Frauenstreik

Unüberhörbare Weckrufe

Der Frauenstreiktag in Winterthur war bunt und fröhlich, aber auch ernst, eindringlich – und erschütternd.

Das Video zum Frauenstreik.


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«Meine Mutter wollte einen Knaben und kein Mädchen», erzählte gestern eine 52-jährige Frau auf dem Kirchplatz in Winterthur und war den Tränen nahe. «Ich war als Mädchen unerwünscht. Mein Mami sagt deshalb noch heute Sohn zu mir.» Es sei deshalb kein Wunder, dass sich immer noch viele Frauen oft als Menschen zweiter Klasse fühlten, sagte sie.

Es waren genau solche und ähnliche Lebensgeschichten am Frauenstreiktag in Winterthur, die die Zuhörerinnen und Zuhörer besonders berührten und betroffen machten. Vorgetragen von Frauen aus dem Volk, die sich erstmals wagten einer breiten Öffentlichkeit Einblick in ihr Seelenleben zu gewähren. Gerade ihre Geschichten machten klar, dass die Diskriminierung von Frauen letztlich ein gesamtgesellschaftliches Problem ist – und nicht nur eines zwischen Frauen und Männern.

Desinteressierte Frauen

Eine nicht repräsentative Strassenumfrage abseits der gestrigen Frauenstreik-Aktionsplätze machte zudem bewusst, dass es erstaunlich viele junge Frauen gibt, die dem Engagement für die volle Gleichstellung der Geschlechter skeptisch gegenüberstehen. «Das sind wirklich Luxusprobleme, die die haben», meinte beispielsweise eine 23-jährige Frau mit Blick auf jene Geschlechtsgenossinnen, die sich am Frauenstreiktag engagierten.

«Das ist Klagen auf hohem Niveau», meinte eine andere. Und: «In vielen Ländern sieht es punkto Gleichstellung von Mann und Frau richtig düster aus. Da leben unsere Frauen hier ja geradezu paradiesisch.» Einige Frauen standen dem Frauenstreiktag schlicht gleichgültig gegenüber – oder fanden ihn einfach nur unnötig.

Akanji: «Ich bin wütend»

Allein in Winterthur sahen dies aber an diesem sommerlichen Tag mindestens 5000 Frauen (und auch erstaunlich viele Männer), die gestern Nachmittag am Frauenstreik-Umzug in der Altstadt teilnahmen, ganz anders. Unnötig fanden sie gar nichts. Im Gegenteil. Sie forderten unisono und ziemlich lautstark, dass die Gleichstellung von Frau und Mann in Gesellschaft, Wirtschaft, Wissenschaft, Bildung und Politik in der Schweiz «endlich Realität wird».

«Ich bin wütend», sagte die Winterthurer SP-Kantonsrätin Sarah Akanji gestern Vormittag in ihrer Begrüssungsrede auf dem Kirchplatz. «Ich bin wütend, dass es schon länger bekannt ist, dass Frauen immer noch weniger verdienen als Männer, und der Staat dennoch nicht eingreift.» Viele Frauen würden zudem nach wie vor unzählige Stunden ohne Lohn arbeiten, sagte Akanji. Das räche sich dann später. «Frauen werden im Alter diskriminiert, weil sie weniger Rente erhalten.»



«Heute zeigen wir auf: Wenn Frau will, steht alles still.»
Sarah Akanji, SP-Kantonsrätin

Diese Art von Ungleichheit müsse von Wirtschaft und Politik unbedingt angegangen werden. Tobender Applaus brandete auf dem Kirchplatz auf. Zustimmungsschreie waren zu hören. «Ich stehe hier in Winterthur, um mich gegen jegliche Art von Diskriminierung zu wehren», rief Akanji ihren Zuhörerinnen zu. «Wie bereits 1991 sagen wir Nein. Genug ist genug. Heute zeigen wir auf: Wenn Frau will, steht alles still.»

Aufruf zur Solidarität

Viel Applaus erhielt gestern Nachmittag auch die Winterthurer SP-Nationalrätin Mattea Meyer für ihre Rede, in der sie zur Solidarität untereinander aufrief. Sie war vorgängig noch in Bern unterwegs und schwärmte davon, wie unglaublich voll der Bundesplatz gewesen sei. Es berühre sie aber ebenfalls sehr zu sehen, wie viele Menschen allein in Winterthur am Frauenstreiktag unterwegs seien.

«Ich war als Mädchen
unerwünscht. Mein Mami sagt deshalb noch heute Sohn zu mir.»
52-jährige Frau, die ihre Leidensgeschichte gestern erstmals öffentlich machte.

Neben all den Reden gab es gestern jedoch auch viel Zeit für Musse und Kreativität. Unmittelbar neben der Stadtkirche waren beispielsweise einige Mütter zusammen mit ihren Kindern daran, Plakate für die Grossdemonstration am Nachmittag auf dem Neumarkt zu basteln. «Nein, ich streike heute nicht», sagte eine junge Logopädin, die sich anschickte, ein Plakat zu bemalen. «Ich habe heute ohnehin frei.» Sie sei aber froh, dass sie gar nicht erst in die Situation geraten sei, um sich die Frage stellen zu müssen, ob sie nun streiken solle oder nicht.

Andere Frauen sahen das ähnlich. Viele hatten zudem extra für diesen Tag freigenommen. Ein Streik kam für sie nicht infrage. Andere arbeiteten und kamen nur über den Mittag auf den Kirchplatz und am späten Nachmittag dann auf den Neumarkt zur Demo.

Dass diese dann so gross ausfallen würde, damit hatte offenbar niemand gerechnet. Gegenüber der Polizei hatten die Organisatorinnen im Vorfeld bloss von etwa 200 Demonstrantinnen gesprochen – gekommen waren dann plötzlich mehrere Tausend. «Wir waren schon freudig überrascht», sagte gestern Abend Anna Serra vom Organisationskomitee. Obschon auch viele Winterthurerinnen an die Demo nach Zürich gegangen seien, «ist es uns dennoch gelungen, viele Frauen für unseren Anlass zu mobilisieren».

Den Ticker zum Frauenstreik gibt es hier zum Nachlesen. (Landbote)

Erstellt: 14.06.2019, 23:00 Uhr

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