Berufsbildung

«Relativ wenige Mädchen fühlen sich von diesem Image angezogen»

Der Beruf des Informatikers ist noch jung. Auch deshalb können sich viele nichts Konkretes darunter vorstellen. Der Lehrplan 21 könnte das ändern, sagt Informatik­expertin Andrea Leu.

Andrea Leu (Managerin Senarclens Leu + Partner) forscht seit Jahren im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt.

Andrea Leu (Managerin Senarclens Leu + Partner) forscht seit Jahren im Bereich Bildung und Arbeitsmarkt. Bild: zVg

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Unser Alltag wird zunehmend digitalisiert, dass es zu wenig Informatiker gibt, ist aber noch nicht in den Köpfen der Gesellschaft angekommen. Gibt es tatsächlich bereits einen Mangel?

Andrea Leu: Ja, aber das ist nichts Neues. Ausserdem gilt das ja für fast alle technischen Berufe.

Gleichzeitig ist die Rede von vielen arbeitslosen Informatikern.

Das gilt für Informatiker genauso wie für andere Berufsgruppen. Die Inhalte in dieser Branche verändern sich aber oft rasant, und es ist sehr wichtig, dass man ständig am Ball bleibt, sich weiterbildet. Verpasst man das, läuft man Gefahr, am Arbeitsmarkt den Anschluss zu verlieren. Ist das passiert, ist ein Wiedereinstieg mit viel Arbeit verbunden.

Dabei kommt heute noch kaum jemand ohne elektronische Gadgets aus.

Ja, das Problem ist, dass oft nicht der Zusammenhang gemacht wird zwischen den elektronischen Gadgets und den Menschen, die sie hergestellt und programmiert haben. Vielen ist nicht klar, dass dahinter Informatiker stecken, die einen Beruf gelernt haben.

Auch beinahe jede Branche ­­– ob Banken, Lebensmittelhersteller oder Spitäler – ist auf Informatiker angewiesen.

Genau, darin liegt unter anderem auch die Attraktivität dieses Berufs. Wie vielfältig er ist, müssen wir den jungen Leuten aufzeigen, die sich für eine Lehre oder ein Studium entscheiden.

Haben die Informatikverbände es bisher verschlafen, Kinder und Jugendliche für ihren Beruf zu interessieren?

Nein, aber den Beruf gibt es noch nicht lange, und er ist nicht sehr klar definiert. Vor 30 Jahren etwa haben Banken ihre Leute noch selber in der Informatik ausgebildet. Daher kommt wohl auch das unklare Bild, das viele von diesem Beruf heute noch haben. Unterdessen aber kann man Informatik an fast jeder Fachhochschule und Universität studieren.

«Informatiker sind nur selten Nerds, die ungewaschen herumsitzen.»Andrea Leu

Soll Informatik auch ein Schulfach werden?

Ja, diese Entwicklung ist in vollem Gange. Der Lehrplan 21, auf den sich die Kantone nun vorbereiten, sieht das Fach «Medien und Informatik» vor. Im Moment ist man dabei, diesen Lehrplan umzusetzen und die genauen Inhalte des Fachs zu definieren. Dann müssen die Lehrmittel geschaffen und die Lehrpersonen geschult werden.

Was macht Ihr Verband, um die Schüler für Informatik zu sensibilisieren?

Wir führen seit 20 Jahren schweizweit Informatikwochen an Gymnasien durch. Damit erreichen wir 1500 bis 2000 Schüler pro Jahr. Wir zeigen auf, welche Berufe es gibt, in welchen Bereichen man arbeiten kann als Informatiker und was die Arbeit beinhaltet.

Reicht das Engagement für die Informatik in der Schweiz aus?

In den letzten Jahren wurde viel unternommen, um sicherzustellen, dass wir künftig genug Fachleute haben. Doch noch ist Informatik kein obligatorisches Fach im Gymnasium und der Lehrplan 21 muss auch erst umgesetzt werden. Das Ziel ist, dass möglichst jeder versteht, was Informatik überhaupt ist. Und dass die Welt hinter den mysteriösen Geräten von Menschen gestaltet wird.

Viele denken auch, man sitzt als Informatiker 40 Stunden vor dem Bildschirm und hat null Menschenkontakt.

Ja ­­­– das ist aber nicht so. Klar ist ein Teil Programmieren, aber der Informatiker, die Informatikerin braucht auch viele andere Kompetenzen. Sie müssen Probleme erkennen und verstehen können. Sie müssen im Team arbeiten und integrierend wirken. Arbeitet man zum Beispiel für einen Hörmittelhersteller, müssen die Informatiker zuerst verstehen, was eine Hörbehinderung ist, um zu erkennen, wie die bestmögliche Lösung im Hörgerät aussehen soll.

Einige aber interessiert Informatik schlichtweg nicht. Warum müssen Sie trotzdem ein Informatikgrundwissen haben?

Ein Verständnis für diese Welt ist sicherlich für alle von Vorteil. Denn Informatik bestimmt unsere Welt massgeblich. Ohne Kenntnisse davon läuft man unwissend herum – und das kann durchaus auch gefährlich sein. Man denke nur an Datenmissbrauch, Hacking, Viren und Trojaner. Es ist wichtig, dass die Leute wissen, dass sie selber etwas tun können gegen diese Gefahren, dass sich diese nicht total ihrer Kontrolle entziehen.

«Ohne Kenntnisse läuft man unwissend herum – und das kann durchaus auch gefährlich sein.»Andrea Leu

Warum gelingt es nicht, mehr Frauen für den Beruf zu begeistern?

Es ist echt schwierig, Mädchen für Informatik zu interessieren. Ich beschäftige mich ja schon seit über 20 Jahren damit und in dieser Zeit hat sich die Situation nicht signifikant verändert.

Was sind mögliche Gründe?

Das hat zum einen sicher mit der Sozialisierung zu tun. Wenn ein Mädchen nicht gut ist in Mathe, ist es keine Schande, wenn es nicht gut ist in Deutsch, hingegen schon. Das hat auch mit dem Verhalten von Lehrpersonen und Eltern zu tun. Überkommene Klischees bestehen hier noch immer hartnäckig.

Fördert Ihr Verband spezifisch Mädchen?

Nein, heute verfolgen wir einen positiven Ansatz und arbeiten eher mit Rollenbildern. Die Informatikwelt ist ja männlich dominiert. Aber die Mädchen müssen wissen: Informatikerinnen sind keine halben Männer, die sozial isoliert leben. Informatik ist auch nicht nur Gaming. Und Informatiker sind nur in seltenen Fällen Nerds, die ungewaschen herumsitzen. Auch solchen Klischees muss man entgegenwirken. Denn relativ wenige Mädchen fühlen sich von diesem Image angezogen. (Der Landbote)

Erstellt: 01.06.2016, 17:07 Uhr

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