Winterthur

«Unsere Arbeit reduziert Sozialkosten»

Die Organisation «Isla Victoria» kümmert sich um die mehreren Dutzend Frauen, die im Winterthurer Sexgewerbe arbeiten. Mitarbeiterin Grazia Aurora erklärt, warum die Behörden die Arbeit stärker unterstützen sollten.

Beratet Prostituierte: Die Winterthurerin Grazia Aurora von der

Beratet Prostituierte: Die Winterthurerin Grazia Aurora von der "Isla Victoria". Bild: Johanna Bossart

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Frau Aurora, Sie stehen Tag für Tag Frauen bei, die in Winterthur als Prostituierte arbeiten. Weshalb tun Sie das? Grazia Aurora: Ich bin nicht Mutter Teresa. Aber ich begleite sehr gerne Menschen, die in unserer manchmal etwas komplizierten und kalten Welt, am Rande der Gesellschaft stehen und oft vergessen und ausgegrenzt werden.

Sie sind gelernte Krankenschwester. Was gab den Ausschlag diesen Job aufzugeben? Federico Fellini, der inzwischen verstorbene Maestro des italienischen Nachkriegskinos, gab den Ausschlag. Er war einmal vor vielen Jahren Privatpatient am Zürcher Universitätsspital und ich betreute ihn über mehrere Wochen Tag und Nacht. In dieser Zeit sagte er zu mir: «Grazia, was machst du eigentlich auf der Privatabteilung dieses Spitals? Es wäre besser, wenn du in die Welt hinausgehen würdest, zu jenen Menschen, die die andern nicht mehr sehen.» Ich wusste zuerst gar nicht recht, wie er das konkret meinte. Aber als ich sah, wie er die Professoren links liegen liess, sich dafür aber stets vergnügt und angeregt mit den Putzfrauen auf unserer Abteilung unterhielt, bekam ich eine Ahnung von dem, was er sich von mir erhoffte.

"Uns geht es darum, die Frauen ganzheitlich zu betreuen"Grazia Aurora

Heute besuchen und begleiten Sie Sexarbeiterinnen in und um Winterthur. Was tun Sie konkret? Ich bin heute in erster Linie eine psychosoziale Beraterin für Gesundheit und Sexualität. Letztlich geht es aber darum, die Frauen ganzheitlich zu betreuen, für sie und ihre Anliegen da zu sein. Ich gehe dazu in die verschiedenen Etablissements, wo die Frauen arbeiten, und versuche dort in den Gesprächen mit ihnen herauszufinden, welche Hilfestellung sie derzeit am dringendsten benötigen. Dabei werde ich auch mit rechtlichen Fragen zu ihrem Aufenthalt in der Schweiz konfrontiert. Ich begleite die Frauen zudem bei Behördengängen oder bei Notfällen, wenn sie ins Spital eingewiesen werden müssen. An Ort und Stelle mache ich die medizinische Grundversorgung. Zudem führe ich HIV-, Syphilis- und auch Schwangerschaftstests durch und gebe Kondome und Femidome ab.

"Sexarbeiterinnen wird heute immer noch respektlos begegnet"Grazia Aurora

Sie gehören heute zum Team von «Isla Victoria». Diese Organisation ist ein Arbeitszweig der Zürcher Stadtmission. Missionieren Sie die Prostituierten? (lacht) Nein, nein, wir missionieren niemanden. Als Beratungs- und Anlaufstelle für Personen, die im Sexgewerbe arbeiten, sind wir überkonfessionell tätig. Isla Victoria respektiert die Lebens- und Arbeitssituation der Sexarbeitenden. Unser Ziel ist es, die Beratung auf den Einzelfall anzupassen. Auf diese Weise können wir individuelle Lösungen für die Frauen finden.

Inwieweit hat sich die Situation der Sexarbeiterinnen im Gegensatz zu früher verändert? Ich möchte lieber etwas zu dem sagen, was sich nicht verändert hat. Geblieben ist nämlich die Stigmatisierung. Sexarbeiterinnen begegnet man heute leider noch immer respektlos und herablassend. Zudem wird nach wie vor behauptet, dass es viele Frauen gerne ohne Gummi machen würden. Das entspricht aber nicht den Tatsachen. Das Hauptproblem liegt nach wie vor bei den Freiern. Sie sind es, die vermehrt Sex ohne Gummi verlangen. Andererseits ist niemandem geholfen, wenn man diese Männer andauernd dämonisiert.

Was sollte man stattdessen tun? Ich bin der Ansicht, dass auch Freier niederschwellige Beratung brauchen. Im direkten Kontakt mit den Freiern, das habe ich persönlich immer wieder erfahren, sind viele Männer durchaus offen für ein Gespräch und nehmen auch Ratschläge an. Gerade in meinen Bildungsvorträgen zum Thema «Prostitution» in Winterthurer Grossfirmen, bei denen die Männer anonym Fragen stellen konnten, habe ich die Erfahrung gemacht, dass viele dankbar waren, dass sie endlich ihre spezifischen Fragen zum Thema stellen konnten. Die Bandbreite der Fragen der meist verheirateten Männer, ist gross und reicht von Gewalt an Frauen bis hin zu pädophilen Neigungen.

"Die meisten Sexarbeiterinnen finden das keinen Traumjob"Grazia Aurora

Wie viele Frauen arbeiten heute freiwillig als Prostituierte? Diese Frage ist schwierig zu beantworten. Viele haben ja nach wie vor das Bild des bösen und gewalttätigen Zuhälters, der die Frauen unterdrückt und ausnimmt. Doch die Wirklichkeit ist vielschichtiger. Nicht selten ist es so, dass manche Frauen von ihren Partnern, auch Ehepartnern, emotional stark abhängig sind. Aufgrund finanzieller Not in der Familie, braucht es dann oft nur einen kleinen, perfiden, aber anhaltenden Druck von Seiten der Männer, dass die Frauen eines Tages plötzlich bereit sind anzuschaffen. Klar ist auf jeden Fall: Sexarbeiterin zu sein wird in den seltensten Fällen als Traumjob empfunden.

Wie helfen Sie den Frauen konkret, wenn diese aus dem Milieu aussteigen wollen? Wichtig ist: Ich gehe nicht zu den Frauen hin und sage ihnen was sie tun sollen und was nicht. Aber ich frage sie, wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Aus einem solchen Gespräch kann dann tatsächlich hie und da der Wunsch erwachsen auszusteigen. Wenn der Leidensdruck genug gross ist und sich der Ausstiegswunsch konkretisiert, schaue ich mit den Frauen, welche Möglichkeiten sie auf dem Arbeitsmarkt haben. Wir helfen ihnen dann beispielsweise beim Erstellen des Bewerbungsschreibens und des Lebenslaufs. Zudem ermutigen wir sie, einen von unserer Fachstelle angebotenen Deutschkurs zu besuchen oder sich für unseren Nähkurs einzuschreiben.

Und wie oft schaffen die Frauen den Ausstieg dann tatsächlich? Es gelingt mehr, als man vielleicht meinen könnte. Ich habe in letzter Zeit gleich drei Frauen bei ihrem Ausstieg begleiten können, die über lange Zeit als Sexarbeiterinnen tätig waren. Eine von ihnen, eine Schweizerin, hatte früher einmal die Schule abgebrochen. Diese Frauen sind heute im Gastronomiebereich und im Reinigungsdienst tätig.

Welche Unterstützung erhoffen Sie sich vonseiten der Behörden? Ich sehe, dass wir durch unsere präventive Arbeit sehr viele Folgekosten im Sozialbereich, die den Staat belasten würden, verhindern können. Von daher würde ich es sehr begrüssen, wenn die Stadt Winterthur unsere Arbeit entsprechend schätzen und auch finanziell unterstützen würde. Interview: Thomas Münzel

Lesen Sie hier über die Geheimnisse und Probleme einer Winterthurer Prostituierten aus Brasilien.

www.stadtmission.chLink

Erstellt: 22.11.2016, 16:42 Uhr

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