Sommerserie

«Nun wünschen sich auch Zürichsee-Gemeinden Genossenschaften herbei»

Der Architekt Andreas Wirz berät zahlreiche Genossenschaften, auch in Winterthur. Im Interview spricht er über seine Zeit in der Häuserbewegung, Fehler des Stadtrats und wie viel Raum ein Mensch benötigt.

Ist so etwas wie der «Mr. Genossenschaft»: Andreas Wirz vor dem alten Busdepot.

Ist so etwas wie der «Mr. Genossenschaft»: Andreas Wirz vor dem alten Busdepot. Bild: Nathalie Guinand

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Herr Wirz, seit Jahrzehnten befassen Sie sich mit gemeinnützigem und genossenschaftlichem Wohnen, wie kam es dazu?
Ich war ein junges 80er-Jahre-Kind in der Stadt Zürich und erlebte eine reformierte, enge Stadt. Das war gesellschaftlich so beklemmend, dass man fast keine Luft kriegte. So wurde ich Teil des Aufbruchs, später Teil der Häuserbewegung.

Sie waren ein aktiver Besetzer?
Nicht direkt, aber ich habe in manchen Häusern verkehrt und hatte viele Freunde da. Dazwischen studierte ich Architektur, fand dann aber auf Grund der damaligen konjunkturellen Lage nicht gleich einen Job und hatte viel Zeit mich mit Ideen für neue Wohnformen, wie sie in diesen Häusern gelebt wurden, auseinanderzusetzen.

Wie sah dieses Leben aus?
Das waren Grosshaushalte verschiedenster Ausprägung, die es vorher so noch nirgends gegeben hatte. Eigentliche Experimentierlabors für das Zusammenleben. Viele von uns waren an Wohnformen ausserhalb des klassischen Familienmodells interessiert.An einem Ort bewohnten wir in einer Gruppe von 25 Leuten ein Haus mit lediglich einer Küche, welches heute noch so bewohnt wird. In den 90er Jahren konnte es dank der damals zur Spekulationsbekämpfung neu gegründeten städtischen Stiftung PWG übernommen und legalisiert werden.

Und das Zusammenleben hat funktioniert?
Ja, sogar sehr gut. Es war ja auch nützlich, weil über die geteilte Hausarbeit Ressourcen für anderes frei wurden. Aus diesen Wohnerfahrungen heraus entwickeln wir heute mit meiner Firma Archipel genossenschaftliche Wohnprojekte. Viele davon verfolgen einen partizipativen Ansatz.

«Es hat sich gelohnt, dass wir mit der ‹bösen Welt› zusammenzuarbeiten begannen»

Diese Partizipation bedeutet ja auch immer: Viele Diskussionen, noch mehr Kompromisse. Verleidet einem dies nicht irgendwann?
Mir nicht, ich finde das immer spannend. Es ist wie ein gemeinsames «Kneten», irgendwann findet man zu einer Form. Meine Erkenntnis ist, dass das Wohnprojekt danach intelligenter und vielfältiger wird. Bedingung ist, dass sich niemand bloss selbstverwirklichen will.

Mitte der 90er-Jahre waren Sie dann Mitgründer der Zürcher Genossenschaft Kraftwerk1. Und statt Häuser zu besetzen, verhandelten Sie plötzlich mit der ehemaligen Waffenproduzentin Oerlikon-Bührle. Empfanden Sie das nicht als Verrat an Ihren Idealen?
Es war eine Gratwanderung, wir sprachen damals von einer «schmutzigen Utopie»: Wir wollten uns aber nicht in den Wald zurückziehen sondern ein Teil der Gesellschaft sein und sie damit verbessern, auch wenn wir dafür mit der «Waffenschmiedin» zusammensitzen mussten. Ich glaube rückblickend, es hat sich gelohnt, dass wir mit der «bösen Welt» zusammenzuarbeiten begannen. Auf die Revolution müssen wir ja auch weiterhin warten, aber mit jedem genossenschaftlichen Projekt wird dessen Boden der Spekulation entzogen. Das ist doch ein guter zwischenzeitlicher Kompromiss (lacht).

Heute betreuen Sie mit Ihrer Firma zahlreiche Genossenschaftsprojekte. In Winterthur das Gesewo-Projekt Ein Viertel in der Lokstadt, die Genossenschaft «zusammen_h_alt» sowie den geplanten Umbau des Depots Deutweg. Was reizt Sie an der Eulachstadt?
Mich fasziniert neben dem genossenschaftlichen Wohnen vor allem das urbane Setting. Wie können wir lebendige Erdgeschosse gestalten? Welche Nutzungen sind sinnvoll, damit ein lebenswertes Quartier entsteht? Wie schaffen wir vielfältige Lebensräume? Wie schaffen wir es, dass die Genossenschaften offen sind und Wohnraum für möglichst viele Menschen anbieten? Das interessiert mich.

«Das Verhältnis zwischen Arbeitsplätzen und Einwohnern stimmt nicht mehr»

Winterthur ist im Gegensatz zu Zürich keine Genossenschafts-Hochburg, weshalb nicht?
In Zürich haben sich Stadt und Genossenschaften vor rund hundert Jahren der grassierenden Wohnungsnot angenommen und halten heute einen Anteil von rund einem Viertel aller Mietwohnungen. In Winterthur haben das die grossen Industriefirmen teilweise selber gelöst, billigen Wohnraum zur Verfügung gestellt und noch ein Gärtchen davor angelegt - weil der Arbeiter da selber anpflanzte, konnte der Lohn tief gehalten werden. Und aktuell kann man sagen, dass die Wohnungssituation entspannter ist als in der Stadt Zürich. Die Winterthurer Genossenschaften sind darum tendenziell eher zurückhaltender mit ihren Wachstumsabsichten, um sich kein Leerstandsrisiko einzuhandeln. Sie halten rund 11% des Mietwohnungsbestandes.

Wo ist die Stadt gefordert?
Das Verhältnis zwischen Arbeitsplätzen und Einwohnern stimmt nicht mehr, viel zu viele Menschen müssen pendeln. Die Basis für Genossenschaften ist aber gut, der Stadtrat hat sich zum gemeinnützigen Wohnbau bekannt, es gibt einen Fonds und bei Gestaltungsplänen wird ein Anteil gemeinnütziger Wohnungen eingefordert.

Das war nicht immer so, früher versuchte man noch vor allem, Reiche anzulocken.
Das war ein untaugliches Konzept, das lange verfolgt wurde. Man hoffte auf das Steuergeld von reichen Zuzügern, dabei beanspruchen diese mehr Platz und generieren dadurch den kleineren Steuerertrag pro Hektar. Ein grosser strategischer Fehler war zudem, dass die Stadt das Sulzer-Areal nicht selber gekauft hat. Immerhin wurde mit dem Gestaltungsplan zum Werk1 vieles erreicht, auch für das gemeinnützige Wohnen.

Genossenschaften sind immer noch vor allem ein Städte-Ding, wann ändert das?
Die Entwicklung ist in vollem Gange. Wir sind beispielsweise in Illnau-Effretikon mit einem Altersprojekt vertreten. Auf dem Land sind Genossenschaften historisch weniger verankert. Aber es gibt nun auch Zürichsee-Gemeinden, die sich Genossenschaften herbeiwünschen, da die Einwohnerschaft viel zu homogen geworden ist. Die Vereine sterben aus und die Kinder sind alle in verschiedenen Privatschulen, da will man plötzlich ein paar «normale Genossenschafter» fürs Gemeindeleben.

«Ich bin überzeugt, dass man den wirklich privaten Raum ziemlich reduzieren könnte und nicht auf den Garten oder die Küche ausdehnen muss»

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie wohnten Sie als Kind?
Im Zürcher Kreis 6, in einem Reihenhaus. Das «Serielle» war befremdend, man hörte die Nachbarn zwar die ganze Zeit, aber sie waren hinter hohen Hecken versteckt. Das hatte aber wohl auch etwas damit zu tun, dass wir wenige Kinder waren und vornehmlich ältere Menschen an der Strasse wohnten. Heute zeigt sich das Bild dort jünger und lebendiger.

Ist das nicht einfach das Bedürfnis von vielen Menschen - die Privatsphäre Zuhause, einen Raum für sich haben?
Das mag sein, aber ich bin überzeugt, dass man den wirklich privaten Raum ziemlich reduzieren könnte und nicht auf den Garten oder die Küche ausdehnen muss. Es wäre ja denkbar, wie es in einigen Genossenschaften möglich ist, mit dem Nachbarn am gleichen Tisch Znacht zu essen. Plötzlich merkt man, wie interessant er ist. Oder man merkt, dass man sich eigentlich den Rasenmäher teilen könnte.

Wie leben Sie heute?
Ganz klassisch in einer 3,5-Zimmer-Wohnung. Ich habe lange in Grosshaushalten gelebt, bin aber aktuell wegen der vielen Projekte zu wenig zu Hause, um mich genügend in eine Gemeinschaft einbringen zu können. Aber auch das kann sich wieder ändern.

Erstellt: 11.08.2019, 14:51 Uhr

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Der «Landbote» begegnet in dieser Sommerserie Menschen, die eine Mission oder eine Passion haben, in der sie voll und ganz aufgehen.

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