Porträt

Sie lebt für den Sommer in der Hütte

Die Winterthurerin Simone Keller ist Hüttenwartin in der Motterascio-Hütte im Blenio-Tal und in der ganzen Schweiz bekannt.

Simone Keller ist im letzten Trimester schwanger und immer noch Hüttenwartin. Auf den nächsten Sommer mit Kind freut sie sich schon.

Simone Keller ist im letzten Trimester schwanger und immer noch Hüttenwartin. Auf den nächsten Sommer mit Kind freut sie sich schon. Bild: mcl

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Die Mitglieder der Burgergemeinde von Aquila sind am Morgen mit dem Helikopter eingeflogen. Jetzt sitzen sie über einem Kaffee in einer Ecke, und einer ruft Simone Keller zu sich: Er will eine Wette platzieren. Denn die 39-jährige Hüttenwartin ist schwanger. Wann ihr Kind zur Welt kommt, und ob es ein Bub oder ein Mädchen wird, darauf wird in der Motterascio-Hütte derzeit eifrig gesetzt.

Keine sieben Wochen bleiben bis zum errechneten Geburtstermin – für Keller kein Grund, die Füsse hoch zu legen. Auf 2170 Meter über Meer gehe es ihr gut, sagt sie. Die Beine sind weniger geschwollen als im Tal, in der Nacht ist es kühler, deshalb will sie wenn möglich bis Ende August in der Hütte bleiben.

Ein Stich ins Herz

Die Motterascio-Hütte und Simone Keller sind seit letztem Jahr in der ganzen Schweiz bekannt. Sie waren Teil der SRF-Sendung «Hüttengeschichten», einem Quotenhit, den sich pro Abend über 600000 Zuschauer anschauten. Für Keller war 2018 die erste Saison in der Hütte und eine turbulente, ja schwierige dazu.

Simone Keller war im vergangenen November Teil der SRF-Sendung «Hüttengeschichten».

Als die Dreharbeiten schon längst begonnen hatten, wurde sie schwanger. Sie einigte sich mit dem Sender, dass die Schwangerschaft vorkommen, aber nicht im Zentrum der Erzählung stehen soll. Mitte Sommer dann hatte ihr Kind bei einer Kontrolle keinen Herzschlag mehr. Keller erzählt es heute, mit etwas Abstand, gefasst. «Natürlich waren wir extrem traurig», sagt sie. «Aber von den hunderten schlimmen Geschichten, die ich schon gehört habe, war unsere vielleicht die am wenigsten schlimme. Das Embryo hatte eine genetische Anomalie und die Natur hat uns jegliche schwierige Entscheidung abgenommen.»

Wieder musste sie mit dem Fernsehen reden. Die Regisseurin habe ihr angeboten, die Schwangerschaft ganz aus der Reportage heraus zu schneiden. «Aber das gab mir einen Stich ins Herz.» Simone Keller fand eine andere Lösung. Sie verpflichtete das Fernsehen, den Kindsverlust nicht als Spannungsbogen zu missbrauchen.

«Ich sagte meinem Chef damals, dass das eine einmalige Sache sei»

Keller ist mediengewandt. Das hat mit ihrer fröhlichen und direkten Art zu tun. Aber auch mit ihrer Ausbildung. Nach der Matura am Rychenberg-Gymnasium in Winterthur hat sie in Lugano Kommunikationswissenschaften studiert. Es ist der Grund, warum sie damals ins Tessin zog und heute ein Schweizerdeutsch spricht, das die 19 Jahre im Süden nicht mehr ganz verbergen kann.

In Lugano doktorierte Keller und trat eine gut bezahlte Stelle in der Gesundheitsdirektion des Kantons Tessin an - bis sie einen Sommer lang eine kleine Auszeit nahm. Das war vor vier Jahren. Keller bewartete für eine Saison die Adula-Hütte im Val Carassino. «Ich sagte meinem Chef damals, dass das eine einmalige Sache sei», erinnert sie sich. Aber als der Herbst da war, sah alles anders aus. Simone Keller reichte die Kündigung ein. Vom Leben als Hüttenwartin wollte sie sich nicht mehr lösen.

Für Simone Keller war es eine Art Heimkehr. Als Kind hatte sie jeden Sommer in einer Hütte oberhalb von Zermatt verbracht, die von Freunden ihrer Eltern geführt wurde. «Ich half schon bald mit im Service, beim Spätzli wenden, beim Abwaschen. Ich habe es geliebt.» Sie habe für die Sommerferien gelebt damals. Dann wechselten die Besitzer der Hütte und Kellers Sommer auf der Alp endeten.

Die Motterascio-Hütte an der Grenze zwischen den Kantonen Tessin und Graubünden. Bild: PD

In ihr zweites Hüttenabenteuer hat sich Simone Keller aber nicht naiv gestürzt. Bevor sie vor zwei Jahren auf die grosse Motterascio-Hütte wechselte, sparte sie sich ein Polster an, mit Arbeiten im Tal. Auch den Hüttenwartskurs absolvierte Keller, in der Hotelfachschule Thun. Eine Berghütte ist kein Aussteigerprojekt und keine gelebte Alpenromantik. «Man muss das eine oder andere Extrem aushalten», sagt Keller. Hitzetage, an denen der Betrieb ohne Pause läuft, verregnete Wochen fast ohne Gäste. Und wer frei hat, muss damit klar kommen, dass es nicht viele Möglichkeiten gibt, seine Freizeit zu gestalten.

Aus den 50 Bewerberinnen, die sich jedes Jahr bei Keller melden, wählt sie darum vor allem junge Leute aus, die für ein paar Wochen eine Abwechslung suchen. Die ganze Saison lang auf der Hütte ist nur das Kern-Team, sie selbst, Net, der sich um alle Schwerarbeiten in und um das Haus kümmert, und Giulia – ihre rechte Hand. Der Rest des Personals wechselt alle paar Wochen. Das habe sich bewährt, sagt Keller. Vor allem gegen Ende der Saison bringen die neuen Leute frischen Schwung.

Hüttenhumor

Die Stimmung auf der Hütte trägt Kellers Handschrift. Man nimmt sich auf die Schippe. Der Witz der letzten Wochen ist ihr Watschelgang – und dass sie sich nicht mehr gut bücken kann. Also werfen ihre Kolleginnen ihr schon einmal etwas vor die Füsse. «Kannst Du mir das nicht kurz aufheben.»

«Wenn die Gäste auf den Berg steigen, ist man am WC-putzen, abwaschen oder Kuchen backen.»

Ohne Humor geht es nicht. Man ist nah aufeinander und dauernd beschäftigt. Für leidenschaftliche Berggänger sei die Arbeit im Hüttenteam nichts, sagt Keller. «Wenn die Gäste auf den Berg steigen, ist man am WC-putzen, abwaschen oder Kuchen backen.» Und dann sind da die Notfälle. Im August vor einem Jahr erlebte Keller eine ganze Serie von Zwischenfällen in nur 48 Stunden. Es war jenes Wochenende, an dem die Ju-Maschine an der Hütte vorbeiflog und wenig später in die Berge stürzte.

Auf der Hütte war es ein anderer Unfall, der bewegte. Eine Frau war auf dem Rückweg vom Piz Terri 200 Meter in die Tiefe gestürzt. Sie konnte nur noch tot geborgen werden. Keller packte mit dem Lebenspartner in der Hütte die Rucksäcke zusammen. «Er stand unter Schock.» Am selben Abend streckte ihr eine Mutter in Panik ihr fünfjähriges Kind entgegen: Es habe eine Hirnblutung. Keller telefonierte mit der Rega, beschrieb die Symptome und konnte Entwarnung geben. Der Junge habe wohl einen Sonnenstich. Es folgte ein Pensionär mit Verdacht auf einen Herzinfarkt. Und gleich noch einer. Alltag stellt Keller klar, sei eine solche Häufung nicht.

«Es ist in Winti so viel entspannter als im Tessin.»

ie Fernsehzuschauer haben vom tödlichen Unfall nichts erfahren. Wohl aber von Kellers persönlichem Verlust. Rückblickend sei die Begleitung durch das Fernsehen therapeutisch gewesen, sagt sie. Die vielen Reaktionen aus der ganzen Schweiz hätten sie überwältigt. Von überall erhielten Keller und ihr Lebenspartner Mails, SMS und Briefe. «Viele von Pärchen, denen dasselbe passiert ist.» Und die Gäste, die in diesem Sommer in der Hütte ankommen, strahlen, wenn sie ihren Bauch sehen. Dieses Gefühl möchte auch SRF seinen Zuschauern nicht vorenthalten. In diesen Wochen kommt darum Nik Hartmann mit seiner Sendung auf Hütten-Besuch.

Simone Keller hatte früher immer gedacht, dass sie zurückzieht nach Winterthur, wenn erst Kinder da sind. «Es ist in Winti so viel entspannter als im Tessin.» Lugano teile sich in ein Zentrum für Touristen und eines zum Einkaufen. Für Familien gebe es wenig Platz. «Die Frauen wechseln hier die Schuhe und schminken sich, bevor sie in eine Bar gehen.» Winterthur sei viel durchmischter, habe eine lebendige Alternativkultur.

Und doch will Keller nun nicht zurück. Unterdessen wohnt sie ausserhalb der Stadt. Und ihr Plan ist es, auch mit Kind Hüttenwartin zu bleiben. Ein paar Höhenmeter weiter oben, verbringt Noëmi Lerch mit ihrem Partner den Sommer auf der Alp. Auch sie ist schwanger. «Vielleicht können wir uns nächstes Jahr abwechseln mit hüten.» Kellers Freund muss in der Saison die Woche über unten im Tal bleiben, wo er eine Schreinerei betreibt. Er sei noch nicht ganz überzeugt davon, sagt sie. «Er freut sich halt so sehr auf das Kind.» Allerdings sei er als Bergläufer ja jederzeit schnell oben auf der Hütte. «Er braucht für die Strecke vom Stausee nur etwa eine halbe Stunde und sagt gerne, er sei dabei nicht mal warm geworden.»

Mädchen oder Bub? Der Wettschein in der Motterascio-Hütte füllt sich. Bild: PD

Der Weg wurde gerade ausgebaut, fast eine Million hat das gekostet, finanziert von der Burgergemeinde und vielen Sponsoren aus dem Tessin und der Deutschschweiz. Das ist auch der Grund für den morgendlichen Besuch auf der Hütte. Die Delegation will die Details des Einweihungsfestes klären. Erst aber gibt der Mann seinen Tipp ab: «1. September, ein Mädchen.» Simone Keller lacht. «Das würde mir passen.»

Erstellt: 06.08.2019, 17:51 Uhr

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