Winterthur

Über den Dächern

Gilbert Wyrsch hat sein grosses Hobby zum Beruf gemacht. Als Drohnenpilot liefert er seinen Kunden spektakuläre Luftaufnahmen – und erlebt dabei schöne wie auch heikle Momente.

Video: Marco Huwyler

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Angefangen hat alles mit einem Bubentraum. «Wie jeder Junge wollte auch ich einst Pilot werden», sagt ein dem Kindesalter längst entwachsener, heute schon leicht grauhaariger, stattlicher Mann und guckt dabei verträumt. «So völlig schwerelos über den Wolken zu schweben und die Gesetze der Schwerkraft auszuhebeln, das wäre etwas gewesen.»

Doch ein Flugzeugkapitän ist aus Gilbert Wyrsch nicht geworden. Dem Winterthurer erwuchs eine ganz andere Spezies, die es während der infantilen Traumzeiten so noch gar nicht gab. Der heute 52-Jährige ist Informatiker und arbeitet im IT-Bereich für eine grosse Schweizer Bank. Dennoch hat er vor einigen Jahren seinen eigenen Weg in die professionelle Aviatik gefunden. Nach all der Zeit darf er sich heute doch noch Pilot nennen - Drohnenpilot.

Leidenschaft neu erweckt

«Eigentlich verdanke ich das Ganze meinem Göttibueb», sagt Wyrsch und schmunzelt. Zufällig war er bei diesem zugegen, als der Kleine einen Miniatur-Elektro-Helikopter geschenkt bekam. Am meisten Freude am Spielzeug hatte jedoch der Götti. Und so beschloss er nach über 30 Jahren die Leidenschaft aus Kindertagen wiederzubeleben und schuf sich selbst ein derartiges Fluggerät an.

Sechs Jahre später ist der Hubschrauber längst ungestümen Flugmanövern zum Opfer gefallen – Wyrschs Leidenschaft lodert allerdings mehr denn je. Unzählige Modellflugzeuge säumen heute den Keller und die Garage der Familie Wyrsch. Die Fliegerei ist zum grossen Hobby des Vaters geworden. Längst ist er Mitglied einer Modellfluggruppe und leitet deren Webauftritt. Und dank der seit einigen Jahren aufgekommenen Drohnen hat er einen neuen Berufszweig für sich entdeckt, wo er eine Möglichkeit fand sein Hobby zum Beruf zu machen.

Wyrsch bietet auf www.air-shot.ch professionelle Drohnenvideos an. Seine Spezialität sind Immobilien- und Baustellendokumentationen, aber der Informatiker nimmt auch Aufträge für Feste, Hochzeiten und andere Feierlichkeiten an.

«Es kommt oft vor, dass die Leute mich schräg anschauen oder anpöbeln, wenn ich meine Drohnen fliegen lasse.»Gilbert Wyrsch

Rund 20 Prozent seiner Arbeitswoche macht das Drohnengeschäft mittlerweile aus – Tendenz steigend. Sukzessive hat er seinen Flugpark ausgebaut, sodass dieser heute fünf unterschiedliche Drohnen umfasst. Von einer kleinen, übers Handy steuerbaren Mini-Drohne, die vor allem im Inneren von Gebäuden zum Einsatz kommt, bis hin zu robusterem Fluggerät mit eingebauter Kamera, welches auch starken Winden und Böen trotzt, sind diverse Abstufungen vorhanden.

Wenn man mit diesem stets sehr korrekten und auf die richtige Wortwahl bedachten Menschen spricht, merkt man wie seriös er sein Geschäft angeht. Die sorgfältige Handhabung und die Einhaltung sämtlicher Vorschriften und Regeln sind ihm ein Anliegen. Wyrsch ist sich bewusst, dass Drohnenpiloten bei vielen Menschen Skepsis oder gar Abneigung auslösen. «Es kommt oft vor, dass die Leute mich schräg anschauen oder anpöbeln, wenn ich meine Drohnen fliegen lasse.» Grund dafür seien rücksichtslose Menschen, die auf der Suche nach spektakulären und brisanten Bildern Gesetze wie die Persönlichkeitsrechte verletzen. Wyrsch ärgert sich über jene «Rüpel, die unsere Branche in Verruf bringen.»

Der Korrekte

Der Winterthurer zählt sich selbstredend nicht zu diesen – und unternimmt alles in seiner Macht stehende um unliebsame Zwischenfälle zu vermeiden. Wyrsch ist Mitglied des eidgenössischen Drohnenverbandes. Seine Drohnen sind registriert und er ist als deren Besitzer eingetragen. Vor jedem Einsatz informiert der 52-Jährige allfällige Anwohner über sein Vorhaben. Er klärt bei der betreffenden Gemeinde im Vorfeld genau ab, welche Vorschriften und gesetzlichen Rahmenbedingungen gelten. Diese seien nämlich von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich. In eigens dafür angelegten Ordnern werden Einsätze sorgfältig und akribisch protokolliert. Bevor an einen Flug überhaupt zu denken ist, wird der Wind- und Wetterreport konsultiert. Und schliesslich lässt Wyrsch seine Fluggeräte niemals steigen, ohne eine gelbe Leuchtweste zu tragen, die ihn schon von weitem als Drohnenpiloten in Aktion kennzeichnet.

Trotz all dieser Massnahmen - ja dieser Pedanterie - lassen sich auch bei Wyrsch die Unwägbarkeiten eines Flugeinsatzes nicht gänzlich ausräumen.

So hatte sich der Drohnenpilot kürzlich auf der Suche nach dem optimalen Kamerawinkel mit seinem Fluggerät zu nahe an einen Baukran herangewagt. Die 2000 Franken teure Drohne verfing sich prompt in 30 Metern Höhe und war vom Boden her nicht mehr zu befreien. Beinahe hätte sich der sonst so manierliche Mann dem Leichtsinn hingegeben und wäre auf waghalsige Kletterschaft gegangen. Doch schliesslich besann er sich eines Besseren und gab dem aufkeimenden Wahnsinn eine Abfuhr. Stattdessen wartete er geduldig auf den Kranführer. Und dieser war zu Wyrschs Glück tollkühn genug, sich bis zur Drohne vorzuwagen und das wertvolle Fluggerät zu bergen. Als Dank gab’s vom Piloten 50 Franken bar auf die Hand.

Das Kind im Manne

Nicht immer gehen Zwischenfälle so glimpflich aus: «Ich habe schon eine ganze Reihe von Modellflugzeugen und Drohnen kostenintensiv zerstört», berichtet Wyrsch lachend. Drohnen sind zwar einiges leichter zu fliegen als die Flugzeuge, doch auch ihre Steuerung ist für ungeübte Hände keineswegs ein Kinderspiel. «Ich jedenfalls würde eine Drohne nicht als Weihnachts-Geschenk an Kinder empfehlen. Diese Fluggeräte sind kompliziert, sensibel und verlangen eine geübte, seriöse Handhabung», sagt der Profi zu diesem Thema.

Nichts desto trotz bleibt ihm der Spass ein wichtiger und wesentlicher Faktor bei Drohneneinsätzen. «Meine Lebenspartnerin verabschiedet mich jeweils mit dem Satz ‚Viel Spass in der Spielgruppe‘ – und natürlich hat sie damit auch recht», sagt Wyrsch mit einem Augenzwinkern. «Wenn ich meine Flugzeuge und Drohnen über die Dächer der Region fliegen darf, fühle ich mich jeweils wie ein kleiner Junge beim Spielen.»

Erstellt: 21.12.2016, 12:58 Uhr

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