Sprachschule

Migros drängt Gehörlosen vom Markt

Andreas Juon schliesst seine Schule für Gebärdensprache. Die Migros Klubschule grub ihm plötzlich das Wasser ab – mit Unterstützung des Gehörlosenbundes, der eigentlich Betroffene wie Juon fördern möchte.

Seine Gebärdensprachkurse bauten Barrieren ab: Jetzt muss Andreas Juon aufhören.

Seine Gebärdensprachkurse bauten Barrieren ab: Jetzt muss Andreas Juon aufhören. Bild: Johanna Bossart

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Für Andreas Juon war die Nachricht ein Schock, und er wusste sofort, dass es nicht einfach wird: Vor zwei Jahren kündigte die Migros Klubschule an, testweise Kurse für Gebärdensprache in Winterthur anzubieten.

Juon, 41 Jahre alt und gehörlos, gibt seit 14 Jahren solche Kurse und hat sich mit seiner Schule selbstständig gemacht. Seither hat er in 310 Kursen etwa 2100 Besucherinnen und Besucher verzeichnet. Er schulte Familienangehörige von Gehörlosen, Vorgesetzte und Kollegen mit Gehörlosen im Team, Fachleute wie Lehrpersonen und andere interessierte Personen. Neben der Sprache lernten sie Wissenswertes zur Gehörlosenkultur.

Jetzt hört Andreas Juon auf – die Klubschule, die die Kurse mittlerweile ins reguläre Programm aufgenommen hat, ist eine zu grosse Konkurrenz. Hinzu kommt, dass sich immer mehr Menschen die Gebärdensprache mit Online-Videos aneignen. «Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe», übersetzt eine Gebärdensprachdolmetscherin Juons Gebärden im Kursraum an der Lindstrasse. «Aber ich schaue auch mit Enttäuschung zurück.»

Mit Kritik ist Juon vorsichtig, um nicht falsch verstanden zu werden. Denn dass mit den neuen Kursen mehr Menschen in Kontakt mit der Gebärdensprache kommen, sei ja sehr erfreulich, sagt er. Doch er stellt die Frage, warum dafür ausgerechnet der Standort Winterthur ausgewählt wurde, wo doch längst ein Angebot bestand, dazu noch von einem Betroffenen. In vielen anderen Städten gibt es laut Juon keine Gebärdensprachkurse.

«Ich bin ja auch gehörlos»

Pikant: Die Klubschule-Kurse finden in Kooperation mit dem Schweizerischen Gehörlosenbund, der Dachorganisation der Gehörlosenselbsthilfe, statt. «Das Ziel des Gehörlosenbunds ist es, Gehörlose zu fördern», sagt Juon. «Aber ich bin ja auch gehörlos. Ich denke nicht, dass es im Sinne der Spenderinnen und Spender ist, wenn die Aktivitäten des Dachvereins mich nun zur Geschäftsaufgabe zwingen.»

Jeder zehnte ist ohne Arbeit
Gehörlosigkeit ist kein Grund für eine IV-Rente. Gehörlose müssen sich auf einem Arbeitsmarkt bewähren, der in der Regel auf Hörende ausgelegt ist. Der Gehörlosenbund weist darauf hin, dass es oft nur kleine und von der IV finanzierte Anpassungen am Arbeitsplatz braucht, damit Hörbehinderte ihre Fähigkeiten einbringen können. In der Schweiz leben rund 10 000 Menschen, die gehörlos oder sehr stark schwerhörig sind. Schätzungen zufolge ist jeder Zehnte arbeitslos.(jig)

Beim Gehörlosenbund heisst es auf Anfrage, man bedauere sehr, dass Andreas Juon keine andere Möglichkeit als die Schliessung sieht. «Die Gebärdensprachschule in Winterthur hat anerkanntermassen für die Gebärdensprachausbildung Pionierarbeit geleistet», sagt der SprecherBeat Holdener.

«Ich denke nicht, dass es im Sinne der Spenderinnen und Spender ist, wenn die Aktivitäten des Dachvereins mich nun zur Geschäftsaufgabe zwingen.»Andreas Juon

Die Migros Klubschule Ostschweiz habe im Jahr 2017 auf eigene Initiative Kurse in St. Gallen geplant, was zur Zusammenarbeit mit dem Gehörlosenbund führte. «Weil in St. Gallen nicht genügend Gebärdensprachausbilderinnen die Anforderungen erfüllten, entschied die Migros, den Kurs in Winterthur anzubieten», sagt Holdener. Da die Migros Klubschule über ein grosses Know-how in Sprachvermittlung und eine professionelle Infrastruktur verfüge, erreiche man mit ihr als Partnerin eine viel grössere Öffentlichkeit. «Verständlicherweise tut sie das an ihren Schulungsorten, wo ein ausreichendes Interesse besteht.»

Angebot wächst

Laut einer Klubschule-Sprecherin hat sich das Angebot in Winterthur bewährt. Derzeit bietet sie fünf Kurse auf zwei Stufen an. Das Programm wurde auf Wetzikon und St. Gallen ausgeweitet.

Dass es in anderen Städten noch keine Angebote für Gebärdensprache gäbe, sei völlig falsch, sagt Holdener. Man sei überzeugt, dass mehrere Anbieter in einer Region die Nachfrage eher beflügeln und es auch für private Lehrpersonen Möglichkeiten gibt. «Gebärdensprachkurse entsprechen im Moment einem grossem Bedürfnis.»

Die Geschichte von Andreas Juon zeichnet ein anderes Bild. Er ist jetzt daran, seine Schule zu räumen. Der dreifache Familienvater ist weiterhin in einem 50-Prozent-Pensum bei der Organisation «Sichtbar Gehörlose Zürich» und zieht jetzt eine Neuorientierung in Betracht. Das Kapitel Schule schliesst er ab: «Ich möchte mich in dieser schwierigen Situation nicht mehr verausgaben, sondern meine Kräfte für etwas Neues einsetzen.»

Erstellt: 03.12.2019, 15:58 Uhr

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