Architektur

Radikale Annäherung an Kirche und Licht

Die Sanierung des Neuapostolischen Kirchenzentrums durch das Winterthurer Büro Hinder Kalberer überrascht mit einer dunkelblauen Metallhülle. Im Sakralraum setzen das Licht und die Kunst neue Akzente.

Farbiger Akzent: Die Fenster schmückt ein Werk des Winterthurer Künstlers Nicola Grabiele.

Farbiger Akzent: Die Fenster schmückt ein Werk des Winterthurer Künstlers Nicola Grabiele. Bild: Enzo Lopardo

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Eigentlich wurde das unscheinbare Neuapostolische Kirchenzentrum an der Wülflingerstrasse bis vor kurzem schlicht übersehen. Das Architekturbüro Hinder Kalberer hat nun dem Ort für 5,3 Millionen Franken einen so starken Auftritt verschafft, dass das neugestaltete Pastoralzentrum sich sogar gegen das siebengeschossige Wohn- und Geschäftshaus gegenüber behaupten kann. Wie schafft man diese tiefgreifende Transformation, obschon die Bauvolumen in etwa die gleichen sind wie bei den Vorgängerbauten aus den 1950er Jahren? Und wie nähert man sich heute dem Sakralen im Raum an? Entsprechend diesen Fragen liegt der Fokus in diesem Text bei der architektonischen Gestaltung und werden Aspekte wie etwa die neue räumliche und funktionale Lösung der Infrastruktur vernachlässigt.

Eine überlegte Kühnheit ist den Architekten nicht abzusprechen, wenn sie am Rande des Villenquartiers «Eichgut» dem Ensemble eine einheitliche dunkelblau eloxierte Hülle aus kantig gefalteten Aluminiumpaneelen verpassen. Die auffällige Farbe und das Material sind hier fremd. Aber der Entscheid ist nachvollziehbar, weil es für die repräsentative Erscheinung und gegen den Verkehrsstrom in der Wülflingerstrasse zweifellos etwas Auffallendes braucht.

Licht und Spiritualität

Ein klarer geschnittenes Profil und Volumen hat auch der leicht abgesetzte Altarraum erhalten, indem ein schräg gegen den Himmel ragendes Pultdach das konventionelle Satteldach ersetzt. Zu recht spricht Alex Kalberer, der Projektverantwortliche, neu von einer Art «Turmelement». Zusammen mit dem Logo der Freikirche ergibt das eine kirchliche Anmutung. Zu ihr passt sogar die fein detaillierte Industrie-Ornamentik der alles umspannenden Metallfassade, und im wechselnden Licht spielt das tiefe Blau seinen Reichtum an Farbtönen aus – wie beim Faltenwurf der Madonna in mittelalterlichen Bildern. Solch christliche Farbreferenzen sind nicht mehr wirklich bekannt. Im Kircheninnern wird ein sakrales Motiv von den Architekten dagegen bewusst aufgegriffen. Es ist die Inszenierung des Lichteinfalls auf der Altarrückwand als subtile Lichtmystik. Auch in diesem Punkt war der nötige bauliche Eingriff nicht minder kühn und radikal. Zwei dominante Mauerelemente mussten zugunsten einer monochromen weissen Rückwand entfernt werden. Das Licht, das von oben durch das Pultdach einfällt, spielt darauf in wunderbaren Schattierungen und entmaterialisiert die weisse Mauer. Nicht das barocke Lichtdrama wird aufgeführt, eher wird - zusammen mit der allgemein helleren Farbskale – eine abstrakte Spiritualität geweckt.

Ein Paradiesgärtlein

Nicht nur bei diesem kontemplativen Anblick kommt dem Betrachter die amerikanische Kunst des Minimalismus in den Sinn. Die künstlerische Arbeit von Nicola Grabiele auf den vier hochstehenden Fenstern steht der amerikanischen Farbfeldmalerei der 1960er Jahre nahe. Befreit von der alten Sprosseneinteilung und dem wenig attraktiven Kathedralglas, ist das Glas wieder ein lichtdurchlässiger Bildträger. Der Winterthurer Künstler hat ein schlichtes Motiv gefunden: Im Zentrum ein liegendes Rechteck in Van-Gogh-Gelb, darum herum Streifen in Blau, Grün und einem Orangelila. In einem digitalen Druckverfahren hat Grabiele das Original für den Transfer auf das Glas vergrössert. Dabei blieben die subtilen malerischen Pinselspuren erhalten. Im Abendlicht sind die zwei Frauen, die spontan um einen Kommentar gebeten wurden, beglückt nicht nur von der feinen farbigen Raumwirkung. Intuitiv fügen sie im Geiste die durch die Mauerstreifen getrennten Bildfragmente spontan zusammen, sehen die Einheit und das Zusammengehörige, entdecken auch einen geschützten Raum voller Licht und Natur, Wasser und Himmel. Schöner könnte man das heimliche «Paradiesgärtlein» nicht beschreiben. (Landbote)

Erstellt: 13.06.2018, 16:14 Uhr

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