Winterthur

Palliative Care: Unterstützung über den Spitalaufenthalt hinaus

Am Samstag findet der Welt-Hospiz- und Palliative-Care-Tag statt. Seit zehn Jahren gibt es auch ein Zentrum für Palliative Care im Kantonsspital. Ein Besuch.

Alfonsina Moschetto möchte nicht mehr ins Spital zurückkehren. Sie bespricht mit ihrer Tochter und Palliative-Care-Fachpersonen den Behandlungsplan für zuhause.

Alfonsina Moschetto möchte nicht mehr ins Spital zurückkehren. Sie bespricht mit ihrer Tochter und Palliative-Care-Fachpersonen den Behandlungsplan für zuhause. Bild: Johanna Bossart

Die Palliativärztin setzt sich zur Patientin und fragt: «Wie geht es Ihnen, Frau Moschetto?»

Renate Grathwohl, stellvertretende Leitende Ärztin des Zentrums für Palliative Care im Kantonsspital Winterthur (KSW), besucht Alfonsina Moschetto gemeinsam mit dem Assistenzarzt und der spezialisierten Pflegefachfrau in ihrem Zimmer. Das Team ist auf Visite.

Mit allen Patientinnen und Patienten führt es ausführliche Gespräche, um herauszufinden, was für sie heute das wichtigste Anliegen ist. Für viele Anliegen werden weitere Fachpersonen beigezogen: der Sozialberater, die Ernährungsberaterin, die Kunsttherapeutin, der Seelsorger, die Physiotherapeutin oder der Psychoonkologe, zum Beispiel.

Alfonsina Moschetto hat heute nur einen Wunsch: Nach Hause zu gehen. «Mir geht es gut», sagt sie und lächelt. «Etwas müde bin ich, weil ich den Schlaf nicht fand vor lauter Aufregung darüber, dass ich heute nach Hause darf.»

Zum letzten Mal nach Hause

Alfonsina Moschetto verlässt das KSW nicht zum ersten Mal. Sie leidet an einer schweren COPD. Die Lungenkrankheit ist nicht heilbar und schränkt Moschettos Atmung immer stärker ein, ihre Atemwege entzünden sich ungewöhnlich schnell. Aber dieses Mal geht sie in der Hoffnung nach Hause, nie wieder ins Spital zurückzukehren. Darum hat das Zentrum für Palliative Care eine umfassende Betreuung für sie zuhause organisiert.

«Und wenn es sein muss, mache ich die Augen zu. Aber nicht allein. Ich habe meine Familie in der Nähe.»Alfonsina Moschetto
Leidet an der Lungenkrankheit COPD.

Hier auf dieser Station im roten Pavillon, die kürzlich ihr 10-jähriges Bestehen feierte, verbrachte die Patientin eine Woche. «Als Frau Moschetto zu uns kam, war sie in sehr schlechtem Zustand», erzählt Grathwohl. Moschetto war von ihrem Sohn bewusstlos ins Spital gebracht worden und fiel zeitweise in einen komatösen Zustand. Niemand hätte erwartet, dass sie sich so gut erholen würde, dass sie wieder nach Hause gehen könnte.

Nun sitzt die 63-Jährige in ihrem Rollstuhl und strahlt. Sie spricht von ihren erwachsenen Kindern und davon, wie die Liebe sie am Leben hält. Sie verpasst keine Gelegenheit, ihren Kindern zu sagen, wie sehr sie sie liebt. «Das muss gesagt werden! Man sollte nicht warten, bis es zu spät ist.»

Ihre Tochter und ihr Sohn werden Moschetto betreuen, wenn sie zuhause ist. Zudem bekommt sie regelmässig Besuch von der Spitex und dem Mobilen Palliative Care Team Winterthur (MPCT). «Es beruhigt mich sehr, dass ich diese Spezialisten um mich haben werde», sagt Moschetto. Ihre Wohnung ist rollstuhlgängig und soeben hat das KSW für sie ein Spitalbett organisiert.

In die Vorfreude auf die Heimkehr mischt sich aber auch ein wenig Angst. «Hier konnte ich jederzeit per Knopfdruck eine Fachperson rufen.» Dennoch zweifelt die Patientin nicht an ihrem Entscheid. In ihrer gewohnten Umgebung ihr Leben zu verbringen, so lange es noch dauert, ist ihr grosser Wunsch. «Und wenn es sein muss, mache ich die Augen zu. Aber nicht allein. Ich habe meine Familie in der Nähe. Das ist schön.»

Eine Akutstation, kein Hospiz

Auch wenn Alfonsina Moschetto nicht nach Hause wollte: Im Spital könnte sie nicht mehr lange bleiben. Das Zentrum für Palliative Care ist kein Hospiz und keine Pflegeinstitution, sondern eine Station im Akutspital.

Viele Menschen mit fortgeschrittenen Krankheiten stellen sich vor, dass sie zum Sterben hierherkommen könnten. Doch nur ein Teil der Palliativpatienten stirbt auf der Station. Die Leitende Ärztin des Zentrums, Christa Hauswirth, sagt: «Patienten mit solchen Erwartungen sind zuerst immer enttäuscht. Aber wenn wir früh mit ihnen darüber reden und die Möglichkeiten nach dem Spitalaufenthalt besprechen, dann erfahren wir sehr viel Verständnis.»

«Es geht darum,
zusammen mit den Patientinnen und ihren Angehörigen realistische Ziele zu finden.»
Christa Hauswirth
Leitende Ärztin des Zentrums für Palliative Care im KSW

Akute, hochkomplexe Beschwerden machen einen Spitalaufenthalt für Palliativpatienten manchmal nötig. Sobald die Situation stabil und eine Behandlung im Akutspital nicht mehr nötig ist, braucht es für sie aber ein anderes Setting. Die Organisation einer Anschlusslösung sei ein wesentlicher Teil der Behandlung, wobei die Sozialberatung Unterstützung biete, sagt Hauswirth.

Nicht leicht zu verstehen ist aus Patientensicht die Tatsache, dass die Behandlung im Spital von den Krankenkassen übernommen wird, ein Aufenthalt im Heim, im Hospiz oder mit umfassender Betreuung zuhause jedoch zu grossen Teilen von den Betroffenen selbst finanziert werden muss.

Hoffen auf gutes Lebensende

Alfonsina Moschetto sagt, sie sei schon auf fast allen Stationen im KSW gewesen. Ihre schwere COPD hat sie durch jeden Stock geführt. Nun möchte sie die verbleibende Lebenszeit zuhause verbringen. Dennoch sagt sie: «Auf der Palliativstation habe ich mich immer wohl gefühlt. Man ist mir mit viel Respekt und Herz begegnet, man nimmt sich Zeit und bespricht die Dinge gemeinsam.»

Hauswirth sagt: «Es geht darum, zusammen mit den Patientinnen und ihren Angehörigen realistische Ziele zu finden und die Hoffnungen zum Beispiel darauf zu lenken, Beschwerden so gut wie möglich in den Griff zu kriegen und eine gute Betreuung zu organisieren.»

Für Alfonsina Moschetto ist die Betreuung organisiert, ihr Zustand ist stabil: Sie fährt bald nach Hause. Zusammen mit ihrer Tochter und den Fachpersonen geht sie noch einmal den Behandlungs- und Notfallplan durch. Ihre Kinder sollen wissen, was in einer Notfallsituation zu tun ist.

Auf diese Weise kann hoffentlich eine weitere Spitaleinweisung verhindert werden. Gut versorgt und betreut soll sie, wenn die Zeit gekommen ist, zuhause sterben können. Auch darüber hat sie mit ihren Kindern gesprochen. «Es war für alle schmerzhaft, als ich eines Tages mit meiner Patientenverfügung kam und wir über alles redeten. Aber wir wissen heute: Wenn man darüber redet, wird es etwas leichter.».

Erstellt: 10.10.2019, 13:21 Uhr

«Der Tarif reicht nicht»

Die Spitalleistungen werden über das Fallpauschalen-System DRG (Diagnosis Related Groups) abgerechnet. Dieser Ansatz stellt die spezialisierte Palliative Care in der Schweiz vor Probleme.

«Der geltende Tarif ist leider nicht kostendeckend», sagt Christa Hauswirth, Leitende Ärztin des Zentrums für Palliative Care im KSW. «Das Betreiben einer Palliative-Care-Station ist zurzeit eine Grundsatzentscheidung eines Spitals, basierend auf der Haltung: Wir möchten unseren Patientinnen und Patienten auch dann die bestmögliche Behandlung bieten, wenn Heilung nicht mehr möglich ist», so Hauswirth.

Monika Obrist, Präsidentin des Verbandes «palliative ch», erklärt: «Das System orientiert sich an Diagnosen und damit am Ziel ‘Heilung’. Das passt mit dem Ziel der Palliative Care nicht zusammen und der Tarif kann die nötigen Leistungen im Bereich der spezialisierten Palliative Care schlecht abbilden.»

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