Winterthur

Sportjacke überführt den Täter

Ein Somalier kassierte 24 Monate Freiheitsentzug und Landesverweis für versuchte schwere Körperverletzung. Der Sachverhalt sei so klar, so das Gericht.

Tatort Salzhausplatz: Der Beschuldigte kann nicht identifiziert werden, doch er verstrickt sich in Widersprüche.

Tatort Salzhausplatz: Der Beschuldigte kann nicht identifiziert werden, doch er verstrickt sich in Widersprüche. Bild: Marc Dahinden

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Der 21-jährige Angeklagte ist in einer äthiopischen Provinz mit drei Brüdern und zwei Schwestern aufgewachsen, eine nennenswerte Schulbildung hat er nicht genossen, einer Erwerbsarbeit ist er nie nachgegangen.

Die Familie lebt vom sporadischen Einkommen des Vaters, einem Kamelhändler. In der Schweiz, in die der junge Mann 2016 ohne seine Angehörigen einreiste, verspricht sich der Somalier eine Zukunft mit Frau, Kindern und Arbeit.

Daraus ist bis jetzt nichts geworden. Schlimmer: Gestern stand er zum ersten Mal in seinem Leben vor Gericht. Wegen der Straftat, für die er nun verurteilt wurde, hat er bereits 266 Tage Sicherheitshaft abgesessen. Sein Verteidiger plädierte gestern für Freispruch und eine Genugtuungszahlung, denn seinem Mandanten könne nichts bewiesen werden, argumentierte er.

Schlichter wird zum Opfer

Was war geschehen: Im April vergangenen Jahres kommt es am Salzhausplatz beim Hauptbahnhof zu einer Auseinandersetzung zwischen dem jungen Mann und seinem Kollegen einerseits, und einer Gruppe von fünf bis acht Personen andererseits. Die genaue Zahl der Beteiligten kann keiner der später vernommenen Zeugen mehr beziffern.

Angeblich dreht sich der nächtliche Streit um zwei Frauen, die zugegen sind. Auch das weiss keiner mehr genau. Der Streit artet in Handgreiflichkeiten aus. Ein unbeteiligter Mann schreitet ein, will schlichten, und kassiert einen Schlag. Die Folge sind zwei Rissquetschwunden an der linken Schläfe.

Die Tat erfolgte laut einem Zeugen mit einer Glasflasche, die mit dem Aufschlag zerbrochen sei. Die Verletzung hätte wesentlich schlimmer ausfallen können: Schädel- oder Hirntrauma, Entstellung des Gesichts, Verlust des Augenlichts, wie die Staatsanwaltschaft gestern vor Gericht ausführte. Doch die Wunden sind verheilt, Risse an der Schläfe mit zwei Stichen vernäht, der Schlichter hat sich inzwischen vollständig erholt. Zum Glück.

Wer hat die Jacke getragen?

Das Opfer hat Klage gegen den Somalier eingereicht, auch wenn er ihn bei einer Gegenüberstellung als Täter nicht eindeutig identifizieren konnte. Mit Sicherheit können er und mehrere Zeugen aber die auffällige Sportjacke identifizieren, die der Täter getragen hat.

Dumm nur, dass das rot-weiss-blau-gestreifte Kleidungsstück im Laufe des Abends abwechselnd vom Angeklagten und seinem Kollegen getragen wurde, wie beide bestätigen. Nur widersprechen sie sich in der Frage, wer sie zu welchem Zeitpunkt trug.

Die somalische Übersetzerin gibt für den Beschuldigten zu Protokoll, dass es möglich sei, dass er in der entscheidenden Zeit eine Flasche in der Hand gehalten habe. Er bestätigte auch, «ziemlich üppig Whisky» getrunken zu haben. Aber er könne sich nicht erinnern, zugeschlagen zu haben.

Im Gegenteil, doppelte sein Anwalt nach. Als er von der Gruppe mit einem Fusstritt angegriffen worden sei, habe er das Weite gesucht. Es fehle der Tatbeweis, weshalb sich das Gericht an das Prinzip «in dubio pro reo - im Zweifel für den Angeklagten» halten müsse. Die Beweismittel müssten unbeeinflusst gewürdigt werden, egal ob ein Bankdirektor oder ein Flüchtling mit N-Status auf der Anklagebank sitze, redete er den Richtern ins Gewissen. Für die Zeit in der Haft sei der Angeklagte mit einem Tagessatz von 200 Franken, also mit total 53'200 Franken, zu entschädigen.

Handy unter dem Kissen

Die Staatsanwalt führte das «Achterbahn-Verhalten» des Angeklagten ins Feld. Einmal mache er Erinnerungslücken geltend, dann wiederum beschreibe er detailliert sein Verhalten in der Tatnacht. Es sei reines Glück gewesen, dass das Opfer keine Langzeitschäden erlitten habe und sein Gesicht nicht entstellt sei. Trotz des glimpflichen Ausgangs sei die Tat nicht als einfache Körperverletzung einzustufen. Er forderte 30 Monate Freiheitsentzug.

Ein zweiter Anklagepunkt beschäftigte sich mit dem Tatbestand der Hehlerei. Als die Polizei den Beschuldigten drei Monate nach der Schlägerei an seinem Wohnort in Zürich aufgriff, fand sie nicht nur die belastende Sportjacke, sondern auch ein als gestohlen gemeldetes Handy unter seinem Kopfkissen.

Der Beschuldigte verstrickte sich zwar mit unterschiedlichen Aussagen: Einmal will er das Handy selbst unter dem Kopfkissen seines Bettes aufbewahrt haben, das andere Mal soll sein Bett gar nicht von ihm, sondern von einem Bekannten benutzt worden sein. Es liess sich aber weder beweisen, dass er das Handy gestohlen, noch dass er geplant hatte, es unrechtmässig weiterzuverkaufen.

In dubio pro reo also? Nein. Das Gericht folgte dem Antrag der Staatsanwaltschaft, milderte das Strafmass jedoch um sechs Monate und gewährt dem Verurteilten eine Probezeit von zwei Jahren. Dies, weil das Opfer eine «relativ geringe Verletzung» davontrug. Nichtsdestotrotz wird er des Landes verwiesen.

(Der Landbote)

Erstellt: 27.03.2019, 17:28 Uhr

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