Gotzenwil

Schnäppchenverkauf für Landwirte

40 Jahre lang haben Werner und Madeleine Hess den städtischen Bauernhof oberhalb von Oberseen geführt. Zur Inventarversteigerung kamen nicht nur Kaufwillige.

Rund vierhundert Personen kamen zur Gant auf dem Felsenhof.

Rund vierhundert Personen kamen zur Gant auf dem Felsenhof. Bild: Heinz Diener

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Schwyz, Glarus, Freiburg, Thurgau, St. Gallen: Die Autokennzeichen verraten es, aus der ganzen Schweiz sind Landwirte zur Inventarversteigerung am Samstag auf dem Felsenhof angereist. Hier haben Werner und Madeleine Hess 40 Jahre lang den städtischen Bauernhof mit Ackerbau und Milchkühen geführt. Nun geht das Ehepaar in Pension, das Haus wird renoviert und als Einfamilienhaus vermietet (der «Landbote» berichtete).

Rund ums Bauernhaus tummeln sich die Besucher und begutachten die Kaufstücke. «Das ist wirklich alles in einem super Zustand», sagt einer der Landwirte zu einem anderen und deutet auf die Maschinen, die nebeneinander aufgereiht dastehen. Sein Kollege, mit einem Stumpen zwischen den Lippen, stimmt mit stummem Nicken zu.

Wie auf einem Bauernfest

Die Gant beginnt mit den kleinen Stücken. Gut sichtbar halten die Versteigerer auf einer kleinen Bühne vor dem Bauernhaus Kuhglocken, Milchkannen und Melchstühle in die Höhe. Wer mitbieten will, hebt die Hand. Um die 400 Gäste sind anwesend, schätzt Werner Hess, es sind mehrheitlich Männer. In kleinen Grüppchen stehen sie zusammen, plaudern und essen eine Wurst mit Brot.

«Wir sind nicht zum Kaufen hier», sagen drei ältere Herren wie aus einem Mund. Sie seien gekommen, um einander wieder einmal zu sehen. Eine solche Gant gebe es schliesslich nicht alle Tage, und zusammen mit der Verpflegung sei das hier fast wie ein Bauernfest.

Kaffee, Kuchen, Pommes frites oder Wurst werden fleissig an die Besucher verkauft. Hinter der Theke stehen Verwandte und Freunde der Familie Hess. «Es soll wie ein kleines Fest sein», sagt Werner Hess. Für den Nachmittag hat er einen Schwyzerörgeli-Spieler engagiert.

Schnäppchen für Jungbauer

Dafür sind im Stall bereits die Festbänke aufgestellt. Ein junger Landwirt lässt sich gerade mit seinem ersten Kauf auf einer der Bänke nieder. Für 220 Franken hat der 18-Jährige einen hydraulischen Oberlenker ersteigert. Damit wird ihm das An- und Abkoppeln von Schleppern am Traktor erleichtert. «Mal sehen, ob ich sonst noch etwas finde, das mir gefällt.» Mit seinem ersten Schnäppchen ist er schon einmal zufrieden: «Neu würde man etwa viermal so viel bezahlen.»

Während viele nur zum Plaudern oder Zusehen gekommen sind, möchten zwei Thurgauer Landwirte etwas Bestimmtes mit nach Hause nehmen. «Wir sind wegen der Kipper hier», sagt einer der beiden. Diese nutze man für den Strassentransport, und weil dort nun strengere Vorschriften gelten, würden sie sich nach etwas Neuem umsehen. «Etwas Fabrikfrisches kann man sich aber nicht immer leisten.»

Wehmut und Freude

Nach und nach finden Chriesikörbe, Wasserschläuche und ein alter Davoser Schlitten neue Besitzer. Davon bekommt Madeleine Hess jedoch wenig mit. Im Eilschritt läuft sie zwischen Küche und Essensstand hin und her, bringt gewaschene Gläser, schneidet Brot und schenkt Kaffee aus. «Ich bin schon froh, wenn die Anspannung vorüber ist», sagt sie. Wehmut darüber, dass dieser Lebensabschnitt für sie nun zu Ende geht, verspüre sie noch nicht. «Das kommt dann, wenn alles weg ist.»

Madeleine und Werner Hess gehen in Pension.

Genau 40 Jahre ist es her seit der letzten Gant auf dem Felsenhof, damals hat der Vorgänger der Familie Hess sein Inventar versteigert. «Ich freue mich auf die Pension, natürlich bin ich auch etwas traurig, dass es zu Ende ist», sagt Werner Hess. Schliesslich habe er Tag für Tag auf dem Hof gearbeitet. Als Pensionierter wird sich Hess erst einmal um sein kaputtes Knie kümmern: «Was dann kommt, werden wir sehen.»

Erstellt: 10.11.2019, 17:19 Uhr

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