Winterthur

Taboulé ohne Tabuthemen

Im Schulhaus Büelwiesen kochten erwachsene Flüchtlinge mit Oberstufenschülern und sprachen offen über Fluchterfahrungen, Berufswünsche und den Ramadan.

«Fastest du?» «Nein, und du?» Beim gemeinsamen Kochen kommen Sekschülerinnen und Flüchtlinge ins Gespräch.

«Fastest du?» «Nein, und du?» Beim gemeinsamen Kochen kommen Sekschülerinnen und Flüchtlinge ins Gespräch. Bild: Marc Dahinden

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Am Herd der Büelwiesen-Schulküche ist am Dienstagmorgen Diana die Chefin; es gibt Maklube, ein Festtagsgericht aus ihrer Heimat Syrien. Im heissen Öl der Bratpfanne brutzeln Auberginenstreifen, Aishan, ein 25-jähriger Afghane, wendet sie vorsichtig mit der Gabel. «Männer in der Küche, das gibt meist eine Katastrophe!», neckt ihn Diana. Die Syrerin trägt ihr blondiertes Haar offen, ohne Kopftuch. Keine zwei Jahre ist es her, dass sie in die Schweiz kam. Ihr Mann war schon vorher hergekommen, sie hatte mit ihren zwei Kindern zunächst im Bürgerkriegsland ausgeharrt.

Diana und Aishan sind zwei der elf erwachsenen Flüchtlinge, die im Sprachkurs B1+ von Solinetz im alten Busdepot Deutsch lernen, unterrichtet von Freiwilligen, wie Markus Egli. Die Oberstufenschule Büelwiesen hat sie eingeladen, im Rahmen ihrer Projektwoche «Grenzen erfahren». Im Vorfeld waren die Sekschüler neugierig, aber auch besorgt, erzählt die Lehrerin Lucia Fritsche. «Sie diskutierten: Was darf man fragen? Und was tun, wenn jemand zu weinen beginnt?»

Wer ist «nur Schweizer»?

In der Kennenlernrunde im grossen Kreis ist die Stimmung allerdings entspannt, es wird viel gelacht. Vielleicht hilft es, dass die meisten Schülerinnen und Schüler selbst ausländische Wurzeln haben: Mazedonien, Kosovo, Brasilien. Von den 16 Jugendlichen stellen sich gerade einmal drei als «nur Schweizer» vor – auch wenn die meisten hier aufgewachsen sind.

In erstaunlich sicherem Deutsch erzählen die Geflüchteten ihre Geschichten. Zum Beispiel Majid: «Im Iran hatte ich eine gute Arbeit, ein Haus, ein Auto. Der Iran ist ein altes, schönes und reiches Land. Aber leider gibt es auch viele Probleme. Leute werden wegen ihrer Religion verfolgt. Auch ich, ich musste weg.»

Zunächst ging er in die Türkei, wo er vier, fünf Monate arbeitete, aber ohne Lohn. «Unser Chef war nicht nett mit uns», sagt Majid. Seine Flucht ging weiter – im Gummiboot auf eine griechische Insel, mit der Fähre nach Athen, dann mit Bus und Zug über die Balkanroute – es war 2014, die Grenzen waren offen.

«Jetzt suche ich eine Schnupperlehre als Elektromonteur.»Majid Shafiei
Der 35-jährige Iraner ist glücklich: Er hat letzte Woche seine
vorläufige Aufenthaltsbewilligung bekommen.

Für Abdulfatah aus Äthiopien dauerte die Flucht nach Europa über ein Jahr. «Auf dem Meer waren wir 80 Personen in einem Gummiboot. 12 oder 15 Tage waren wir unterwegs, fast ohne Essen und Trinken.» Abdulfatah überstand die Tortur – die meisten Mitfahrenden überlebten nicht. «Es war ein schwarzer Tag», sagt er. Es wird still im Klassenzimmer.

Endlich arbeiten dürfen

Wie wohnen die Geflüchteten hier? «Bis letzte Woche war es schwierig. Aber jetzt ist alles toll», sagt Majid. Seine vorläufige Niederlassungserlaubnis ist gekommen. «Jetzt kann ich endlich eine eigene Wohnung und einen Job suchen.» Derzeit wohnt er in einer WG, davor in Grossunterkünften.

Viele der Anwesenden haben Kinder, Nada, eine Syrerin hat vier. «Die können alle viel besser Deutsch als ich», sagt sie und lacht. Auch die anderen Eltern erzählen stolz von ihren Kindern: Alle redeten in Schule und Kindergarten fliessend in Schweizerdeutsch, einzelne hätten schon eine Lehrstelle in Aussicht. Das steht nun auch Majid bevor: Der 35-Jährige will als Elektromonteur schnuppern. Im Iran hatte er Elektrotechnik studiert.

Die Lehrstellensuche ist nicht das einzige Thema, das die Sekschülerinnen und -schüler mit ihren Gästen gemeinsam haben. «Macht ihr Ramadan?» ist eine Frage, die heiss diskutiert wird. «Ja, selbstverständlich», findet Nada, die auch ein Kopftuch trägt. Das Taboulé, das sie mit den Schülern kocht, wird sie selbst wegen des Fastenmonats nicht essen. Yousof, ein junger Afghane, sieht das anders.

Yousof: «Nein, Fasten ist für mich kein Thema.»
Nada: «Du solltest aber, jeder Muslim muss das.»
Yousof: «Da habe ich eine andere Meinung als du.»

Und damit ist die Diskussion vorbei. Zumindest für die beiden. Um Ronja, eine Kurdin, hat sich beim Kochen eine Mädchengruppe geschart. Denn auch die Sekschülerin Feride und ihre Kollegin fasten während des Ramadan. Gesprächsthema Nummer eins der Frauenrunde: Was gibt es bei euch heute Abend nach Sonnenuntergang zu essen?

Boxen und Büffeln

Aishan sieht in der Fastentradition auch ganz weltliche Vorteile: «Es ist ganz gut für den Bauch», sagt der 25-jährige Afghane und klopft gegen seinen weissen Pullover. Er macht Fitness und besucht einen Kickbox-Kurs für Flüchtlinge. In Afghanistan hatte er drei Jahre lang studiert, um Tierarzt zu werden, in der Schweiz möchte er Automechaniker oder Elektriker werden – oder Securitas, darum die Muskeln. Bald will er die B1-Deutschprüfung bestehen.

Dieses Diplom ist die Voraussetzung für viele Ausbildungen. Aishan hat hart dafür gearbeitet: Fünf Halbtage die Woche ist bei Solinetz Unterricht, dazu kommen viele Hausaufgaben. Aber noch weiss er nicht, ob sich all die Arbeit überhaupt lohnt. Auf einen Entscheid zu seinem Asylantrag wartet er seit zwei Jahren und fünf Monaten.

Mittagszeit, die vier Gerichte kommen auf den Tisch, zum Dessert gibt es frische Früchte. Wie erlebten die Schüler den Morgen? «Es war viel besser, als ich erwartet hatte», sagt Nele. «Ich hätte nicht gedacht, dass wir uns so gut verstehen würden.» «Sie haben ganz offen erzählt», sagt Riona. «Ich dachte, sie wären viel verschlossener.» Auch der freiwillige Deutschlehrer Markus Egli hat gestaunt: «So frei und sicher reden sie bei mir im Unterricht selten.» Heute Donnerstag ist Solinetz Gastgeber: Die Büelwiesen-Schüler kommen zum Gegenbesuch in den Deutschkurs im alten Busdepot. (Landbote)

Erstellt: 09.05.2019, 09:13 Uhr

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