Bezirksgericht

Selbstreflexion als Strafe

Im Juni 2018 schlug ein junger Mann seine damalige Freundin aus nichtigem Anlass mit der Faust, riss an ihren Haaren und würgte sie. Das Gericht sprach eine bedingte Freiheitsstrafe aus und verpflichtete ihn dazu, an einem Programm gegen Gewalt in Partnerschaften teilzunehmen.

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte einen Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe.

Das Bezirksgericht Winterthur verurteilte einen Mann zu einer bedingten Freiheitsstrafe. Bild: Archiv: Marc Dahinden

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Der Beschuldigte und die Geschädigte lernten sich an der Berufsschule kennen. Als sie ihn an jenem Samstag im Juni 2018 von der Arbeit abholte, waren sie seit fünf Monaten ein Paar. An diesem Abend schmiedeten sie noch Pläne für gemeinsame Sommerferien.

Als es dann aber um den Ausgang ging, waren sie sich uneinig: Sie wollte mit einer Freundin in eine Shishabar, er an eine Party. So begann der Streit, der sich im Lauf des Abends immer weiter hochschaukelte: Sie schlug ihm am Bahnhof Oberwinterthur einen Energy Drink aus der Hand, er schickte zuerst sie und dann als er in ihre Wohnung zurückkam ihre Freundin nach Hause.

Beim Streit danach ging es wohl um Eifersucht. So genau konnte sich der Beschuldigte heute vor Gericht nicht mehr erinnern. Die in der Anklageschrift geschilderten Sachverhalte anerkennt er aber grundsätzlich. Demnach schlug der damals 19-Jährige seiner Freundin mit der Faust in den Bauch, packte sie an den Haaren, stiess sie zu Boden, trat mit seinem Fuss gegen ihre Oberarme und Beine und schlug ihr dann mehrfach mit der Faust ins Gesicht. «Ich wusste nicht, was machen», sagt der Beschuldigte auf die Frage nach dem Warum: «Sie schloss mich ein und ich war verzweifelt, weil ich nicht rauskam.»

Ameisen vor den Augen

Als sich die Geschädigte ins Badezimmer begab, wurde er erneut handgreiflich. Zudem packte er sie mit den Händen am Hals und würgte sie während fünf Sekunden. Sie erlitt dabei Sehstörungen, die sie als «Ameisen», «Flimmern» und «Sterne» beschrieb. Das Würgen war denn auch der Hauptgrund für die Anklage wegen Gefährdung des Lebens. Zudem wurde er auch der mehrfachen einfachen Körperverletzung und der Drohung angeklagt. Letzeres weil er der Geschädigten während des Streits mit Suizid drohte.

«Es tut mir schrecklich Leid. Ich hoffe, du kannst es vergessen.»Der Beschuldigte

Die Drohung habe er zu 60 bis 70 Prozent ernst gemeint, sagte er auf die Frage des vorsitzenden Richters. Er habe Depressionen wegen der Familie, in der es auch immer wieder zu häuslicher Gewalt kam. Die Eltern, bei denen er bis heute lebt, wüssten vom Verfahren, es sei ihnen aber egal. In einer früheren Einvernahme sagte er, dass seine Freundin, die einzige gewesen sei, die ihm Liebe gezeigt hatte. Die Frage, ob er gedroht hat, damit sie bleibt, beantwortete er mit einem Jein.

Beim Schlusswort wandte an seine Ex-Freundin, die als Privatklägerin zwischen ihren Eltern und ihrer Anwältin sass: «Es tut mir schrecklich Leid. Ich hoffe, du kannst es vergessen.»

Gespräche gegen Gewalt

Das Gericht sprach den Schweizer der einfachen Körperverletzung und der mehrfachen Drohung schuldig. Neben der Suiziddrohung wertete es auch den Würgevorgang als Drohung. Freigesprochen wurde er hingegen vom Vorwurf der Gefährdung des Lebens. Dies weil das Würgen «nur» fünf Sekunden dauerte und aufgrund der Verletzungen der Geschädigten – unter anderem Blutergüsse und Kratzspuren – eine unmittelbare Lebensgefahr zu verneinen sei. Das Gericht sprach eine bedingte Freiheitsstrafe von 18 Monaten aus. Zudem muss er der Geschädigten eine Genugtuung von 4000 Franken zahlen.

Strafmildernd wirkten sich das frühe Geständnis, Einsicht und Reue, die Beziehungsdynamik sowie seine Teilnahme am Lernprogramm «Partnerschaft ohne Gewalt» aus. Es handelt sich dabei um eine Ersatzmassnahme, die anstelle der Untersuchungshaft angeordnet wurde. «Weil Sie an sich arbeiten, stellen wir Ihnen eine günstige Prognose aus», so der vorsitzende Richter. Das Programm muss er während der Probezeit von zwei Jahren weiter besuchen. Und zwar so lange, wie es das Amt für Justizvollzug für nötig hält.

Damit folgte das Gericht der Staatsanwältin. Sie führte zuvor aus, dass der Beschuldigte zwar zuverlässig erschien, dabei aber sehr zurückhaltend gewesen sei und unklar blieb, warum es zur Gewalt kam. Sie empfahl, das Programm im Einzelsetting weiterzuführen, da er dabei offener sprach. Während sie angab, dass weitere Einladungen ohne Antwort blieben, bestritt der Beschuldigte, solche Briefe bekommen zu haben. Der vorsitzende Richter warnte ihn davor, das Programm auf die leichte Schulter zu nehmen: «Holen Sie die Post ab und öffnen sie sie, sonst meldet sich das Amt bei uns.»

Erstellt: 04.12.2019, 20:00 Uhr

Inserieren

Anzeigen online aufgeben
Inserate einfach online aufgaben

Kommentare

Blogs

Michèle & Friends Midlife-Crisis? Nehm ich!

Von Kopf bis Fuss Diese Frau erinnert sich an alles

Bonus-Angebote

Bonus-Angebote

Alle Bonus-Angebote im Überblick.