhältlich. (Landbote)

Erstellt: 23.04.2019, 17:51 Uhr

Eva Ashinze. (Bild: mas)

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