Wülflingen

Über Nacht entstand eine Brücke

Für das Nordostschweizerische Jodlerfest im Juni haben angehende Zimmerleute eine Brücke über die Salomon-Hirzel-Strasse gebaut. Die Brücke erleichtert den Weg vom Quartierzentrum zum Strickhof.

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Nacht in Wülflingen. Ein Mann mit Hund geht durch die Riedhofstrasse. Hinter den Miethäusern gegen Westen sieht er in weissem Scheinwerferlicht einen gewaltigen Kran. Dieser ist höher als die Türme der Stadtkirche, 60 Meter, und hat einen Auslegearm von derselben Länge.

«Dass aber eigens für das Jodlerfest eine Brücke gebaut wird, das gab es noch nie»

Unter dem Kran stehen bereits haushohe Stützen einer Brücke über die Salomo-Hirzel-Strasse, den Wülflinger Autobahnzubringer. Lehrlinge im zweiten Ausbildungsjahr, junge Männer zwischen 17 und 20, machen sich eifrig an den Bauteilen zu schaffen. «Du ziehst besser schnell einen Helm an», sagen sie, kaum trifft man auf der Baustelle ein.

«Ein Nordostschweizerisches Jodlerfest gibt es nur alle drei Jahre. In Winterthur wurde es das letzte Mal vor 39 Jahren gefeiert. Dass aber eigens für das Jodlerfest eine Brücke gebaut wird, das gab es noch nie», sagt Donat Höliner vom Organisationskomitee des Fests. Höliner zeigt hinter sich auf das grosse Feld vor dem Strickhof, das noch bis weit hinaus vom Scheinwerferlicht der Baustelle erhellt wird.

60000 Besucher erwartet

Hier kommt das Jodlerdorf hin, das Zentrum der Grossveranstaltung mit Festzelten und fast drei Dutzend Gaststätten. In Hallen der näheren Umgebung erklingen die Jodlerstimmen und das Alphorn. Für das Fahnenschwingen steht die Reithalle Sporrer zur Verfügung. Zudem gibt es auch in den Wülflinger Kirchen traditionelle Klänge zu hören.

Nur schon deshalb braucht es die provisorische Holzbrücke vom Feld über den Autobahnzubringer ins Quartierzentrum. Wülflingen ist für das Festpublikum auch das nächste Dorf, sozusagen, mit Läden, Bushaltestellen und allem, was man tagsüber so braucht.

Auch wenn Wülflingen seit bald hundert Jahren ein Stadtviertel von Winterthur ist: «Ein Jodlerfest gehört in eine ländliche Umgebung, mit Wiesen und Feldern. In einem Stadtzentrum lässt sich das schlecht organisieren», sagt Höliner. Die Organisatoren erwarten zwischen dem 21. und 23. Juni 60000 Besucher. So werden in Spitzenzeiten Tausende die provisorische Brücke überqueren.

Die Brücke muss stabil sein – und bis zwei Uhr früh am Freitag fertig sein. Dann rollt der Verkehr wieder auf dem Autobahnzubringer. «Wir gehen eigentlich ganz sicher an die Sache. Unsere Lehrer sind aufgeregter», sagt Larissa, die einzige Zimmerin in der 18-köpfigen Berufsschulklasse von angehenden Zimmerleuten.

Die Lehrlinge haben die einzelnen Bauteile, wie Pfeiler oder ganze Brückenabschnitte, in der Kägi-Halle beim Bahnhof Wülflingen vorgefertigt. «Teilweise haben wir schon geprobt, ob die Brückenteile zusammenpassen», sagt die Zimmerin in Ausbildung.

15 Tonnen Holz

Noch bevor die Brücke steht, haben die Lehrlinge bereits den grössten Teil ihrer Aufgabe bewältigt. Zu Beginn der Woche lagen noch 15 Tonnen unbearbeitete Balken aus Holz vor der Werkhalle.

Es ist Holz von Bäumen, die man wegen Käferbefalls aus dem Wald entfernen musste. In diesem Augenblick kommt die Probe aufs Exempel. Der Kran hebt ein Brückenteil hoch, das auf der Strasse liegt. Es ist tatsächlich fertig vorgezimmert, mit Bodenbrettern und Geländer.

«Die Arbeit und das Zusammenwohnen haben uns zu einem starken Team zusammengeschweisst»

Höliner: «Fünf Tonnen schwer, fünfzehn Meter lang.» Das Teil schwebt in der Luft, die Jungs mit Kollegin ziehen an langen Gurten, bringen das Teil in Stellung, es sinkt, Rufe wie «links», «rechts», «nochmal hoch» schallen über die Baustelle. Die Stimmen klingen entschlossen, bewegt, aber auch recht professionell. Jetzt sitzt das Teil auf den Pfeilern. Applaus von einer Menge Zuschauern. Doch es passt nicht haargenau.

Ein Lehrer muss mit einer Kettensäge noch ein paar Zentimeter Holz entfernen. Es sind eben doch Lehrlinge am Werk. Nun ist es perfekt. Höliner: «Für die Stifte ist das ein erster Höhepunkt. Das werden sie nicht mehr so schnell erleben.» Alessio, Larissas Kollege aus Rümlang, sagt. «Das ist echt cool. Mir geht es aber bei jeder Baustelle so, wenn etwas fertig ist.»

Der Brückenbau in Wülflingen ist das Ergebnis einer Projektwoche der Berufsschule Wetzikon. Dort werden alle angehenden Zimmerleute des Kantons Zürich in der Theorie ausgebildet. Die letzte Woche übernachteten die Lehrlinge auf dem Radhof ganz in der Nähe der Baustelle. «Die Arbeit und das Zusammenwohnen haben uns wirklich zu einem starken Team zusammengeschweisst», sagt Larissa.

Alessio bejaht. «Wir sind echt motiviert, obwohl wir bis in die Nacht hinein arbeiten.» Wenn das Bauwerk steht, müssen die 18 jungen Leute noch aufräumen. «Aber wir werden trotzdem noch auf die Brücke anstossen», sagen beide. Inzwischen, es ist halb elf, hat es einen Leichtverletzten gegeben. Alessio hat sich den Finger eingeklemmt. Das jedoch geschah, als er mit Larissa den Pressetisch aufstellte.

Passende Einweihung: Jodler bejodeln die neue Jodelbrücke.

Erstellt: 12.04.2019, 18:43 Uhr

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