Winterthur

«Viele Hilfswerke legen einfach los»

Hilfsorganisationen sollen in Nepal eng mit den Gemeinden zusammenarbeiten, sagt Peter Arbenz, Ehrenpräsident von Helvetas. Der Winterthurer hat dort für den Bund drei Jahre lang ein Projekt geleitet.

Das Erdbeben hat Strassen und Häuser in nepalesischen Dörfern zerstört. Die Einwohner sind aber bereits aktiv an der Wiederinstandstellung.

Das Erdbeben hat Strassen und Häuser in nepalesischen Dörfern zerstört. Die Einwohner sind aber bereits aktiv an der Wiederinstandstellung. Bild: Keystone

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«Wir wollen keine weiteren Rettungsteams», sagte am Mittwoch der Chef von Nepals Katastrophenmanagement. Überraschte Sie das?
Peter Arbenz: Das hat mich gar nicht überrascht. Eine solche Katastrophe löst eine grosse Solidarität aus, alle Hilfswerke sind gefordert, es ist ja ihr Hauptauftrag. Aber die Koordination ist schwierig, und es sind schnell zu viele Leute vor Ort. Man darf nicht vergessen: Die «Man Power» hat Nepal ja. Sehr schnell wurde von Hand mit Räumungsarbeiten begonnen, auch die Armee hat schnell eingegriffen und unterstützt. Ich verstehe also, wenn die Regierung sagt, dass sie nicht mehr helfende Hände braucht.

Was braucht Nepal denn?
Bald werden schwere Baumaschinen gebraucht, um die Räumungsarbeiten und den Wiederaufbau voranzubringen. Und es braucht vor allem Hilfsgüter wie Wasser, Nahrungsmittel, Medikamente, Zelte. Aber diese zu liefern, ist leichter gesagt als getan: Das Land verfügt nur über einen internationalen Flughafen mit einer Piste und dort kaum Lagermöglichkeiten für die gelieferten Hilfsgüter. Der Zugang zu Nepal erfolgt einstweilen durch dieses Nadelöhr. In vielen anderen Ländern ginge das wohl einfacher.

Der Zugang zum Land ist aber nicht das einzige Problem.
Es kommt dazu, dass man erst weiss, wie die Si­tua­tion in und um Kathmandu aussieht. Dort liegt aber nicht das Epizentrum des Erdbebens, sondern bei Gorkha. Dorthin führt eine Passstrasse, die möglicherweise verschüttet wurde. Und viele Dörfer sind nur über Fussmärsche oder per He­li­ko­pter erreichbar. Noch müssen viele Menschen im Freien leben. Zudem regnet es und ist es kalt. Dringend benötigt sind sauberes Trinkwasser und sanitäre Einrichtungen. Man kann sich das nicht dramatisch genug vorstellen. Ist die Regierung mit der Katastrophenhilfe überfordert?
Leider ja. Sie ist ja nur eine Übergangsregierung, die seit dem Ende des Bürgerkriegs 2006 um eine Verfassung ringt und nur über eine schlecht funktionierende Verwaltung verfügt. Auch Schweizer Hilfswerke wie Helvetas sind vor Ort: Wie funktioniert so ein Einsatz?
Helvetas ist seit 60 Jahren in Nepal in der partnerschaftlichen Entwicklungszusammenarbeit tätig. Die Organisation hat aber beschlossen, wenn in einem ihrer Projektländer eine Katastrophe passiert, auch Katastrophenhilfe zu leisten. Helvetas hat deshalb sehr schnell einen Spendenaufruf gestartet. Denn die verfügbaren Budgetmittel sind zweckgebunden. Die Finanzierung der Kata- strophenhilfe ist zusätzlich sicherzustellen.

Was passiert vor Ort?
Man versucht Hilfsgüter zu beschaffen und zu verteilen. In der Regel kann man am Anfang nur einsetzen, was lokal verfügbar ist. Das ist aber schwierig, weil Läden zerstört wurden oder geschlossen sind. Und das führt schnell zu Sicherheitsproblemen und zu Plünderungen. Mich beeindruckt, dass dies in Nepal bis jetzt praktisch nicht vorgekommen ist. Die Bevölkerung verhält sich wirklich ausserordentlich solidarisch.

Helvetas arbeitet schon lange in Nepal. Ist das im Moment einer Katastrophe ein Vorteil?
Wir haben bereits Verbindungen in die Regierung, ein Netzwerk mit lokalen Organisationen und Ortskenntnisse. Wir können so viel gezielter und schneller Abklärungen machen und diese Informationen auch neu ankommenden Hilfsorganisationen weitergeben.

Man erhält bisweilen den Eindruck, die verschiedenen Hilfswerke stehen sich quasi auf den Füssen. Wie funktioniert da die Koordination?
Wenn die Regierung dies nicht übernehmen kann, koordiniert die UNO. Viele Organisationen kommen aber auch einfach an und legen los, ohne sich abzusprechen. Es braucht eine Weile, bis Ordnung entsteht.

Auch brüstet sich jedes Land gerne damit, zuerst vor Ort gewesen zu sein.
Das ist halt Politik, man muss ja legitimieren, dass die eigene Katastrophenhilfsorganisation richtig und wichtig ist. Dass viele schnell ihre Helfer entsenden, macht aber schon Sinn. Das ist vor allem nötig, wenn ein Land selber nicht über eine gute Katastrophenhilfe verfügt. Aber die Ernüchterung über die Einsatzmöglichkeiten kommt rasch. Dann sollten sich die Nothilfeteams wieder zurückziehen, damit mit dem professionellen Wiederaufbau begonnen werden kann.

Wie kann sichergestellt werden, dass die Hilfe langfristig nützt und den Bedürfnissen der Menschen dort entspricht?
Wichtig ist, dass sich die Organisationen mit der Regierung und insbesondere auch mit den Gemeindebehörden absprechen. Das ist in Nepal aber ein Problem: Es hat eine Zentralregierung, die noch damit ringt, wie viel Autonomie sie den Regionen zugestehen soll. Die Katastrophe kann in dem Sinn auch eine Chance sein, dass der Prozess, Kompetenzen zu dezentralisieren, beschleunigt werden kann. Denn mit einer schwachen Zentralregierung kann man dieses Land nicht so schnell wieder aufbauen.

Wie hilflos sind die Überlebenden? Sind sie die passiven Empfänger, als die sie in den Medien häufig dargestellt werden?
Das trifft in Nepal sicher nicht zu. Viele sind nach dem Erdbeben traumatisiert. Aber die meisten haben sofort mit Räumungsarbeiten begonnen und sind bereits aktiv an der Wiederinstandstellung. Sie wollen so schnell wie möglich zurück in ihre Häuser.

In Nepal gibt es unzählige kleinere Hilfswerke. Wie wichtig sind diese bei der Nothilfe?
Dass es in Nepal viele privat initiierte Projekte gibt, hat sich als sehr positiv erwiesen. Schulen und Waisenhäuser wurden von hier aus meistens schnell wieder erreicht und Hilfe konnte so dezentral und unbürokratisch geleistet werden.

Helvetas hat in Nepal eine lange Geschichte, und Nepal war das erste Projektland der Schweizer Entwicklungszusammenarbeit. Wieso Nepal?
Als Gebirgsland hat Nepal früh die Sympathie der Schweizer geweckt. Die Projektin­itia­ti­ve ging damals auf Schweizer Bergsteiger zurück und man begann mit typischen Gebirgsprojekten wie Bergkäsereien. Die Länderwahl war vor allem eine emotionale Entscheidung. Nepal war aber auch damals eines der ärmsten Länder.

Sie haben in den 60er-Jahren selber drei Jahre in Nepal gearbeitet.
Ich war damals für den Bund tätig. Als Programmleiter war ich verantwortlich für die Wiedereingliederung von gegen 10 000 tibetischen Flüchtlingen. Wir haben mit ihnen die Teppichknüpfereien zur wirtschaftlichen Basis gemacht und Siedlungen aufgebaut, die auch über Schulen, Krankenstationen und sogar Altersheime verfügen. Deren Unterhalt wird immer noch zum Teil mit aus dem Teppichverkauf erzielten Gewinnen über eine tibetische Stiftung finanziert. Die Zusammenarbeit mit den Tibetern und den Nepalesen hat hervorragend funktioniert.

Nepal ist auch heute noch das grösste Landesprogramm von Helvetas. Wieso braucht es immer noch Hilfe?
Entwicklungshilfe ist immer etwas Langfristiges. Nepal ist wirtschaftlich nicht so schnell gewachsen, auch wegen des starken Bevölkerungswachstums. Es hat aber grosse Fortschritte gemacht. Es ist deshalb umso tragischer, dass seine Entwicklung jetzt um 10 bis 20 Jahre zurückgeworfen wurde. Es ist jetzt wichtig, dass die Infrastruktur, also Brücken, Strassen, Wasserversorgung, so schnell wie möglich wiederhergestellt wird, sodass die mikroökonomischen Prozesse wieder in Gang kommen können. (Landbote)

Erstellt: 01.05.2015, 23:15 Uhr

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