Auswanderer

Sie leben ihren Traum in Florida

Matthias und Barbara Pfister haben vor drei Jahren südlich von Tampa ein Frühstücksrestaurant eröffnet. Die Winterthurer wollen nicht mehr zurück. Obwohl nur einer von zwei Söhnen mitgekommen ist.

Ein kleiner Rundgang durch das Frühstücksrestaurant «Egg and I» in Englewood.
Video: Nadja Ehrbar

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Die Spitzbuben schmeckten zwar ganz gut, seien aber viel zu klein geraten. Das war der Kommentar, den Barbara Pfister auf ihre selbst gebackenen Guetsli erhielt, die sie in ihrem Restaurant in Florida anbot. Also buk sie ab sofort Riesen-Spitzbuben, die weggingen wie warme Weggli, oder, auf die USA übertragen, wie heisse Muffins.

Vor ziemlich genau drei Jahren hat sie mit ihrem Mann Matthias und ihrem 27-jährigen Sohn Marc das Frühstücksrestaurant «Egg and I» in Englewood, rund zwei Autostunden südlich von Tampa, an der Westküste Floridas eröffnet.

Seitdem lebt drei Viertel der Familie dort und finanziert sich den Lebensunterhalt, indem sie Gäste mit Eierspeisen, Burger, Kaffee und Schweizer Backwaren bedient. Sohn Severin blieb in der Schweiz. «Das war für uns alle hart», sagt Barbara Pfister rückblickend. «Doch er kommt uns regelmässig besuchen.»

Sie wollten nun nicht mehr zurück, ergänzt sie. «Uns gefällt es einfach zu gut hier.» Schnee und Kälte, oder anders gesagt, den Winter in der Schweiz, mögen sie nicht. Den Traum vom Auswandern hatten Barbara und Matthias Pfister schon vor 30 Jahren. Als 20-Jährige sind die beiden Winterthurer zum ersten Mal in die USA gereist. Und haben dort auch zum ersten Mal ein Starbucks-Café gesehen. «Dort will ich arbeiten», dachte sich Matthias Pfister. Und kurz darauf: «Irgendwann leben wir in Florida.»

Über 20 Jahre in Hettlingen

Bis dahin sollte jedoch noch einige Zeit vergehen. Die beiden heirateten, erhielten 1991 und 1993 je einen Sohn, wohnten über 20 Jahre lang in Hettlingen und reisten jedes Jahr mindestens einmal für Ferien nach Nordamerika. Schon damals bevorzugten sie Florida, allerdings eher die Gegend um Orlando etwas weiter nordöstlich von Tampa. Dort, wo die grossen Vergnügungsparks liegen.

Um ein Restaurant zu führen, haben die drei die besten Voraussetzungen, auch wenn sie das vorher als Selbstständige noch nie gemacht hatten. Barbara Pfister lernte Dentalassistentin, kam über einen Bekannten ihrer Eltern zum «Winterthurer Stadtblatt» und arbeitete sich dort ins Marketing ein. In diesem Bereich war sie auch tätig, als sie in die Zeitschriftenabteilung des «Landboten» wechselte, die es heute nicht mehr gibt. Matthias Pfister machte eine Lehre als Bäcker-Konditor in der Migros-Hausbäckerei. Danach bildete er sich als Mitarbeiter im Bezirksgefängnis Winterthur zum Koch weiter, machte eine Schule als Restaurantleiter und arbeitete danach zehn Jahre bei Starbucks. Marc hat eine Ausbildung als Detailhandelsfachmann bei Coop und eine als Barista sowie Schichtleiter bei Starbucks. Bevor die drei die Schweiz aber definitiv verliessen, reisten sie 2010 probehalber für ein halbes Jahr in die USA und gingen in eine Sprachschule. Um in den Vereinigten Staaten ein Geschäft eröffnen zu können, braucht es ein sogenanntes Investoren-Visum. Dies setzt voraus, dass man eine «erhebliche Summe» investiert. Das Visum ist vier Jahre gültig, danach muss die Familie das Land jeweils verlassen und in der US-Botschaft in Bern ein neues beantragen. «Das Risiko, dass wir dann keines mehr erhalten, besteht», sagt Barbara Pfister. «Doch daran denken wir einfach nicht», sagt sie lachend.

Kein einfacher Start

Der Start in Englewood, einer im Vergleich zu den typischen Touristenregionen Naples oder Fort Myers eher ruhigere Region, war nicht einfach. Das Restaurant, das sie von einem Schweizer mieten konnten, gab es zwar schon seit etwa 20 Jahren. Doch es stand fünf Jahre lang leer. «Wir haben alles herausgerissen und neu gemacht», erzählt Barbara Pfister. Und wegen Problemen mit dem Bauleiter verzögerte sich die Eröffnung um fünf Monate. Statt im Dezember fand sie erst im Mai statt – in einem eher ungünstigen Moment. Denn genau dann ist eigentlich die Hochsaison zu Ende. «In der Hochsaison machen wir 60 Prozent unseres Umsatzes», sagt Barbara Pfister.

Doch mittlerweile hat es sich nicht nur bei Schweizern und Deutschen, sondern auch bei den «Locals», den Einheimischen, herumgesprochen, dass es bei Pfisters «Swiss Bakery», Schweizer Backwaren, und guten Kaffee gibt. «Wenn man sie beim zweiten Besuch mit Namen anspricht und weiss, wie sie ihren Kaffee mögen, dann kommen sie immer wieder», sagt Barbara Pfister. Bekannt gemacht hat sie auch ein Bericht in den lokalen Medien. Auf Werbung in den sozialen Medien haben sie aber verzichtet. «In dieser Hinsicht sind wir eher zurückhaltend und wohl typische Schweizer geblieben», sagt Sohn Marc.

Erstellt: 22.05.2019, 15:23 Uhr

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Als Auslandschweizer neue Perspektiven im Alter

Immer mehr Schweizer lassen sich im Ausland nieder. Sie tun es der Arbeit, der Liebe oder des Fernwehs wegen. Vor 20 Jahren wohnten noch knapp 9 Prozent Menschen mit Schweizer Pass in einem anderen Land. Per Ende 2018 waren es bereits 10,6 Prozent. Das entspricht 760200 Frauen und Männern, wie aus der neusten Auslandschweizerstatistik des Bundes hervorgeht.

Über 62 Prozent der Auslandschweizer leben in Europa. Am beliebtesten ist Frankreich. Dort haben sich über 197000 Schweizer niedergelassen. Dann folgen Deutschland (90400), die USA (80200) und Italien (49600). In den meisten Ländern hat die Zahl der Schweizer Auswanderer im Vergleich zum Vorjahr zugenommen – am stärksten in Grossbritannien mit 2,7 Prozent.

Auch für Rentner scheint das Ausland immer attraktiver zu werden. Denn 21 Prozent der Auslandschweizer sind mindestens 65 Jahre alt. In einigen Ländern liegt dieser Anteil sogar bei über 25 Prozent. So etwa in Thailand oder Spanien. Sechs Prozent der Auslandschweizer sind sogar über 80 Jahre alt. Wenig überraschend ist hier der Frauenanteil grösser als der Männeranteil.

Auch die Zahl jener Schweizer, die aus der Stadt Winterthur ins Ausland gezogen sind, hat in den letzten zehn Jahren stetig zugenommen. 2009 waren es 235, dabei ist Deutschland mit 27 bei den Winterthurern am beliebtesten. Auch Thailand und die USA kommen gut an. Per Ende 2018 wanderten 416 Personen aus, 71 davon nach Deutschland. (neh)

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