Psychoanalyse

«Wann kommt der Mann mit dem Bären?»

Pedro Grosz behandelt Kinder mit der Psychoanalyse. Er hat nun ein Buch mit Fallbeispielen aus seiner Praxis geschrieben.

Der Psychoanalytiker Pedro Grosz hält in seiner Praxis sein neues Buch in den Händen.

Der Psychoanalytiker Pedro Grosz hält in seiner Praxis sein neues Buch in den Händen. Bild: Johanna Bossart

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«Es sind feine, gute Eltern, dieihre Kinder zu mir bringen», sagt der Psychoanalytiker Pedro Grosz. Häufig schicken statt der Eltern Schulpsychologen oder Behörden Kinder zu Grosz in die Praxis. Viele Eltern fühlen sich durch einen solchen Eingriffgekränkt. «Eltern wollen ein normales Kind haben», sagt Grosz.

Der 75-Jährige trägt einen Krauskopf und schaut einen mit wachen Augen an. Er spricht sehr behutsam. Seit mehr als 50 Jahren arbeitet Grosz als Psychoanalytiker. Die Psychoanalye ist eine Gesprächstherapie. Sie geht auf den Wiener Arzt Sigmund Freud zurück. Kürzlich hat Grosz ein Buch mit Fallbeispielen aus seiner Praxis veröffentlicht.

Flucht und Horror

Grosz selbst hatte keine unbeschwerte Kindheit. Obwohl er einen Elefanten aus dem Zoo zum Freund hatte. Grosz’ Vater wurde vor dem Zweiten Weltkrieg aus der Schweiz abgeschoben. Weil er Ungar und Jude war. Grosz’ Eltern gelang die Flucht aus Europa nach Argentinien. Pedro Grosz wurde in Buenos Aires geboren. Dort erfuhr er nach dem Krieg, dass die meisten Verwandten des Vaters von den Nationalsozialisten ermordet worden waren. Wegen eines Militärputsches in Argentinien kam Grosz 1963 in die Schweiz. Er wohnt in Winterthur und führt seine Praxis in Zürich.

Nicht mehr essen

Grosz arbeitet auch im Zürcher Kinderspital. «Es gibt Kinder, die einfach nichts mehr essen und schliesslich sterben. Das ist etwas ganz Furchtbares», sagt er. Es könne sein, dass die Kinder das aus Rache an den Eltern tun. Ein Psychoanalytiker versucht in einem solchen Fall, unbewusste Traumata bewusst zu machen.

Grosz berichtet von einem Erfolgserlebnis im Kinderspital mit einem Jungen, der nicht mehr sprechen wollte. Grosz erzählte ihm bei jedem Besuch von einem Bären, der . . . Nie erzählte er diese Geschichte fertig. Bis der Junge sein Schweigen brach und jemanden fragte: «Wann kommt der Mann mit dem Bären wieder?»

Es braucht Zeit

«Bei der Therapie müssen zuerst drei Erwachsene ein Vertrauensverhältnis zueinander finden», sagt Grosz. Damit meint er sich selbst und die Eltern eines Kindes. «Die Psychoanalyse ist nicht so schnelllebig wie unsere Zeit», sagt Grosz: «Sie ist ein Prozess.» Anders gesagt ist die Analyse ein langer Weg, den die Patienten mit ihrem Arzt gehen. Der Psychoanalytiker kann ein Kind nicht losgelöst von seinen engsten Bindungen behandeln. «Ich stelle den Eltern mein Wissen zur Verfügung. Sie bestimmen den Umfang der Behandlung», sagt er.

«Die Psychoanalyse ist nicht so schnelllebig wie unsere Zeit - Sie ist ein Prozess.»Pedro Grosz

Das war nicht immer so. Die Psychoanalyse für Kinder wurde von Anna Freud, der Tochter des weltbekannten Sigmund Freud, entwickelt. Anna Freud behandelte die Kinder zunächst als Einzelpersonen, so wie es in der Psychoanalyse üblich war. Grosz lernte Anna Freud in London noch persönlich kennen.

Jeder Fall ist neu

«Ich habe Mühe, Tendenzen und allgemeine Zustände zu benennen. Ich kann nur über einzelne Fälle sprechen», sagt Grosz. So misstraut er auch der «Modediagnose ADHS», wie er sagt: «Sie erfolgt meist blindlings.» In der Folge gibt man dem Kind Ritalin. Grosz führt ein Beispiel an. Ein aufgeweckter und zugleich empfindsamer Junge war wegen ADHS bei ihm in Behandlung. Im Verlauf der Therapie fasste der Junge Mut und fragte seinen Lehrer, warum er immer so missgelaunt ins Klassenzimmer komme. Es stellte sich heraus, dass der Lehrer extrem unter seiner Scheidung litt. Das übertrug sich auf den sensiblen Jungen.

Eine Zeit der Angst

Bei aller Vorsicht gegenüber Verallgemeinerungem sieht Grosz die Angst als grösste Störung, die Kinder betrifft. Es ist eine Angst, die die ganze westliche Gesellschaft befallen hat. «Gemeinschaftliche Regeln stehen im Raum, als wären sie überflüssig», sagt Grosz: «Überall macht sich Rücksichtslosigkeit breit.» Ohne ethischen Kontext fehlt den Menschen ein Koordinatensystem. Das gilt besonders für die Kinder. Sie verlieren den Bezug zu ihrer sozialen Umgebung. Das macht ihnen Angst.

Haus am See

«Ich habe einen tiefen Bezug zu Winterthur. Meine Frau ist hier aufgewachsen», sagt Grosz augenzwinkernd. Ans Herz gewachsen ist ihm aber augenscheinlich auch das Haus in Zürich, wo er seine Praxis führt. Es stand einst am Comersee und wurde Stein für Stein nach Zürich versetzt. Man kann sich gut vorstellen, dass viele traurige Kinder hier einen Hafen fanden, beim Mann mit dem Elefanten und dem Bären. (Landbote)

Erstellt: 14.06.2018, 08:34 Uhr

Pedro Grosz

Einblicke. Vissivo-Verlag.

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