Winterthur

Sie hören zu und spielen, was die Zuschauer erlebt haben

Eine bunt zusammengewürfelte Gruppe von Laienschauspielern macht in Winterthur Playback-Theater. Die interaktive Theaterform stammt aus den USA.

Das Schauspiel dauert kaum fünf Minuten. Erarbeitet wird das Herzstück der Geschichte.

Das Schauspiel dauert kaum fünf Minuten. Erarbeitet wird das Herzstück der Geschichte. Bild: Heinz Diener

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An kaum einem Ort werden wohl so viele Geschichten erzählt wie im Proberaum des Playback-Theaters. Normalerweise hat sich hier eine Ergotherapie eingerichtet, doch jeden zweiten Dienstagabend treffen sich in der Praxis beim Technopark sieben bis zehn Hobbyschauspieler zwischen 43 und 71 Jahren.

Der Raum ist einfach eingerichtet: ein Teppich, ein schwerer Vorhang, ein paar Instrumente zur musikalischen Begleitung. Alles, was die Theatergruppe braucht, ist eine wahre Geschichte, ein Schwank aus dem Leben.

Das Konzept des Playback-Theaters wurde in den 70er-Jahren in den USA entwickelt und hat seinen Weg mittlerweile nach Zürich, St. Gallen und Winterthur gefunden. Dessen Besonderheit? Die Interaktion zwischen Publikum und Ensemble.

Das Publikum spricht über persönliche Erfahrungen, die Schauspieler setzen die Geschichte auf der Bühne in Szene. «Playback» – der Name ist Programm. «Wir spielen die Geschichten der Zuschauer zurück ins Publikum», sagt Alois Bürgi, einer der Schauspieler.

Glück im Unglück

An diesem Dienstagabend im September lautet das Überthema «Glück und Unglück». Eine Anwesende erzählt von einem Erlebnis auf ihrer Reise durch Neuseeland.

«Der Erzähler sieht sein Erlebnis oder seine Person in neuer Weise.»Heinz Staffelbach 
Reisejournalist und Mitglied des Winterthurer Playback-Theaters

Wie sie zu Beginn ihrer Reise eines Abends in einem abgelegenen Dorf stecken blieb, ohne Aussicht auf ein Weiterkommen. Wie sie aus dieser Notsituation eine Cafébetreiberin kennen lernte und eine Woche in ihrem Shop arbeitete. Wie sie am Ende bei der Familie wohnte und mit ihr Silvester feierte.

Die Mitglieder des Playback-Theaters sitzen regungslos am anderen Ende des Raums und hören zu. Einzig der Moderator unterbricht die Erzählerin manchmal. Wie sie sich denn gefühlt habe oder welches Fazit sie aus der Geschichte ziehe. Dann gibt er die Bühne frei für seine Kollegen.

Gesten statt Worte

Einer nach dem anderen tritt vor, spielt einen Aspekt der Geschichte, ohne viele Worte. Einer verkörpert nicht die Erzählerin selbst, sondern deren Abenteuerlust, stösst stolz die Faust in die Luft, «endlich mache ich was Mutiges». Ein anderer begibt sich in die Rolle der Cafébesitzerin, eine Frau spielt die Erzählerin, wie sie möglicherweise ängstlich ihre Familie kontaktiert hat. Eine weitere spielt im Hintergrund leise die Klanghölzer und singt dazu. Das Schauspiel dauert keine fünf Minuten, dann verharren alle in einer Schlusspose.

«Wir spielen die Geschichte nicht einfach chronologisch zurück, sondern erarbeiten das Herzstück, eine herausstechende Emotion, eine Episode oder eine besonders lustige Szene der Geschichte», sagt Alois Bürgi. «Der Erzähler sieht sein Ereignis oder seine Person in neuer Weise und erkennt vielleicht neue Aspekte», sagt Heinz Staffelbach.

Staffelbach, Bürgi und Regula Baumann arbeiten beruflich als Reisejournalist, Sozialpädagoge und Psychomotorik-Therapeutin, sie haben sich grösstenteils durch das Theater kennen gelernt und sich teils einzeln, teils gemeinsam in Kursen und Weiterbildungen im Schauspiel geübt.

Seit rund zwanzig Jahren gibt es die Winterthurer Gruppe. «Wir spielen jederzeit und überall an Familienfesten wie Geburtstagen oder Hochzeiten, Jubiläumsereignissen in Vereinen oder Aufführungen in Schulen», steht auf der Website.

Die Realität sieht etwas anders aus: Der letzte Auftritt liegt ein Jahr zurück. Das Feedback an den Aufführungen sei aber durchwegs positiv, sagt Bürgi. «Wir geben den Zuschauern ein gutes Gefühl mit auf den Weg, nämlich, dass ihre persönlichen Erlebnisse es wert sind, auf der Bühne gespielt zu werden.»

Meist mit Humor

Die Gruppe lebt auf der Bühne von den Erzählungen des Publikums, die Schauspieler müssen anpassungsfähig und fit im Improvisieren sein. «Wir hatten auch schon heikle Momente», erinnert sich Alois Bürgi. So seien an einer Hochzeit die Geschichten im Verlauf des Abends und mit steigendem Alkoholpegel immer schräger geworden. «Ein Hochzeitsgast erzählte, wie er als Kind die Braut einmal an einen Baum gefesselt habe, was wir alle überhaupt nicht lustig fanden.»

Normalerweise seien die Storys aber doch harmloser und könnten humorvoll umgesetzt werden: Zahnarztgeschichten, Anekdoten aus Beziehungen, Arbeitspannen.

An den Proben greift die Gruppe auf eigene Geschichten zurück. So wüssten sie langsam, wer welche Themen in petto habe, sagt Baumann: «Heinz packt meistens Erlebnisse von seinen Wanderungen aus, und bei Alois geht es oft um sein Auto.»

playbacktheater-winterthur.ch

Erstellt: 08.10.2019, 17:24 Uhr

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